Tuesday, September 2, 2014
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Gesunde Menschen, gesunde Städte, gesunde Wirtschaft

OXFORDDie Kräfte, die im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert das Wachstum der europäischen und nordamerikanischen Städte bewirkt haben, treiben heute die Urbanisierung in Brasilien, China, Indien, Mexiko, Russland und anderen Schwellenländern voran. Produktive Technologien, rasche Binnenmigration und hohe Nettoreproduktionsraten haben das Wachstum dieser Metropolen beschleunigt und verstärkt und viele Städte in atemberaubender Geschwindigkeit auf beispiellose Größe anwachsen lassen. Die 20 größten Städte der Welt sind, bis auf drei Ausnahmen, in Schwellenländern zu finden.

Vielen Prognosen zufolge werden die vier größten aufstrebenden Volkswirtschaften die G7 in ihrer Gesamtheit bis zum 2030 überholt haben, und bis zum Jahr 2050 werden die Schwellenländer von heute über die Hälfte der Weltwirtschaft und einen sogar noch größeren Teil der Weltbevölkerung repräsentieren. Diese Prognosen gehen allesamt davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Städten erzeugt wird.

Aber werden die Städte in Schwellenländern gesund genug sein, um rasches Wirtschaftswachstum vorantreiben zu können? Die Probleme, mit denen Gesundheitspolitiker und Mediziner in Lima, Kairo, Kalkutta und Jakarta befasst sind, spiegeln unterschiedliche Klimazonen, Regionen, Geschichten und Kulturen wider. Letztlich ist jede Stadt ein Sonderfall. Gewisse Gemeinsamkeiten sind dennoch vorhanden.

Die Krankheitslast in Städten verlagert sich von Infektionskrankheiten hin zu chronischen Erkrankungen – den sogenannten „Wohlstandserkrankungen“. Die städtischen Armen sind angesichts unzureichender Wohnverhältnisse, eingeschränkter Infrastruktur und dürftiger Dienstleistungen jedoch anfällig für Epidemien, Kinderkrankheiten aufgrund von Unterernährung, HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und psychische Erkrankungen. Zudem sind vor allem die Armen von Naturkatastrophen betroffen, wie etwa bei den Überschwemmungen und Schlammlawinen, die im Januar Teile von Rio de Janeiro zerstörten.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal von Metropolen in Schwellenländern besteht darin, dass die Ballung von Armut die Entstehung eines fragilen Umfeldes fördert, in dem zivile Unruhen aufkommen, die Todesopfer und Verletzte fordern. Ein vor kurzem an der Universität Oxford durchgeführtes Symposium hat allerdings ergeben, dass Städte in Schwellenländern die urbane Gesundheit verbessern und erhalten können, indem sie sich die der Ballung innewohnenden Vorteile zunutze machen, ihre Gesundheitspolitik und Gesundheitsprogramme koordinieren, bewährte Neuerungen für sich übernehmen, die Aus- und Weiterbildung im Bereich Gesundheit reformieren und verbesserte Planungsprozesse entwickeln.

Viele potenzielle Lösungen erwachsen aus Innovationsmöglichkeiten, die sich aus der Konzentration der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Aktivität in Ballungsräumen ergeben. Es ist immer effizienter dort eine gesundheitsbezogene Infrastruktur aufzubauen und aufrechtzuerhalten, wo die Bevölkerungsdichte am höchsten ist, etwa Wasserversorgung und Abwassersysteme, medizinische Sprechstunden, Krankenhäuser und eine spezialisierte Gesundheitsversorgung. Das Gleiche gilt für den Aufbau von Netzwerken im Bereich der kommunalen Gesundheitsfürsorge, im Rahmen derer die Mitarbeiter mithilfe kostengünstiger Technologien eine bezahlbare Versorgung leisten können. Es ist immer einfacher dort auf Größenvorteile und Synergieeffekte in öffentlichen Gesundheitsprogrammen zurückzugreifen, wo sich diese ohnehin anbieten.

