Vor kurzem zog Präsident Bush eine Parallele zwischen dem derzeitigen Kampf gegen den brutalen jihadistischen Terror und dem Kalten Krieg. In einem Punkt hat er Recht: Terrorwellen haben die Tendenz, sich über Generationen hinzuziehen. Unglücklicherweise wird der gegenwärtige „Krieg gegen den Terror“ ebenso wie der Kalte Krieg wahrscheinlich keine Sache von Jahren, sondern von Jahrzehnten sein.
Bush hat allerdings eine weitere Lehre aus seiner Analogie nicht erkannt, nämlich die Bedeutung des Einsatzes von kultureller Soft Power. Der Kalte Krieg wurde durch eine Kombination aus militärischer Macht, die der Abschreckung der Sowjetunion diente, und der Attraktivität westlicher Kultur und Ideen gewonnen. Die Berliner Mauer wurde im Jahr 1989 nicht durch Artilleriebeschuss, sondern mit Bulldozern und Hämmern zum Einsturz gebracht. Leider hat Bush diese Lektion nicht gelernt.
Der akademische und wissenschaftliche Austausch während des Kalten Krieges spielte eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung amerikanischer Soft Power. Während manche Skeptiker in Amerika befürchteten, sowjetische Wissenschaftler und KGB-Agenten würden amerikanische Technologie klauen, entging ihnen, dass die Besucher neben wissenschaftlichen Geheimnissen auch politische Ideen aufsogen. Aus vielen dieser Wissenschaftler wurden später führende Menschenrechtsaktivisten und Kämpfer für die Liberalisierung in der UdSSR.
Ungefähr 50.000 Sowjets – Schriftsteller, Journalisten, Beamte, Musiker, Tänzer, Sportler und Wissenschaftler – besuchten zwischen 1958 und 1988 die Vereinigten Staaten. Alexander Jakowlew wurde durch sein Studium an der Columbia University im Jahr 1958 stark beeinflusst. Er wurde später Mitglied des Politbüros und einer der wichtigsten Vorkämpfer der Liberalisierung um Michael Gorbatschow.
Oleg Kalugin, ein späterer hoher KGB-Beamter, sagte rückblickend im Jahr 1997: „Dieser Austausch war für die Sowjetunion ein trojanisches Pferd und spielte eine gewaltige Rolle bei der Aushöhlung des Sowjetsystems... Immer mehr Menschen wurden über die Jahre hinweg geistig infiziert.” Doch heute unterhält die Bush-Administration ein umständliches Visumprogramm, das die Anzahl derartiger Austauschbesuche, vor allem jener der Muslime, einschränkt.
Auch die Populärkultur spielte während des Kalten Krieges eine wichtige Rolle. Zahlreiche Intellektuelle missbilligen die Populärkultur aufgrund ihres gnadenlosen Kommerzialismus. Eine derartige Verachtung ist allerdings deplatziert, denn populäre Unterhaltung enthält oftmals subtile Bilder und Botschaften über Individualismus, Kaufentscheidungen und andere Werte, die bedeutende politische Auswirkungen haben.
In amerikanischen Filmen beispielsweise wird Sex, Gewalt und Materialismus dargestellt, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Zu sehen ist auch wie sich das Leben in Amerika abspielt: offen, mobil, individualistisch, skeptisch gegenüber dem Establishment, pluralistisch, eigenständig und frei. Der amerikanische Lyriker Carl Sandburg formulierte es 1961 folgendermaßen: „Ob Hollywood wichtiger ist als Harvard? Nun ja, nicht so sauber wie Harvard, aber trotzdem weitreichender.“
Die Grenze zwischen Information und Unterhaltung war nie so deutlich ausgeprägt, wie manche Intellektuelle vermuten und sie verschwimmt immer mehr. Songtexte aus der Popmusik können ebenfalls politische Auswirkungen haben. Durch das Verhalten von Sportmannschaften oder Stars werden kulturelle Botschaften ebenso transportiert wie durch Bilder in Fernsehen oder Kino. Bilder transportieren Werte vielfach stärker als Worte. Selbst der Verzehr von Fast Food kann eine implizite Botschaft enthalten. Eine indische Familie beispielsweise beschrieb ihren Besuch bei McDonald’s als Ausflug, bei dem man sich „ein Stück Amerika“ holen wolle.
Obwohl in der Sowjetunion westliche Streifen nur beschränkt zugänglich waren und zensuriert wurden, hatten Filme, die diese Schranken überwanden, verheerende politische Auswirkungen. Ein sowjetischer Journalist gab nach dem Besuch einer inoffiziellen Vorführung von Filmen, die sich kritisch mit der amerikanischen Atomwaffenpolitik auseinandersetzten, folgenden Kommentar ab: „Das hat uns zutiefst schockiert... Langsam verstehen wir, dass uns bei einem Atomkrieg das gleiche passieren könnte wie ihnen.“
Aber selbst wenn das sowjetische Publikum unpolitische Filme zu sehen bekam, erfuhr es, dass man sich im Westen nicht in langen Schlangen um Lebensmittel anstellen musste, nicht in volkseigenen Wohnungen wohnte und ein Privatauto besaß. All das brachte die von den sowjetischen Medien verbreitete Negativpropaganda in Verruf.
Sogar der Rock’n’roll spielte eine Rolle. Ein Gefolgsmann Gorbatschows bekannte später: „Die Beatles waren das heimliche Mittel, um unsere Ablehnung gegen‚das System’ auszudrücken, mit dem man sich im Großen und Ganzen abgefunden hatte“. Die tschechischen Kommunisten verurteilten eine Gruppe junger Menschen in den 1950er Jahren zu Haftstrafen, weil sie „dekadente amerikanische Musik“ gehört hatten. Diese Aktion erwies sich allerdings als kontraproduktiv. Im Jahr 1980 nach der Ermordung von John Lennon wurde ihm nämlich in Prag spontan ein Denkmal gesetzt und an seinem Todestag gab es jedes Jahr Demonstrationen für Frieden und Demokratie. Im Jahr 1988 gründeten die Organisatoren den Lennon Peace Club, der den Abzug der sowjetischen Truppen forderte. Lennon triumphierte über Lenin.
Der Kalte Krieg wurde durch eine Mischung aus Hard und Soft Power gewonnen. Nicht jede Form der Soft Power kam aus Amerika – man denke hier nur an die BBC und die Beatles. Es wäre allerdings falsch, die Rolle der Populärkultur völlig zu negieren.
Bei der Anwendung der Lehren von damals in der Gegenwart ist allerdings Vorsicht angebracht. Die Kulturen in Osteuropa sind der westlichen Kultur viel näher als muslimische Kulturen. In manchen fundamentalistischen Kreisen und unter Terroristen wirkt die westliche Kultur nicht anziehend, sondern ruft Abscheu hervor. Aber selbst im Iran, wo die regierenden Mullahs Amerika als „großen Satan“ bezeichnen, möchten die jungen Menschen im privaten Kreis amerikanische Videos sehen.
Umfragen in der muslimischen Welt zeigen, dass die amerikanische Kultur für eine gemäßigte Mehrheit durchaus attraktiv ist. Die Unbeliebtheit Amerikas ist auf die amerikanische Politik zurückzuführen. Als erstes könnte Bush einmal aus dem Weg gehen und so zu einer Förderung der zwischenmenschlichen Kontakte beitragen.


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