Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Wie eine Depression vermieden werden kann

AMSTERDAM – Die jüngsten Wirtschaftsdaten deuten darauf hin, dass die Rezession in die meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften zurückkehrt. Außerdem stehen die Finanzmärkte momentan unter einem Stressausmaß, das sie seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 nicht mehr erlebt haben. Es besteht die akute Gefahr einer Wirtschafts- und Finanzkrise, die noch schlimmer ausfällt als die vorherige – und nun nicht mehr nur den Privatsektor betrifft, sondern auch Staaten am Rande der Insolvenz. Was kann also getan werden, um die Auswirkungen einer weiteren wirtschaftlichen Kontraktion zu minimieren und eine tiefere Depression sowie eine finanzielle Kernschmelze zu verhindern?

Zunächst müssen wir erkennen, dass die zur Vermeidung eines fiskalpolitischen Desasters notwendigen Sparmaßnahmen wachstumsdämpfende Auswirkungen auf die Produktion haben. Wenn also Staaten in der Peripherie der Eurozone zu Sparprogrammen gezwungen sind, sollten Länder, denen kurzfristige Stimulierungsmaßnahmen möglich sind, diese auch ergreifen und ihre eigenen Sparbemühungen hintan stellen. Zu diesen Ländern zählen die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland, der Kern der Eurozone und Japan. Außerdem sollten auch Infrastrukturbanken geschaffen werden, um die nötige Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

Zweitens: Während Geldpolitik wenig ausrichtet, wenn es nicht um Illiquidität, sondern um exzessive Schulden und Insolvenz geht, kann eine Kreditlockerung im Gegensatz zu reiner quantitativer Lockerung durchaus hilfreich sein. Die Europäische Zentralbank sollte ihre fehlerhafte Entscheidung einer Zinserhöhung zurücknehmen. Eine weitere geld- und kreditpolitische Lockerung ist auch für die US-Notenbank Federal Reserve notwendig, für die Bank of Japan, die Bank of England sowie die Schweizer Nationalbank. Die Inflation wird bald die letzte Sorge der Zentralbanken sein, da eine erneute Flaute auf den Waren-, Arbeits-, Immobilien-, und Rohstoffmärkten den Disinflationsdruck schürt.

Drittens sollten unterkapitalisierte Banken und Bankensysteme in der Eurozone durch ein EU-weites Programm öffentlicher Finanzierung gestärkt werden, um das Kreditwachstum wiederherzustellen. Um eine zusätzliche Kreditklemme während der Reduktion des Verschuldungsgrads der Banken zu verhindern, empfiehlt es sich, mit den Banken hinsichtlich ihrer  Kapital- und Liquiditätsanforderungen kurzfristig Nachsicht zu üben. Da es auch weiterhin unwahrscheinlich ist, dass die Finanzsysteme der USA und der EU Kredite an Klein- und Mittelbetriebe vergeben, ist die Kreditvergabe an KMU direkt durch die Staaten von entscheidender Bedeutung.

Viertens ist eine umfangreiche Ausstattung mit Liquidität für solvente Staaten notwendig, um einen sprunghaften Anstieg der Risikoaufschläge sowie den Verlust des Marktzugangs zu verhindern, der wiederum aus Illiquidität eine Insolvenz machen würde. Selbst im Falle politischer Änderungen dauert es seine Zeit, bis die Staaten ihre Glaubwürdigkeit wieder erlangen. Bis dahin üben die Märkte weiterhin Druck auf die Risikoaufschläge aus, wodurch eine sich selbsterfüllende Krise wahrscheinlich wird.

Spanien und Italien laufen momentan Gefahr, den Marktzugang zu verlieren. Die offiziellen Ressourcen müssen verdreifacht werden – durch einen erweiterten Europäischen Stabilitätsmechanismus (EFSF), Eurobonds oder massive Interventionen der EZB – um einen desaströsen Run auf diese Staaten zu verhindern.

Fünftens müssen Schuldenberge, die nicht durch Wachstum, Ersparnisse oder Inflation abgebaut werden können, durch geordnete Umschuldung, Schuldenreduktion und Umwandlung von Schulden in Eigenkapital tragbar gemacht werden. Dies muss für insolvente Staaten, Haushalte und Finanzinstitutionen gleichermaßen geschehen.

Sechstens: Selbst wenn Griechenland und andere Länder an der Peripherie der Eurozone in den Genuss eines signifikanten Schuldenerlasses kommen, wird sich das Wirtschaftswachstum nicht einstellen, bis die Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt ist. Und ohne eine rasche Rückkehr zu Wachstum können weitere Pleiten  - und soziale Unruhen – nicht verhindert werden.