In fast allen Regierungsstellen werden Maßnahmen ergriffen (oder nicht ergriffen), die sich direkt oder indirekt auf die Gesundheit der städtischen Bevölkerung auswirken, und trotzdem haben sich nur wenige Schwellenländer der Verbesserung der horizontalen Koordination innerhalb ihrer nationalen Behörden oder kommunalen Verwaltung angenommen. Noch weniger Schwellenländer widmen sich der Notwendigkeit der vertikalen Koordination zwischen nationalen Behörden und Stadtverwaltungen. Maßgeschneiderte Lösungen sind erforderlich – was in einer Stadt funktioniert, mag in anderen nicht funktionieren –, aber weil die Probleme, die sich aus schwacher oder mangelnder Koordination ergeben, weitverbreitet sind, sollten Schwellenländer politische Steuerungsmodelle in Betracht ziehen, die die Verantwortlichkeit für die Ergebnisse der Volksgesundheit – zusammen mit der Befugnis diese zu gestalten – in die Hände der Stadtverwaltungen legen.

Der Ansatz für solche Innovationen findet sich nicht immer im eigenen Land, deshalb müssen sich Stadtverwaltungen über potenziell geeignete Ideen und bereits gezogene Lehren anderer Städte und Ländern informieren. Leider ist die Verbreitung innovativer Ideen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Gesundheitsfürsorge im Allgemeinen ein willkürlicher, zufälliger und ineffizienter Prozess. Deshalb sollten Schwellenländer gemeinsam an der Entwicklung von Netzwerken arbeiten, die einen Erfahrungsaustausch über im Gesundheitsbereich vorhandenes Wissen und einen gemeinsamen Lernprozess ermöglichen.

Die Tatsache, dass das öffentliche Gesundheitswesen in Schwellenländern kaum mit der medizinischen Ausbildung verwoben ist, bedarf ebenfalls dringender Aufmerksamkeit. Da die in den Gesundheitsbehörden tätigen Beamten eine andere Ausbildung erhalten als Mediziner (und ihre Untergebenen) und unterschiedliche Denkweisen entwickeln, arbeiten sie – zum Nachteil der Menschen, für die sie da sind – häufig in einer quasi isolierten Umgebung. Außerdem haben Ärzte kaum Gelegenheit sich im Bereich der städtischen Gesundheit zu spezialisieren. Um diese Herausforderung zu meistern, sollten die Regierungen der Schwellenländer radikale Reformen der Aus- und Fortbildung in den Bereichen städtische Gesundheitsverwaltung und urbane Gesundheitsfürsorge in Erwägung ziehen.

Das urbane Wachstum in Schwellenländern – und die entsprechende Ballung von Armut – haben die Regierungen dieser Länder vor Probleme gestellt und ihre Kapazitäten teilweise überstiegen für nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, für Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Abfallbeseitigung und Bildung – allesamt Faktoren, die die urbane Gesundheit unmittelbar beeinflussen – sowie Basisleistungen im Bereich der Gesundheitsversorgung bereitzustellen. Um diese Probleme anzugehen, sollten die Metropolen in Schwellenländern vorausschauende Stadtplanung betreiben, die auf realistischen demografischen Prognosen beruht; kommunale und landesweite Patientenregister und Gesundheitsinformationssysteme entwickeln und bestrebt sein, Gesundheit und die Planung der Gesundheitsversorgung in die Stadtplanung insgesamt einzubeziehen.

Wenn Städte die treibende Kraft der Schwellenländer auf dem Weg in eine bessere Zukunft sein sollen, müssen ihre Verwaltungen dafür sorgen, dass der städtische Wohnungsbau, die Infrastruktur und die Dienstleistungen mit dem Bedarf Schritt halten. Die Voraussetzung für ein investitionsfreundliches Wirtschaftsumfeld sind schließlich arbeitsfähige Erwachsene und Kinder, die in der Lage sind Schulen zu besuchen. Letzten Endes wird die wirtschaftliche Gesundheit der Schwellenländer von einer Neuerfindung der Gesundheitsfürsorge im urbanen Raum abhängen.

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