Tuesday, September 2, 2014
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Demokratische Ungleichheit

CHICAGO: Warum ist die Sparquote der privaten Haushalte in den USA vor der großen Rezession so steil abgestürzt? Zwei meiner Kollegen an der Universität von Chicago, Marianne Bertrand und Adair Morse, haben eine verblüffende Antwort auf diese Frage: die wachsende Ungleichheit beim Einkommen.

Bertrand und Morse stellten fest, dass in Gegenden (normalerweise US-Bundesstaaten), in denen der Konsum in den Jahren vor der Krise bei den Haushalten im obersten Fünftel der Einkommensverteilung besonders hoch war, auch der Konsum bei Haushalten mit niedrigerem Einkommen hoch war. Nachdem sie eine Anzahl möglicher Erklärungen hierfür ausgeschlossen hatten, kamen die beiden zu dem Schluss, dass ärmere Haushalte die Konsummuster der reicheren Haushalte in ihrer Gegend nachahmten.

Entsprechend der Vorstellung, dass Haushalte mit niedrigerem Einkommen mit den Reichen mithalten wollen, neigten die in der Nähe ausgabefreudiger wohlhabender Konsumenten lebenden nicht so Reichen (aber nicht wirklich Armen) dazu, mehr für Dinge auszugeben, die normalerweise reichere Haushalte konsumieren – Schmuck, Beauty und Fitness, haushaltsnahe Dienstleistungen. Tatsächlich nahmen viele Kredite auf, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Das Ergebnis war, dass der Anteil ärmerer Haushalte, die in finanziellen Schwierigkeiten steckten oder Konkurs anmelden mussten, in Gegenden, in denen die Reichen mehr verdienten (und ausgaben), deutlich höher war. Ohne diesen nachahmenden Konsum hätten die nicht so reichen Haushalte in den letzten Jahren im Durchschnitt mehr als 800 Dollar gespart.

Dies ist eine der ersten detaillierten Studien über die negativen Auswirkungen der Einkommensungleichheit, die ich kenne. Sie reicht über die Schlagzeilen heischende Debatte um die „1%“ hinaus und zeigt, dass selbst die tagtägliche Ungleichheit, der die meisten Amerikaner ausgesetzt sind – etwa zwischen den Einkommen der typischen Leser dieser Kolumne und den Übrigen – tiefgreifende schädliche Folgen hat.

Gleichermaßen interessant ist die von der Studie hergestellte Verknüpfung zwischen der Einkommensungleichheit und der Wirtschaftspolitik im Vorfeld der Krise. Republikanische Kongressabgeordnete aus Wahlkreisen mit größerer Einkommensungleichheit waren in den Jahren vor der Krise eher geneigt, für Gesetze zur Ausweitung von Eigenheimkrediten für die Armen zu stimmen (fast alle Demokraten stimmten für diese Gesetze, was es schwierig macht, ihre Motive zu unterscheiden). Und die Auswirkung der Ausgaben der Reichen auf die weniger reichen Haushalte war in Gegenden, in denen die Häuserpreise flexibler waren, höher, was nahe legt, dass Eigenheimkredite und die Fähigkeit, Kredite auf den steigenden Wert des Eigenheims aufzunehmen, den Überkonsum der weniger Reichen möglicherweise gestützt haben.

Am faszinierendsten allerdings fand ich den Unterschied in der Reaktion der Abgeordneten auf die Ungleichheit jetzt und in der Vergangenheit. In einer Studie zum Abstimmungsverhalten im Kongress zum McFadden Act von 1927, der das Ziel verfolgte, den Wettbewerb im Kreditwesen zu stärken, haben Rodney Ramcharan von der US Federal Reserve und ich festgestellt, dass Abgeordnete aus Wahlkreisen mit stark ungleicher Verteilung beim Landbesitz – damals war die Landwirtschaft in vielen Wahlkreisen die Haupteinnahmequelle – dazu neigten, gegen das Gesetz zu stimmen. Mehr Ungleichheit führte diese Abgeordneten zumindest in diesem Fall dazu, für weniger Wettbewerb und eine geringere Ausweitung der Kreditvergabe zu optieren. Und wir stellten fest, dass Landkreise mit weniger Wettbewerb unter den Banken einen moderateren Boom bei den landwirtschaftlichen Nutzflächen und daher in den Jahren vor der Großen Depression einen geringeren Abschwung erlebten.

Die offensichtliche Lehre, die man aus diesen Episoden ziehen kann, ist, wie wichtig unbeabsichtigte Konsequenzen sind. In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts waren die reichen Landbesitzer des Kongresswahlkreises auch tendenziell eher die Eigentümer der örtlichen Banken, oder sie waren deren Verwandte oder Freunde. Sie profitierten von einer Begrenzung des Wettbewerbs und der Steuerung des Zugangs zu Finanzierungsquellen.

Die Abgeordneten stimmten im Namen der mächtigen Interessen ihrer Wahlkreise ab. Sie bevorzugten weniger Wettbewerb auf den Kreditmärkten nicht aus Sorge für die unwissenden Bauern, sondern um die Gewinne der mächtigen Geldverleiher zu verteidigen. Das funktionierte, aber ein unbeabsichtigter Nebeneffekt war der Schutz dieser Wahlkreise vor dem Finanzrausch.

