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2012: fragil und aus dem Gleichgewicht

NEW YORK: Die Aussichten für die weltwirtschaftliche Entwicklung in 2012 sind klar, aber alles andere als schön: Rezession in Europa, bestenfalls anämisches Wachstum in den USA und ein steiler Abschwung in China und den meisten Schwellenvolkswirtschaften. Den asiatischen Volkswirtschaften droht Gefahr aus China. Lateinamerika droht Gefahr durch niedrigere Rohstoffpreise (da sich das Wachstum sowohl in China als auch in den hochentwickelten Volkswirtschaften verlangsamt). Mittel- und Osteuropa droht Gefahr aus der Eurozone. Und die Turbulenzen im Nahen Osten verursachen ernste wirtschaftliche Risiken – sowohl vor Ort als auch anderswo –, da das geopolitische Risiko hoch bleibt und deshalb hohe Ölpreise das globale Wachstum bremsen.

Eine Rezession in der Eurozone ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt sicher. Zwar lassen sich ihre Tiefe und Länge nicht vorhersagen, doch implizieren die anhaltende Kreditverknappung, die staatlichen Schuldenprobleme, der Mangel an Wettbewerbsfähigkeit und die Sparpakete einen ernsten Abschwung.

Der US-Wirtschaft – die seit 2010 im Schneckentempo wächst – drohen beträchtliche Risiken aus der Krise in der Eurozone. Sie muss zudem eine erhebliche kalte Progression, die anhaltende Entschuldung der privaten Haushalte (bei kümmerlichen Beschäftigungszuwächsen, stagnierenden Einkommen und einem anhaltenden Abwärtsdruck auf das Immobilien- und Finanzvermögen), zunehmende Ungleichheit und politischen Stillstand bewältigen.

Was die übrigen großen hochentwickelten Volkswirtschaften angeht, so steckt Großbritannien in einer w-förmigen Rezession, da frühzeitige Haushaltskonsolidierung und von der Eurozone ausgehende Gefahren das dortige Wachstum untergraben. In Japan verpufft der auf das Erdbeben folgende Aufschwung, da die schwachen Regierungen des Landes versäumen, Strukturreformen umzusetzen.

Zugleich werden die Fehler in Chinas Wachstumsmodell deutlich. Fallende Immobilienpreise sind dabei, eine Kettenreaktion auszulösen, die negative Auswirkungen auf Bauträger, Investitionen und Staatseinnahmen haben wird. Der Boom im Baugewerbe kommt derzeit zum Erliegen, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Nettoexporte aufgrund der Nachfrageabschwächung in den USA und insbesondere der Eurozone das Wachstum belasten. Nachdem sie zunächst bemüht war, die galoppierende Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt zu bremsen und dort eine Abkühlung herbeizuführen, wird die chinesische Führung nun Mühe haben, das Wachstum wieder in Gang zu kriegen.

Es geht ihr dabei nicht allein so. Auch in den USA, Europa und Japan hat die Politik schwierige Wirtschafts-, Fiskal- und Finanzreformen hinausgeschoben, wie sie erforderlich sind, um ein nachhaltiges, ausgewogenes Wachstum wiederherzustellen.

Der Schuldenabbau im privaten und im öffentlichen Sektor hat in den hochentwickelten Volkswirtschaften gerade erst begonnen, und die Bilanzsituation der Haushalte, Banken und Finanzinstitute, Kommunen, Regional- und Zentralregierungen ist nach wie vor angespannt. Nur für Spitzenunternehmen hat sich die Lage verbessert. Doch angesichts so vieler anhaltender, auf der Endnachfrage lastender Extremrisiken und globaler Unsicherheiten sowie – bedingt durch vergangene Überinvestitionen in Immobilien in vielen Ländern und die steile Zunahme der Investitionen in der Fertigungsindustrie in China in den letzten Jahren – nach wie vor hoher Kapazitätsüberschüsse halten sich diese Unternehmen mit Anlageinvestitionen und Neueinstellungen nach wie vor zurück.

