OXFORD – Die Türkei war lange Zeit eine Oase der geopolitischen Stabilität. Doch seit 2003 wurde das so gut wie nie in Frage gestellte Bündnis mit den Vereinigten Staaten aufgrund des Irak-Kriegs einer tief greifenden Neubewertung unterzogen, und der türkische Konsens zur Jahrzehnte langen EU-Anwartschaft des Landes ist durch das Hin und Her der EU ins Wanken geraten. Angesichts der zentralen Rolle der Türkei beim Friedenserhalt in der instabilen Kaukasusregion und auch bei der Friedensförderung im Nahen Osten – schließlich werden die aktuellen Gespräche zwischen Syrien und Israel unter Vermittlung der Türkei geführt –, ist eine Vernachlässigung der Türkei nicht nur töricht, sondern auch gefährlich.
Sowohl die regierende Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) als auch ihre säkularen Rivalen halten öffentlich an dem Ziel der EU-Mitgliedschaft fest, in der Praxis sind ihnen jedoch Zweifel gekommen. Das Bestehen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy darauf, ein Referendum über den Beitritt der Türkei entscheiden zu lassen, legt nahe, dass die jahrelange, mühsame Anpassung an EU-Normen niemals durch eine Mitgliedschaft entlohnt wird.
Die USA und die EU sind offenbar davon überzeugt, dass die Türkei keine andere Wahl habe. Sie meinen, die Türken würden fatalistisch jede Brüskierung hinnehmen. Doch übersehen sie in dieser bequemen Annahme die tektonische Verschiebung der geopolitischen Position der Türkei.
Direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wandte sich die Türkei in einem Anflug panturkischer Romantik den neuerdings unabhängigen zentralasiatischen Staaten zu. Die Heimat ihrer Vorfahren übte eine gewisse Anziehung auf die türkische Fantasie aus, doch sind es heutzutage vielmehr Geschäftschancen, Energieressourcen und andere praktische Gründe als die ethnische Einheit, die zu einem lockeren turkischen „Commonwealth“ führen.
Am auffälligsten ist, dass die Türkei ihre Beziehungen zu Russland erneuert, ohne dass die Verbindungen zu den seit kurzer Zeit unabhängigen postsowjetischen Staaten beschädigt würden. Die alte türkische Feindseligkeit gegenüber Russland flammte kurz wieder auf, als die Sowjetunion in sich zusammenfiel. Anfang der 1990er Jahre sahen einige türkische Generäle die Demütigung der russischen Truppen in Tschetschenien als Teil einer lang ersehnten Rache.
Doch während Russland (und Iran) früher einmal die großen geopolitischen Rivalen der Türkei waren, sind sie heute Exportmärkte und Energieversorger. Energie ist der Schlüssel zur neuen geopolitischen Position der Türkei. Ihre Industrie und Bevölkerung wachsen dynamisch, daher erzeugt ihr Energiebedarf eine geopolitische Synergie mit Russland und Iran, von denen keiner es sich leisten kann, den Öl- und Gasfluss zu unterbrechen, ohne eine massive interne Krise auszulösen.
Während sich die Einstellung der Türkei zu ihren Nachbarn verändert hat, musste die regierende Elite beobachten, wie die EU ehemals kommunistische Länder mit wesentlich instabileren Marktwirtschaften und einer kürzeren demokratischen Tradition aufnahm. Ein türkischer General drückte es folgendermaßen aus: „Wenn wir dem Warschauer Pakt anstatt der NATO beigetreten wären, so wären wir jetzt in der EU.“
Die Wiederwahl der AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, gefolgt von der Wahl Abdullah Güls zum ersten Präsidenten mit einer Kopftuch tragenden Frau schien die Befürchtungen der antiislamischen Europäer zu bestätigen. Doch obwohl viele AKP-Aktivisten und Wähler fromme Muslime sind, halten Erdogan und Gül an der Integration in Europa fest. Ihnen läuft jedoch die Zeit davon, um ihre Anhänger zufrieden zu stellen und ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen, indem Sie den Beitritt erreichen.
Das Problem ist, dass die Siege der AKP zusammen mit Amerikas Werben um Erdogan und Gül bei der früher dominanten, säkularen und prowestlichen Elite der Türkei eine Richtungskrise ausgelöst haben. Selbst wenn die AKP sich auf die Treue von Millionen von Wählern und Massen an neuen Mitglieder verlassen kann, die der Siegerseite beitreten möchten, sind die Säkularisten fest in den türkischen Institutionen, Universitäten, den Medien und der Wirtschaft verwurzelt.
Doch misstrauen jetzt sowohl normale AKP-Anhänger als auch enttäuschte Säkularisten Amerikas Aktionen und Motiven in der Region. Der stillschweigende Beistand wichtiger Militärs für den Beschluss des türkischen Parlaments, die von den USA geführte Invasion des Iraks im März 2003 nicht zu unterstützen, deutet darauf hin, dass der türkische Nationalismus die einfachen Abgeordneten der AKP mit ihren ansonsten unversöhnlichen Feinden im säkularen Lager vereinen könnte. Sollte die EU die Türkei offen in der Mitgliedschaftsfrage brüskieren oder Amerika zu lax mit dem Kurdenproblem im Nordirak umgehen, so könnten sich weite Teile der beiden Lager womöglich vereinigen.
Die türkischen Beziehungen zu Israel beispielsweise sind durch israelische Investitionen in Kurdistan belastet. Obwohl Shimon Peres als Geste der Versöhnung Ankara als Stadt für die erste Rede eines israelischen Präsidenten vor dem Parlament eines mehrheitlich muslimischen Landes wählte, sind die Bedenken Israels hinsichtlich des Irans wesentlich gravierender als die der Türkei. Die beiden unversöhnlichsten Feinde Israels – Iran und Syrien – gehören tatsächlich zu den lautesten Befürwortern der harten Haltung der Türkei gegen die Kurden.
Amerikas Bezwingung des Iraks untergräbt die westliche Orientierung der Türkei mehr als die USA zugeben möchten. Die meisten Türken möchten ihr Land nicht aus dem Westen ausgeschlossen sehen, doch wenn die EU sie verschmäht, während sie den Beitritt schwächerer Kandidaten beschleunigt, könnte sich die Türkei stark und verbittert genug fühlen, um einen neuen geopolitischen Kurs einzuschlagen.


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