Für die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit in der Eurozone gibt es drei Möglichkeiten, die alle eine reale Abwertung erfordern – und von denen keine einzige machbar ist:

·         Eine drastische Schwächung des Euro in Richtung Parität mit dem US-Dollar. Das ist allerdings unwahrscheinlich, da auch die USA schwach sind.  

·         Eine rasche Senkung der Lohnstückkosten durch eine Beschleunigung von Strukturreformen und Produktivitätswachstum in Relation zum Lohnwachstum ist ebenfalls unwahrscheinlich, weil dieser Prozess in Deutschland bis zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit 15 Jahre dauerte.

·         Eine kumulative fünfjährige Deflation der Preise und Löhne im Ausmaß von 30 Prozent – in Griechenland beispielsweise – hätte eine fünf Jahre dauernde, tiefe und sozial inakzeptable Depression zur Folge. Aber selbst wenn diese Entwicklung realisierbar wäre, würde eine Deflation dieses Ausmaßes angesichts des Anstiegs des realen Werts der Schulden um 30 Prozent die Insolvenz noch verschärfen.

Weil diese Möglichkeiten nicht funktionieren, ist die einzige Alternative ein Ausstieg Griechenlands und anderer Länder aus der Eurozone. Nur die Rückkehr zu einer nationalen Währung – und eine drastische Abwertung derselben – kann die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum wiederherstellen.

Der Austritt aus der gemeinsamen Währung droht natürlich mit Kollateralschäden für das Austrittsland einherzugehen und birgt auch die Gefahr der Ansteckung für andere schwache Mitglieder der Eurozone. Die durch die Abwertung der neuen nationalen Währung hervorgerufenen Auswirkungen auf die Euro-Schulden in den Bilanzen müssten daher durch eine geordnete und verhandelte Konvertierung der Euro-Verbindlichkeiten in die neuen nationalen Währungen bewältigt werden. Der angemessene Einsatz öffentlicher Ressourcen, einschließlich der Rekapitalisierung von Banken der Eurozone wäre erforderlich, um Kollateralschäden und die Ansteckung zu begrenzen.

Siebtens sind die Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit und das anämische Wachstum in den entwickelten Ökonomien struktureller Natur. Auch der Aufstieg der wettbewerbsfähigen Schwellenländer trägt dazu bei. Die angemessene Reaktion auf derart massive Veränderungen ist nicht Protektionismus. Vielmehr brauchen die entwickelten Ökonomien einen mittelfristigen Plan zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit und der Schaffung von Arbeitsplätzen durch massive neue Investitionen in qualitätvolle Bildung, Berufsausbildung, Verbesserungen im Bereich des Humankapitals, der Infrastruktur sowie im Bereich alternativer/erneuerbarer Energieformen. Nur mit einem derartigen Programm kann man die Arbeitskräfte in den entwickelten Ökonomien mit einem Instrumentarium ausstatten, das nötig ist, um global wettbewerbsfähig zu sein.   

Achtens haben die Schwellenmärkte mehr politische Instrumente zur Verfügung als die Industrieländer und sie sollten ihre Geld- und Haushaltspolitik lockern. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank können für Schwellenmärkte, die Gefahr laufen, den Marktzugang zu verlieren, als Kreditgeber letzter Instanz fungieren, wobei diese Kredite an die Umsetzung geeigneter politischer Reformen zu knüpfen sind.  Und Länder wie China, die für ihr Wachstum übermäßig auf Nettoexporte angewiesen sind, sollten Reformen beschleunigen, einschließlich einer rascheren Währungsaufwertung, um die Binnennachfrage und den Verbrauch anzukurbeln.

Die vor uns liegende Gefahr besteht nicht nur in einer milden Double-Dip-Rezession, sondern in einer schweren wirtschaftlichen Kontraktion, die sich zu einer Zweiten Großen Depression auswachsen könnte, vor allem wenn die Krise in der Eurozone ungeordnet abläuft und zu einer weltweiten Kernschmelze im Finanzsystem führt. Eine falsche Politik während der ersten Großen Depression führte zu Handels- und Währungskriegen, ungeordneten Pleiten, Deflation, steigender Ungleichheit bei Einkommen und Wohlstand, Armut, Verzweiflung sowie politischer und sozialer Instabilität. Das ebnete letztlich den Weg für autoritäre Regime und führte zum Zweiten Weltkrieg. Die beste Möglichkeit, die Gefahr einer Wiederholung dieser Entwicklung abzuwenden, besteht darin, weltweit beherzte und energische politische Sofortmaßnahmen zu ergreifen. 

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.