BUDAPEST: Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist ein Moment tiefer Reflexion im ökonomischen Metier, denn sie hat viele lange gepflegte Vorstellungen auf die Probe gestellt. Wenn sich die Wissenschaft durch ihre Fähigkeit definiert, die Zukunft vorherzusagen, dann sollte das Versagen so vieler Ökonomen, die Krise kommen zu sehen, Grund zu großer Besorgnis sein.
Doch gibt es tatsächlich eine sehr viel größere Ideenvielfalt unter Ökonomen, als einem häufig bewusst ist. Die diesjährigen Nobelpreisträger in Ökonomie sind zwei Wissenschaftler, deren Lebenswerk alternative Ansätze untersucht. Die Ökonomie hat eine enorme Vielzahl an Ideen hervorgebracht; und viele davon argumentieren, dass Märkte nicht notwendigerweise effizient oder stabil sind und unsere Gesellschaft durch die Standardmodelle des Wettbewerbsgleichgewichts, die von vielen Ökonomen verwendet werden, nicht gut beschrieben wird.
Die Verhaltensökonomie etwa betont, dass die Marktteilnehmer häufig auf eine Weise agieren, die sich nicht ohne Weiteres mit Rationalität in Einklang bringen lässt. In ähnlicher Weise zeigt die moderne Informationsökonomie auf, dass selbst Märkte, die dem Wettbewerb unterliegen, nahezu niemals effizient sind, wenn die Informationsverteilung unvollkommen oder asymmetrisch ist (d.h., einige Menschen über Informationen verfügen, die andere nicht haben, wie beim aktuellen Finanzdebakel) – also immer .
Eine lange Reihe von Forschungsarbeiten hat gezeigt, dass sich selbst unter Anwendung der Modelle der so genannten ökonomischen Schule „rationaler Erwartungen“ die Märkte nicht immer stabil verhalten und es zu Preisblasen kommen kann. In der Tat bietet die Krise reichlich Belege dafür, dass die Anleger alles andere als rational sind; die Fehler in der Argumentation der rationalen Erwartungen freilich – versteckte Annahmen wie die, dass alle Anleger über dieselben Informationen verfügen – wurden lange vor der Krise aufgedeckt.
Genau wie die Krise das Nachdenken über die Notwendigkeit zur Regulierung neu belebt hat, hat sie der Erforschung alternativer Gedankenstränge, die uns bessere Einsichten in die Wirkungsweise unseres komplexen Wirtschaftssystems verleihen, neue Impulse verliehen – und vielleicht auch der Suche nach einer Politik, die eine Wiederholung der jüngsten Kalamitäten verhindern könnte.
Glücklicherweise haben in der Zeit, als einige Ökonomen die Idee selbstregulierender, vollkommen effizienter Märkte propagierten, andere Ökonomen und Sozialwissenschaftler eine Vielzahl anderer Ansätze untersucht. Hierzu gehören agentenbasierte Modelle, die die Vielfalt der Umstände betonen, Vernetzungsmodelle, die sich auf die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Unternehmen konzentrieren (etwa solche, die Insolvenzkaskaden ermöglichen), eine Neurezeption des vernachlässigten Werks von Hyman Minsky über Finanzkrisen (deren Häufigkeit sich seit Beginn der Deregulierung vor drei Jahrzehnten erhöht hat) und Innovationsmodelle, die versuchen, die Dynamik des Wachstums zu erklären.
Viele der aufregendsten Arbeiten im Bereich der Ökonomie, die derzeit verfolgt werden, erweitern deren Grenzen, um die Arbeit von Psychologen, Politologen und Soziologen mit einzubeziehen. Auch von der Wirtschaftsgeschichte können wir viel lernen. Bei allem Getöne über Finanzinnovationen ist die derzeitige Krise vergangenen Finanzkrisen bemerkenswert ähnlich, sieht man davon ab, dass die Komplexität der neuen Finanzprodukte die Transparenz verringerte und so die Befürchtungen über das, was passieren könnte, sollte es keinen massiven öffentlichen Bailout geben, erhöhte.
Ideen sind wichtig – genau so wie Selbstinteresse oder vielleicht sogar noch mehr. Unsere Aufsichtsbehörden und gewählten Vertreter wurden politisch vereinnahmt: Sonderinteressen an den Finanzmärkten profitierten in erheblichem Maße von der ungezügelten Deregulierung und dem Versagen, die aufsichtsrechtliche Struktur an die neuen Produkte anzupassen. Aber unsere Aufsichtsbehörden und Politiker litten auch unter einer intellektuellen Vereinnahmung. Sie hätten ein breiteres und robusteres Portfolio an Ideen gebraucht, auf die sie sich stützen konnten.
Dies ist der Grund, warum die jüngste Ankündigung von George Soros an der Central European University in Budapest zur Schaffung einer finanziell gut ausgestatteten Initiative for New Economic Thinking (INET), die diese Ideen unterstützen soll, so aufregend ist. Forschungsgelder, Symposien, Konferenzen und eine neue Fachzeitschrift: All dies wird dazu beitragen, dass neue Ideen und gemeinsame Bemühungen blühen und gedeihen.
INET wurde dabei völlige Handlungsfreiheit eingeräumt, und zwar sowohl inhaltlich wie in Strategiefragen, und es ist zu hoffen, dass INET weitere Unterstützung aus anderen Quellen erhält. INETs einzige Verpflichtung gilt dem „neuen wirtschaftlichen Denken“ im weitesten Sinne. Im vergangenen Monat hat Soros eine bemerkenswerte Gruppe wirtschaftlicher Koryphäen aus dem gesamten Spektrum des Berufsstandes zusammengeführt – Theoretiker und politische Praktiker, Linke und Rechte, Junge und Alte, solche aus dem Establishment und solche, die Außenseiterpositionen einnehmen –, um die Notwendigkeit und die Aussichten einer derartigen Initiative sowie deren beste Vorgehensweise zu diskutieren.
Während der vergangenen drei Jahrzehnte widmete sich ein Strang der Ökonomie der Erstellung von Modellen, die davon ausgingen, dass die Märkte perfekt funktionieren. Diese Annahme überschattete ein breites Forschungskorpus, das erklären half, warum Märkte häufig unvollkommen funktionieren – warum es tatsächlich weit verbreitetes Marktversagen gibt.
Auch der Marktplatz der Ideen funktioniert häufig auf eine Weise, die alles andere als ideal ist. In einer Welt menschlicher Fehlbarkeit und eines unvollkommenen Verständnisses wirtschaftlicher Komplexität bietet INET das Versprechen, alternative Gedankenstränge verfolgen zu können – und damit diese kostenträchtige Unvollkommenheit des Marktes zumindest abzumildern.


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