Die USA waren in der Frage der Minderheitenförderung, der so genannten Affirmative Action, lange Zeit gespalten. In diesem System wurden Angehörige von ethnischen Minderheiten bevorzugt behandelt, um die anhaltenden Folgen der Sklaverei und der Diskriminierung von Afroamerikanern zu überwinden. In Indien zeichnet sich momentan die gleiche Spaltung ab und auch der Grund ist der gleiche – nämlich das Programm der so genannten „reservierten Plätze“, das darauf abzielt, die jahrhundertelange Diskriminierung aufgrund der Kastenzugehörigkeit zu beseitigen. Aber die guten Absichten Indiens sind ebenso fehlgeleitet wie die Strategien der Minderheitenförderung in Amerika.
Die grundsätzliche Frage ist, ob Leistung als Kriterium des Aufstiegs nicht mehr zählt, wenn es das Vermächtnis der Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit oder einer Kaste gibt. Kämpfen diejenigen, die sich für Minderheitenförderung engagieren, eher für das Heilmittel eines Kurpfuschers als für eine echte Lösung?
Tatsächlich ist das indische System der „reservierten Plätze“ ein bewusstes Ablenkungsmanöver, das es der Regierung ermöglicht, die wahren Probleme zu verschleiern, nämlich den Benachteiligten im Land Zugang zu Grundschulausbildung zu verschaffen. Hätten die Armen in Indien – oder, wie im obigen Fall die armen Afroamerikaner in den Städten Amerikas - Zugang zu adäquater Grundschulbildung, gäbe es keine Notwendigkeit für reservierte Plätze im Hochschulwesen oder sonst wo.
Tatsächlich kann sich jeder Inder, der in der Lage ist, diesen Artikel zu lesen, glücklich schätzen, denn der indischen Politik ist es gelungen, die Mehrheit der Bevölkerung als (arme und kranke) Analphabeten zu erhalten. Statt allen eine qualitätsvolle Grundschulausbildung zu ermöglichen, sind unsere Politiker damit beschäftigt, Maßnahmen aufgrund der Kastenzugehörigkeit zu beschließen, die auf kurzfristige politische Gewinne abzielen.
Seit Indien vor 58 Jahren seine Unabhängigkeit erlangte, wurden Milliarden Rupien nach dem Gießkannenprinzip für zahlreiche bildungspolitische Strategien ausgegeben, aber die allgemeine Grundschulbildung ist miserabel geblieben. Einem Bericht des Nationalen Instituts für Bildungsplanung und –verwaltung (NIEPA) aus dem Jahr 2005 zufolge, verfügen 8,1 % der Grundschulen in Indien über keine Klassenräume und 17,5 % dieser Schulen haben nur einen Lehrer. Darüber hinaus gibt es in 76,2 % der Schulen kein sauberes Trinkwasser und in 14,6 % keinen elektrischen Strom. Weniger als 4 % aller Grundschulen verfügen über Computer.
Aus dem Jährlichen Bildungsbericht 2005 der in Mumbai ansässigen Nichtregierungsorganisation Pratham, der nach einer Umfrage in 28 Bundesstaaten und Unionsterritorien erstellt wurde, geht hervor, dass 35 % der Kinder zwischen 7 und 14 Jahren nicht in der Lage sind, einfache Texte zu lesen und 41 % der Kinder Subtraktionen oder Divisionen mit zweistelligen Zahlen nicht lösen können. Anstatt in gut ausgebildete Arbeiter der Zukunft zu investieren, hat die Politik der Regierung dazu geführt, dass die Zahl der Menschen, die nicht lesen, schreiben und rechnen können, nicht geringer wird.
Diese Feststellungen geben Anlass zu so manchen Verdacht im Hinblick auf die Alphabetisierungsraten, von denen indische Regierungen behaupteten, sie erreicht zu haben. Wenn die Grundschulbildung derart im Argen liegt, werden die Benachteiligten dann überhaupt jemals eine Chance haben? Außerdem gehen laut Vinod Raina, Mitlied des Zentralen Beratungsgremiums für Bildung (CABE) 80 von 200 Millionen Kindern im Alter zwischen 6 und 14 Jahren überhaupt nicht in die Schule. Von den verbleibenden 120 Millionen erreichen nur 20 Millionen die zehnte Schulstufe, der Rest geht vorzeitig von der Schule ab. Tatsächlich äußerte sich Premierminister Manmohan Singh jüngst bestürzt darüber, dass nur „47 % der Kinder einer ersten Klasse jemals eine achte Klasse erreichen.“
Die Regierung hat in ihrem Gemeinsamen Minimalprogramm versprochen, die Bildungsausgaben auf 6 % des BIP anzuheben. In den letzten Jahren ist es allerdings zu einem permanenten Rückgang von 4 % des BIP in den Jahren 2001 und 2002 auf 3,8 % in den Jahren 2002-04 und auf 3,5 % in den Jahren 2004-05 gekommen.
Eine qualitativ hochwertige Bildung ist das größte Kapital, das ein Staat seinen Bürgern mitgeben kann. Überdies ist es auch die günstigste und kosteneffektivste Unterstützung, die der Staat anbieten kann. Aber die Interessen der indischen Politiker scheinen auf anderen Gebieten zu liegen. Immerhin ist es bei einer funktionalen Alphabetisierungsrate von nur 37,5 % leicht, die Stimmen ungebildeter Menschen mittels Alkohol, Werbesprüchen und Einschüchterung zu manipulieren.
Die Proteste der gut ausgebildeten Inder gegen die „reservierten Plätze“ sind daher nicht nur starrköpfig, sondern auch gefährlich. Wenn sich die gut ausgebildeten Inder nicht für bessere Schulen für alle engagieren, werden die Proteste gegen Bevorzugungen aufgrund von Kastenzugehörigkeit nur zu vermehrten Spannungen und besseren Absatzzahlen bei Zeitungen führen, nicht aber zu einer Verbesserung der Situation der Notleidendenden des Landes.
Die Regierung ist vielleicht sogar froh über diese Proteste, lenken sie doch vom eigentlichen Thema ab – dem völligen Versagen der Behörden, das Grundproblem zu lösen. Ebenso wie in Amerika geht es auch hier nicht um Einschränkungen oder Bevorzugung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Minderheit oder sozialen Schicht, sondern darum, eine qualitätsvolle Grundschulbildung für Arm und Reich gleichermaßen sicherzustellen. Wenn die Gebildeten Indiens schon gegen Bevorzugungen rebellieren, dann sollten sie das wenigsten nicht in einer Art tun, die dem Analphabetentum Vorschub leistet.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.