Warum verhielten sich die Abgeordneten im 21. Jahrhundert anders? Eine zynische, zunehmend populäre Sichtweise besagt, dass sie wieder einmal mit ihren Brieftaschen abstimmten – die ganze Finanzgesetzgebung im Vorfeld der Krise von 2008 sei angetrieben worden durch den Appetit des Finanzsektors auf mehr Kunden, die er mit Lockkrediten und zweifelhaften Hypotheken über den Tisch ziehen konnte.

Doch wäre das Abstimmungsverhalten durch den Finanzsektor beeinflusst worden, hätte die vermeintliche Partei der Plutokraten (die Republikaner), geschlossen für den Gesetzentwurf stimmen müssen. Stattdessen stimmten die republikanischen Abgeordneten uneinheitlich ab, je nachdem, ob ihre weniger reichen Wähler verstärkt Kredite aufnehmen wollten oder nicht. Die Abgeordneten des 21. Jahrhunderts schienen demokratischer zu agieren und statt primär auf die mächtigen Finanzinteressen auf die möglicherweise fehlgeleiteten Wünschen ihrer Wähler zu reagieren.

Tatsächlich zeigen Bertrand und Morse, dass sich die Abgeordneten in den Wahlkreisen mit größerer Ungleichheit, nachdem die unbeabsichtigten Folgen ihres Handelns – mehr Finanznot für die weniger Reichen nach der Krise – erst einmal klar wurden, gegen den Finanzsektor stellten, um ihre Wähler zu schützen, und dafür stimmten, die von so genannten „Payday Lenders“ (die überschuldeten Kreditnehmern mit niedrigem Einkommen sehr teure Kredite gewähren) erhobenen Kreditzinsen zu deckeln. Natürlich hat ein solches Gesetz unbeabsichtigte Folgen, die zukünftige Studien aufzeigen werden, doch die ihm zugrundeliegende Absicht ist nicht zu bezweifeln.

Wir sollten aus diesen Episoden nicht folgern, dass die Ausweitung des Zugangs zu Finanzierungsquellen per se schlecht ist. Im Allgemeinen ist sie nützlich (nur nicht gerade vor einer Krise!), aber sie ist ein mächtiges Instrument, das man mit Verstand nutzen muss. Zugang ist gut; Exzesse sind schlecht.

Doch es gibt noch einen wichtigeren Punkt: Während Absicht und Folgen von Gesetzen häufig nicht übereinstimmen, scheinen den Abgeordneten heute ihre weniger begüterten Wähler wichtiger zu sein als in der Vergangenheit. Die Demokratie ist stärker. In diesen zynischen Zeiten ist dies ermutigend.

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  1. CommentedProcyon Mukherjee

    In sum the article portrays the pre-crisis economic policies having a linkage with legislators’ predilection to expansionary policies, which is good up to a point when such an expansion does not lead to an excess. The reference to competition in credit markets and how legislators preferred less of it in the past while the current milieu had gone many steps forward could be a matter of debate as there is research to prove in the seminal paper ‘Lobbying and the financial crisis’ http://www.nber.org/papers/w17076, that “lending by politically active lenders played a role in accumulation of risks and thus contributed to the financial crisis.” I therefore would reserve the judgment that ‘the intent behind cannot be doubted’.

    Procyon Mukherjee

  2. CommentedADS Analytics

    Another culprit behind the depletion in savings is the stagnant disposable income (see chart) that has failed to keep up with increased productivity.

    http://www.adsanalytics.com/dashboard/docs/dashboard.php?treepage=tree_definition_main.php&chart=chart_hh_rdi

    ADS Analytics

  3. CommentedZsolt Hermann

    On hand hand it is good that the general politician response to the crisis was more democratic than in the last century.

    On the other hand the inequality problem and its root cause is much more widespread than the article suggests.

    Today the imitating spending is global, as we are not looking at our local neighbours, but we are soaking in the pleasures and desires of the whole world through the media, Internet and entertainment industry.

    And this makes us so addicted to the consumption that we became like alcoholics, even when we hear again and again that most of the desired products are completely useless, harmful, and we have to become slaves to the banks to get them, and that this whole over the top production/consumption machinery is self destructing we still cannot stop.

    Simple financial adjustments, or "nicer" local politicians will not be able to solve our problem since it originates from our basic human nature, where the inherently more selfish, greedy top layer of the population purposefully manipulates the masses to consume the products they do not really need for money they do not really have, thus becoming completely slaves to the system. But the greedy system stumbled over a certain peak recently, and now the system is falling apart as even the middle class is losing money, status, employment and confidence, moreover the constant growth system has also exhausted itself.

    At the moment we are looking at a frozen picture without possible upward movement, with the totally unfair and vast inequality carved into it. And the manipulators have run out of means to cover up the falseness, the make up has come off.

    The demonstrations of the last year are just the beginning, as soon as the present cosmetic attempts evaporate the public anger will be even stronger.

    Instead of waiting for very unpredictable and possibly volatile scenarios, the different public layers should start talking to each other, honestly taking each other into consideration and start building a completely new human system that can avoid all the mistakes and crimes of the past in a mutual and socially equal manner.

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