Kriege werden nicht nur auf dem Schachtfeld, sondern auch in den Köpfen der Menschen gewonnen. Obwohl die Hisbollah aus ihrem gegenwärtigen Krieg gegen Israel nicht als eindeutige Siegerin hervorging, nährte sie durch ihre Fähigkeit, der mächtigen israelischen Armee die Stirn zu bieten, die Vorstellung der Araber, sie könnten dadurch ihren verlorenen Stolz ebenso wiedergewinnen wie einst, als die ägyptische Armee im Krieg des Jahres 1973 den Suez-Kanal überquerte. Wiedererlangter Stolz war das Hauptmotiv für Anwar Sadats damalige Entscheidung, nach Jerusalem zu gehen und die gesamte Halbinsel Sinai für Ägypten wiederzuerlangen.
Obwohl die gewöhnlichen Libanesen im Hinblick auf Menschleben, Wirtschaft und Infrastruktur einen enormen Preis zahlten, hat die Hisbollah den Israelis klar gezeigt, dass sie ihre militärische Vormachtstellung nicht mehr als gegeben hinnehmen können. Die Grenzen militärischer Macht sind zu Tage getreten. Darüber hinaus wurde der Wahnsinn des Krieges allen vor Augen geführt und nach dem Ende der Kampfhandlungen werden wohl beide Seiten etwas umsichtiger agieren, wenn es um Aktionen geht, die ihre Menschen oder Länder wieder in einen Krieg treiben könnten.
Der Ausgang dieses Krieges wird die Art und Weise, wie Israel und die internationale Gemeinschaft mit den elementaren nationalen Ambitionen der Araber umgehen, wahrscheinlich verändern. Die zeitlich unbegrenzte Besetzung arabischen Territoriums und Inhaftierung von Arabern wird sich nicht mehr als Vorteil, sondern als schreckliche Bürde erweisen.
Im Nahen Osten geht die herkömmliche Denkart größtenteils von der militärischen Übermacht Israels und der Uneinigkeit und Ziellosigkeit arabischer Führer aus. In weniger als zwei Monaten allerdings bekam die beinahe mythische Macht der stärksten Armee der Region einige Schrammen ab und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erwarb sich, in krassem Gegensatz zum sonst üblichen Verhalten arabischer Regierungschef, das Image eines unerschütterlichen und entschlossenen Anführers.
Nun stellt sich die Frage, ob diese Entschlossenheit auch einen so überraschenden Durchbruch zum Frieden bringen kann wie Sadats wiedergewonnenes Selbstbewusstsein im Jahr 1973. Ironischerweise kam es nämlich nicht zu einer Schwächung des Libanon, vielmehr sind Einigkeit und Unabhängigkeitswillen des Libanon als klare Sieger aus diesem Krieg hervorgegangen.
Ob der Krieg im Libanon den Palästinensern genützt oder geschadet hat, ist unklar. Da sich das Medieninteresse auf den Libanon konzentrierte, hatten die Israelis freie Hand, um ohne internationale Proteste fortgesetzt Druck auf die Palästinenser auszuüben. Nicht nur in Gaza, sondern auch in Nablus im Westjordanland werden weiterhin täglich Palästinenser getötet. Seit Beginn der Gewalt im Juni starben über 170 Palästinenser.
Die Verbindung zwischen diesen zwei Kriegen blieb jedoch nicht unbemerkt. In den USA erkennen Präsident George W. Bush und Außenministerin Condoleezza Rice den Zusammenhang zwischen den beiden Problemen ebenso wie auch der britische Premierminister Tony Blair. Tatsächlich kam man durch die Krisen im Libanon und in Gaza zu der Erkenntnis, dass die zwei schwelenden Probleme – die arabischen Gefangenen in Israel und der israelische Unilateralismus – gelöst werden müssen, wenn es eine Hoffnung auf die Rückkehr zum Friedensprozess geben soll.
Angesichts der Tatsache, dass beide Konflikte durch die Entführung israelischer Soldaten ausgelöst wurden, die man im Austausch gegen arabische Gefangene freilassen wollte, muss Israel nun erkennen, dass die zeitlich unbegrenzte Inhaftierung von Arabern nur zu Gewalt führen kann. Der israelische nationale Sicherheitsberater Giora Eiland scheint dies schon vor dem Einsetzen der Gewalt erkannt zu haben. Im Mai soll er dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert geraten haben, das umstrittene Gebiet der Shebaa-Farmen im Grenzgebiet zum Libanon und Syrien abzutreten und libanesische Gefangene zu entlassen.
Olmert sah dazu offenbar keine Notwendigkeit. Die Inhaftierung von 300 Libanesen und nahezu 10.000 Palästinensern - ohne Anklage und Prozess im Falle aller Libanesen und vieler Palästinenser - erwies sich allerdings als Hauptgrund für Irritationen der arabischen Völker der Region.
Eine Gruppe von Häftlingen, die von der momentanen Situation wahrscheinlich profitieren werden, sind die Jordanier in den israelischen Gefängnissen. Jordanien, ein Verbündeter der USA und eines von zwei arabischen Ländern, das mit Israel ein Friedensabkommen geschlossen hat, ist mit den Freilassungsgesuchen für seine 30 Gefangenen bisher abgeblitzt. Jetzt werden sie wahrscheinlich als erstes freigelassen.
So wichtig die Gefangenen auch sein mögen, der Kernpunkt der Sache sind sie allerdings nicht. Das zentrale Thema ist der Unilateralismus, den die wichtigsten Regierungsparteien in Israel an den Tag gelegt haben. Sowohl der unkoordinierte Rückzug aus dem Südlibanon (beschlossen unter Führung der Arbeiterpartei nach 22 Jahren Besatzung) als auch jener aus dem Gazastreifen (unter Führung des Likud nach 39 Jahren Besatzung) zeigten, dass man sich aus einem Gebiet nicht einfach zurückziehen und es dann sich selbst überlassen kann. Die Menschen in diesen Gebieten brauchen sichere Regierungen und Institutionen. Auf elementarster Ebene hätten die Menschen im Südlibanon beispielsweise Landkarten gebraucht, auf denen die von Israel ausgelegten Minen verzeichnet gewesen wären. Solche Karten wurden allerdings nie zur Verfügung gestellt.
Der Unilateralismus, den die Israelis bei den jüngsten Wahlen mit überwältigender Mehrheit bestätigten, beruht auf der Vorstellung, dass sich Sicherheit irgendwie durch die Errichtung physischer Mauern und Zäune erreichen ließe. Der Abschuss von Raketen durch die Hisbollah und die Hamas hat die Absurdität dieser Annahme bestätigt. Und obwohl man vom Westjordanland aus nie Raketen auf Israel abfeuerte, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die dort ansässigen Palästinenser nicht auf solche Waffen zurückgreifen werden, wenn man weiterhin tief in ihrem Territorium Mauern errichtet und Israel ihnen fortgesetzt mit Arroganz begegnet.
Soldaten erkennen als erstes, dass militärische Macht sich nur bedingt dazu eignet, langfristig Frieden zu erreichen. Es ist höchste Zeit, dass vor allem die moderaten politischen Führer auf beiden Seiten das auch einsehen. Man muss auf dem Verhandlungsweg zusammenarbeiten, um jene Probleme zu lösen, die durch rohe Gewalt einfach nicht gelöst werden können und sollten.


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