Die wachsende Ungleichheit – die teilweise auf den Abbau von Arbeitsplätzen im Rahmen von Unternehmensumstrukturierungen zurückzuführen ist – verringert die Gesamtnachfrage weiter, weil die Haushalte, ärmeren Bürger und Bezieher von Arbeitseinkommen tendenziell mehr Geld ausgeben als Unternehmen, reichere Haushalte und Bezieher von Kapitaleinkünften. Zudem könnte ein zusätzliches Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung von gesellschaftlicher und politischer Instabilität ausgehen, da die Ungleichheit weltweit öffentliche Proteste anheizt.

Zugleich bleiben die wichtigen Leistungsbilanzungleichgewichte – zwischen den USA und China (und anderen Schwellenvolkswirtschaften), und innerhalb der Eurozone zwischen dem Kern und der Peripherie – groß. Eine geordnete Anpassung erfordert eine Absenkung der Binnennachfrage in den zu ausgabefreudigen Ländern mit ihren großen Zahlungsbilanzdefiziten und eine Reduzierung der Handelsüberschüsse in den Ländern, in denen zu viel gespart wird, durch eine nominale und reale Währungsaufwertung. Um weiter zu wachsen, brauchen diejenigen Länder, die zu viel ausgeben, eine nominale und reale Abwertung, um ihre Handelsbilanzen zu verbessern, während die Überschussländer ihre Binnennachfrage, und insbesondere den Konsum, ankurbeln müssen.

Aber diese Anpassung der relativen Preise durch Währungsschwankungen ist zum Stillstand gekommen, weil die Überschussländer sich einer Währungsaufwertung widersetzen und stattdessen den Defizitländern eine rezessionäre Deflation aufzwingen. Die daraus folgenden Währungsschlachten werden an mehreren Fronten geschlagen: durch Wechselkursintervention, quantitative Lockerung und Kapitalkontrollen für Mittelzuflüsse. Und angesichts der anhaltenden Abschwächung des weltwirtschaftlichen Wachstums 2012 könnten sich diese Schlachten zu Handelskriegen ausweiten.

Und schließlich: Der Politik gehen die Alternativen aus. Die Währungsabwertung ist ein Nullsummenspiel, weil nicht alle Länder gleichzeitig abwerten und ihre Nettoexporte steigern können. Die Geldpolitik wird, wenn die Inflation in den hochentwickelten Ländern zur Nebensächlichkeit (und in den Schwellenmärkten zu einem geringeren Problem) wird, eine Lockerung erfahren. Aber die Geldpolitik verliert in den hochentwickelten Ländern, wo die Probleme aus mangelnder Solvenz und daher Kreditwürdigkeit herrühren und weniger liquiditätsbedingt sind, zunehmend an Effektivität.

Zugleich sind der Fiskalpolitik durch steigende Defizite und Schulden, Bond Vigilantes und neue fiskalische Regeln in Europa Grenzen gesetzt. Die Stützung und Rettung von Finanzinstituten ist politisch unpopulär, und vielen nahezu insolventen Regierungen fehlt das Geld dafür. Und, politisch hat die Hoffnung, die mit der G20 verknüpft wurde, der Realität der G0 Platz gemacht: Schwache Regierungen finden es zunehmend schwierig, eine internationale politische Koordinierung umzusetzen, da Weltsicht, Ziele und Interessen der hochentwickelten Volkwirtschaften und der Schwellenmärkte miteinander in Konflikt geraten.

Infolgedessen könnte der derzeitige Umgang mit bestehenden Ungleichgewichten – den hohen Schulden der Haushalte, Finanzinstitute und Regierungen –, bei dem Solvenzprobleme durch Kredite und Bereitstellung von Liquidität kaschiert werden, irgendwann schmerzhaften und möglicherweise ungeordneten Restrukturierungen Platz machen. In gleicher Weise erfordert die Bekämpfung der mangelnden Konkurrenzfähigkeit und Leistungsbilanzungleichgewichte Währungsanpassungen, die letztlich einige Mitgliedsstaaten zum Ausstieg aus der Eurozone bewegen könnten.

Die Wiederherstellung eines robusten Wachstums ist schon ohne das allgegenwärtige Gespenst des Schuldenabbaus und eines schweren Mangels an politischer Munition schwierig genug. Dies jedoch ist die Herausforderung, vor der eine fragile und aus dem Gleichgewicht geratene Weltwirtschaft 2012 steht. In Anlehnung an Bette Davis (in Alles über Eva) will ich es so ausdrücken: „Bitte anschnallen, das wird ein unruhiges Jahr!“

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