WEEKLY SERIES

THOUGHT LEADERS

GLOBAL PERSPECTIVES

INTERNATIONAL INSIGHT

MIND AND MATTER

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Kriege gegen Frauen

Heleen Mees and Femke van Zeijl

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic
Share
2008-05-26

AMSTERDAM Die Wahrheit, so heißt es oft, ist das erste Opfer des Krieges. Wenn es allerdings um die ganze Wahrheit geht, sind Frauen die ersten Opfer. Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF stellte kürzlich fest, dass sich sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten wie eine Epidemie ausbreitet. Ob in Bürgerkriegen, bei Pogromen oder anderen bewaffneten Konflikten, viel zu oft wird der Körper der Frau zu einem Teil des Schlachtfeldes. Die Bandbreite der Opfer ausgedehnter sexueller Gräueltaten reicht von Mädchen im Babyalter bis zu alten Frauen.

In Darfur entführten Janjaweed-Milizen ein 12-jähriges Mädchen. Sie wurde eine Woche lang von mehreren Milizangehörigen vergewaltigt, die ihre Beine so stark spreizten,  dass sie für den Rest ihres Lebens behindert sein wird. Die größte Angst der Vergewaltigungsopfer in Darfur ist allerdings, nie mehr einen Ehemann zu finden. Nach dem Gesetz der Scharia werden vergewaltigte Frauen wegen Ehebruch und Unzucht verfolgt. Letztes Jahr wurden im Sudan mindestens zwei junge Frauen zum Tod durch Steinigung verurteilt. Refugees International stellt fest: „Die Regierung leitet eher gegen diejenigen Schritte ein, die Vergewaltigungen melden oder dokumentieren als gegen die Vergewaltiger selbst.“ 

Auch in den Kriegen, die momentan in der Demokratischen Republik Kongo wüten, wird der größte Teil der Schuld den Vergewaltigungsopfern zugeschoben. Nach einer Vergewaltigung werden die kongolesischen Frauen von ihren Ehemännern verstoßen und von ihrer Gemeinschaft geächtet. In vielen Fällen verstümmelt man ihre Genitalien durch einen Gewehrschuss oder wirft die Frauen nackt ins Feuer.

In Kulturen, wo Frauen und Mädchen verheiratet werden und Keuschheit als zentraler  Aspekt der Weiblichkeit gilt, verlieren Frauen mit ihrer Ehre auch alles andere. Dieses Stigma ist oft eine größere Bürde als der Übergriff selbst. Es sollte daher keine Überraschung sein, dass die meisten dieser gebrochenen Frauen schweigen.

Während des Balkan-Krieges in den 1990er Jahren wurden Frauen vergewaltigt, um die Kinder des Feindes auszutragen. Laut Schätzungen der Europäischen Union wurden allein in Bosnien 20.000 Frauen Opfer von Vergewaltigungen. Die Frauen blieben großteils auf sich allein gestellt, traumatisiert von ihren Erlebnissen und verurteilt zu einem Leben in Armut.

Im Jahr 1945 wurden geschätzte zwei Millionen Frauen Opfer von sexuellen Gewalttaten der Roten Armee. Dabei handelte es sich nicht nur um deutsche Frauen, sondern auch um jüdische Frauen in Verstecken, um Überlebende aus Konzentrationslagern und Widerstandskämpferinnen. Wie die deutsche Journalistin Ruth Andreas-Friedrich schrieb, schuf das Gefühl der Scham über die „verlorene Ehre“ eine „Atmosphäre des Selbstmordes“. Im April 1945 kam es in Berlin zu über 5.000 Selbstmorden. Weil die „Ehre“ dieser Frauen und Mädchen die größte Sorge der Ehemänner, Väter und Lehrer war, setzten sie sie unter Druck, ihrem Leben nach der Vergewaltigung durch russische Soldaten ein Ende zu setzen. 

