PARIS: Die Weltwirtschaft ist derzeit von seltsamen, düsteren Ahnungen geprägt. Die Zeitungen berichten, dass in allen bedeutenden entwickelten Ländern die Vorhersagen für das Wirtschaftswachstum zurückgeschraubt werden: in den USA, Deutschland, Frankreich, Japan. Niemand, so scheint es, bleibt verschont. Tatsächlich liegen diese Schätzungen etwa einen halben Prozentpunkt unter denen vom vergangenen Herbst.
Zugleich berichten die Zeitungen in düsteren Farben fast ausschließlich über die Banken und Finanzmärkte, ohne der realen Wirtschaft viel Aufmerksamkeit zu schenken – als ob die derzeitige Krise eine bloße Finanzkrise wäre und zwangsläufig bleiben wird. Tatsächlich sind einige Experten der Ansicht, dass die Krise einfach durch eine Refinanzierung der Banken gelöst werden kann und dass die Auswirkungen auf die reale Wirtschaft relativ begrenzt bleiben werden.
Dies ist eindeutig die Ansicht der Europäischen Zentralbank, die derzeit hunderte Milliarden Euros in das Bankensystem pumpt, um dessen Liquidität zu gewährleisten. Anders als die US Federal Reserve jedoch hat sie bisher von einer Senkung der Leitzinsen, die für die meisten Firmen und Privathaushalte ausschlaggebend sind, abgesehen.
Natürlich glauben andere Experten, dass die Realwirtschaft in Gefahr und die Drohung einer Rezession real ist. Unglücklicherweise jedoch kann sich kaum ein Experte in zuversichtlicher Weise sowohl in Finanzfragen als auch in makroökonomischen Fragen äußern. Was also soll ein Nichtexperte glauben?
Es ist hilfreich, sich noch einmal die derzeitige Lage der Weltwirtschaft vor Augen zu halten. Die Zahl der nicht bedienten Subprime-Hypotheken wird in diesem Frühjahr ihren Höhepunkt erreichen. Die vollen Auswirkungen der Krise stehen uns also noch bevor: 1,3 Millionen amerikanische Eigenheimbesitzer sind bereits mit ihren Hypotheken in Verzug. In 2008 wird sich ihre Zahl um weitere drei Millionen erhöhen.
Mehr noch: Der Umfang der den Banken drohenden Forderungsausfälle ist weiter unbekannt und könnte sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar belaufen. Sogar noch wichtiger ist die Gesamtsumme der derzeit gefährdeten Vermögenswerte, denn die Hypotheken wurden mit anderen Arten von Wertpapieren gebündelt, und diese „Pakete“ wurden weltweit verkauft. Einer US-Tochtergesellschaft der Deutschen Bank etwa wurde durch ein amerikanisches Gericht untersagt, für ein Haus die Zwangsvollstreckung einzuleiten, weil sie ihr Eigentum nicht nachweisen konnte.
Die Weltwirtschaft ist mit diesen vergifteten Paketen überschwemmt. Infolgedessen misstrauen sich die Banken gegenseitig und geben einander kaum noch Kredite, was durch deutliche Beschränkung der Verfügbarkeit von Krediten die Wirtschaftstätigkeit gefährdet. Eine Rezession scheint in sofern unausweichlich.
Die Menge an Liquidität innerhalb der Weltwirtschaft überrascht und lässt sich nicht allein durch die Geldmengenausweitung seitens der Notenbanken erklären. Seit gut zwei Jahrzehnten haben sich die zwischen 1945 und 1975/80 unorganisierten und passiven Aktionäre in allen entwickelten Ländern zu Rentenfonds, Investmentfonds und Hedgefonds umgeformt. Inzwischen sind sie als bedeutende und aktive Akteure (als Mehrheiten oder starke Minderheiten) an allen großen Aktiengesellschaften der entwickelten Welt beteiligt.
Um den Wert ihrer Anteile in die Höhe zu treiben, haben diese Aktionäre das Drängen, die weltweiten Lohnkosten dieser Gesellschaften und die Zahl der dort beschäftigten Mitarbeiter zu reduzieren, unterstützt. Tatsächlich ist der prozentuale Anteil der direkten und indirekten Löhne und Gehälter am BIP in allen entsprechenden Ländern um 8-11% gefallen. Infolgedessen sind inzwischen mehr als 15% der Bevölkerung der entwickelten Welt von prekärer Beschäftigung und unsicheren Arbeitsverhältnissen – wie sie zwischen 1940 und 1970 kaum vorkamen – betroffen.
Der durchschnittliche Reallohn ist in den USA seit 20 Jahren nicht gestiegen, und 1% der Bevölkerung hat all die Erträge aufgesogen, die sich aus dem 50%igen Anstieg des BIP während dieses Zeitraums ergeben. Dies hat eine Menge Liquidität für Finanzaktivitäten, Glücksspiel und Spekulationen „freigesetzt“. In Frankreich allein strömten in den letzten 20 Jahren rund 2,5 Billionen Euros in die Finanzwelt – was für die Weltwirtschaft insgesamt einen Betrag von 30-60 Billionen Dollar vermuten lässt.
Dies geht einher mit einer wachsenden Unmoral des Systems. Die Vergütungen von Unternehmensführern erreichen inzwischen das Dreihundert- bis Fünfhundertfache des Durchschnittsgehaltes der breiten Masse der Beschäftigten. Bis 1980 lag dieses Verhältnis für anderthalb Jahrhunderte bei 40 zu 1. Die Zahl der Unternehmen, die aufgrund von Betrügereien unterschiedlichster Art weltweit rechtliche Probleme haben, ist drastisch im Steigen begriffen.
Das Schlimmste steht uns leider noch bevor. Weil die Einkommen der meisten Menschen stagnieren und durch ihre steigenden Hypothekenzahlungen noch verringert werden, wird der Verbrauch zwangsläufig sinken. Dies führt zu niedrigerem Wachstum und sinkenden Beschäftigungszahlen. Eine Rezession wird die Unsicherheit der Arbeitsplätze und die Arbeitslosigkeit nur weiter erhöhen und soziale Spannungen hervorrufen, die natürlich nicht zur Entschärfung der Finanzkrise beitragen werden. Es sieht so aus, als wären alle Zutaten für einen langen und starken, perfekten Sturm wirtschaftlichen Verfalls und sozialer Unruhe gegeben.
Wir in der entwickelten Welt leben in Demokratien. Alle vier bis fünf Jahre muss die Legitimität des Systems durch Wahlen bekräftigt werden. Aber wird dem System durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Turbulenzen möglicherweise derart die Legitimation entzogen, dass Wahlen irgendwann nicht mehr funktionabel sein werden?
Natürlich bleibt der Kapitalismus mit der persönlichen Freiheit besser vereinbar, als es der Kommunismus je war. Völlig offensichtlich jedoch ist inzwischen, dass der Kapitalismus zu instabil ist, um ohne starke öffentliche Regulierung zu bestehen. Dies ist der Grund, warum es an der Zeit ist, dass das jahrelang als praktikable Option unbeachtete sozialdemokratische Projekt wieder politisch in den Vordergrund tritt.


Comments (0)
You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.
The two commenting options explained
Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.
1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.
2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.