Für viele Mädchen und Frauen bleibt Sex außerhalb der Ehe schlimmer als der Tod. Es ist daher umso erstaunlicher – und schmerzhafter – dass dieses spezielle Kriegsverbrechen derart lange Zeit so wenig Aufmerksamkeit erhielt. Während des Zweiten Weltkriegs war das Vergewaltigungsverbot für Soldaten im Völkerrecht durchaus fest verankert, aber bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg und Tokio kamen nur wenige Fälle zur Anklage.

Während des Genozids in Ruanda standen Massenvergewaltigungen auf der Tagesordnung. Sexuelle Übergriffe wurden allerdings nur durch Zufall – und erst in zweiter Linie – in die Anklageschriften der Prozesse vor dem Tribunal für Ruanda aufgenommen. Nachdem eine Frau aus Ruanda vor dem Tribunal spontan erklärte, dass sie und andere Frauen vor dem Massaker vergewaltigt worden waren, ging eine Richterin der Sache nach und enthüllte die enormen Ausmaße der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Erstmals in der Geschichte beschrieb das Tribunal für Ruanda Vergewaltigung als möglichen Akt des Genozids.

Im Jahr 2001 verurteilte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag die systematische Vergewaltigung von Frauen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im richtungsweisenden Foca-Prozess verurteilte der Strafgerichtshof drei bosnische Serben wegen Vergewaltigung, Folter und Versklavung von muslimischen Frauen im Jahr 1992. Dabei wurden Mädchen, von denen manche erst 12 Jahre alt waren, über Wochen Opfer von Massenvergewaltigungen.

Doch die Täter dieser Massenvergewaltigungen und anderer Formen sexueller Gewalt in Kriegszeiten kommen üblicherweise ungeschoren davon. Vor kurzem wurde der kongolesische Milizführer Thomas Lubanga als erster wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten vor den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in den Den Haag  gestellt. Doch die Tatsache, dass in der Anklage nichts von Gewalt gegen Frauen steht, ist laut kongolesischen Menschenrechtsorganisationen ein „enormer Schock“ für die Opfer. In einer Petition wandte man sich an den Strafgerichtshof, damit dieser die von allen Konfliktparteien begangenen Massenvergewaltigungen untersucht.

Die für diese abscheulichen Verbrechen typische Straflosigkeit muss ein Ende haben. Regierungen, Parlamentsabgeordnete, Milizführer und Meinungsmacher müssen Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt offen diskutieren. Strafverfolgung muss zur Regel werden. Der Internationale Strafgerichtshof und andere Tribunale müssen klare Signale an die Täter aussenden.

Für Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen wurden, gibt es keine finanziellen Entschädigungen, keine Gedenkstätten und keine Trauerrituale. Auch das muss sich ändern. Beim ICC sollte ein Denkmal für die unbekannte vergewaltigte Frau errichtet werden. Vielleicht würden die Richter der sexuellen Gewalt gegen Frauen dann mehr Aufmerksamkeit schenken.

Heleen Mees ist Ökonomin und Anwältin aus Holland. Ihr jüngstes Buch Weg met het deeltijdfeminisme! untersucht den Feminismus der dritten Generation. Überdies ist sie Verfasserin eines Buches über Recht der Europäischen Union und Gründerin des Frauenaktionskomitees Women on Top. Femke van Zeijls jüngstes Buch Een nacht in een vijzel widmet sich dem Leben der Frauen in Mozambique, Sudan, Ruanda, Burundi, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo.

You might also like to read more from Heleen Mees and Femke van Zeijl or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Heleen Mees is a Dutch economist and lawyer. Her most recent book Weg met het deeltijdfeminisme! examines third generation feminism. She is also the author of a book on European Union law and founder of the women's action committee Women on Top.
Femke van Zeijl is a Dutch writer and journalist primarily working in Sub-Saharan Africa. Her most recent book Een nacht in een vijzel looks at women's lives in Mozambique, Sudan, Rwanda, Burundi, Uganda and the Democratic Republic of the Congo.