Tuesday, September 23, 2014
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Ausgleich der hohen chinesischen Ersparnisse

PEKING: Chinas nationale Sparquote war in den letzten Jahren sehr hoch – 2008 (das letzte Jahr, für das Zahlen vorliegen) betrug sie 52% vom BIP –, und sie wird oft für die derzeitigen globalen Ungleichgewichte verantwortlich gemacht. Länder, die zu viel sparen, so heißt es, exportieren zu viel, was zu hohen Handelsüberschüssen und wachsenden Devisenreserven führt.

Aber dies stimmt nicht immer. Wenn ich beispielsweise 100 Dollar spare, aber zugleich 100 Dollar in die Sachanlagen meiner Fabriken investiere, bin ich „national im Gleichgewicht“ und habe keinen Exportüberschuss irgendjemandem gegenüber.

Ein derartiges Beispiel beschreibt auch die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in China. Die nationale Sparquote hätte auch Ende 2009 und Anfang 2010 gut und gern bei 50% vom BIP liegen können, hätte sich Chinas Handelsüberschuss im Vergleich zu früheren Jahren nicht deutlich verringert. Tatsächlich verzeichnete China während eines Teils dieses Zeitraums ein Handelsdefizit, da hohe Investitionen in Sachanlagen (aufgrund des im Gefolge der globalen Finanzkrise umgesetzten staatlichen Konjunkturprogramms) die Binnennachfrage genau so stimulierten, wie es höhere Konsumausgaben täten.

Nur wenn ein Land weniger in Sachanlagen investiert als es spart, kommt der „Ersparnisüberschuss“ in der Handelsbilanz zu Tragen. Dieselbe Logik lässt sich auf die US-Wirtschaft anwenden, nur umgekehrt: Selbst wenn die USA eine Menge konsumieren wollen und nicht sparen, häufen sie nicht unbedingt ein Handelsdefizit an, solange sie nicht viel investieren. Ein Handelsdefizit haben sie nur, wenn sie eine Menge investieren, ohne gleichzeitig den Konsum zu beschränken.

Nun sind Ersparnisse natürlich nichts Schlechtes. Wenn die Amerikaner und Europäer mehr gespart hätten, hätten sie möglicherweise nicht jene globalen Ungleichgewichte geschaffen, die die Finanzkrise befeuerten, oder die weltweiten Probleme bei der Staatsverschuldung, die seitdem sichtbar geworden sind. Und für Entwicklungsländer sind Ersparnisse besonders wichtig. Eine der erschreckendsten Herausforderungen für arme Länder ist die Notwendigkeit, unter Bedingungen, wo wenig gespart wird, Investitionskapital anzusammeln, ohne sich zu sehr im Ausland zu verschulden.

Selbst für ein Entwicklungsland mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 3.000 Dollar wie China bleibt der Vermögensaufbau innerhalb der Mittelschicht ein zentrales Problem. Das Wachstum kleiner und mittelgroßer Unternehmen durch relativ hohe Investitionen in Sachanlagen und Forschungs- und Entwicklungsprogramme, eine Verbesserung der Infrastruktur und eine raschere Urbanisierung voranzutreiben, die alle eine Menge Investitionskapital erfordern, ist unverzichtbar.

In jedem aussagekräftigen internationalen Vergleich ist Chinas physisches Kapital pro Kopf noch immer 8-10 Mal niedriger als in hoch entwickelten Ländern wie den USA und Japan. Ohne relativ hohe Ersparnisse wird ein Entwicklungsland wie China möglicherweise nie Anschluss finden.

Wenn ein Entwicklungsland aufgrund struktureller Faktoren hohe Ersparnisse aufweist (trotz Bemühungen, den Konsum zu erhöhen), besteht die beste Strategie nicht darin, die Ersparnisse durch kurzfristige „Schocks von außen“ wie eine drastische Aufwertung des Wechselkurses zu verringern, was die Exportindustrie über Nacht vernichten könnte. Vielmehr sollte man die Ersparnisse noch stärker – und effizienter – in Investitionen im Inland kanalisieren, um große externe Ungleichgewichte zu vermeiden.

So sollte China beispielsweise seine gegenwärtigen hohen Ersparnisse zum Aufbau der Infrastruktur des Landes und zur Beschleunigung der Urbanisierung nutzen und so eine feste Grundlage für die zukünftige Entwicklung schaffen. Die Ersparnisse könnten hoch bleiben, selbst wenn der aktuelle Verbrauch langsam wächst, während die Handelsbilanz durch eine höhere Nachfrage nach importierten Investitionsgütern in Schach gehalten würde.

Darüber hinaus schaffen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur und in städtische Einrichtungen keine industriellen „Überkapazitäten“, sondern langlebige öffentliche Gebrauchsgüter, die Haushalte und Unternehmen noch auf Jahre hinaus nutzen werden. Wenn China auf diesem Weg weitermacht, so wird sein Außenhandelsüberschuss, sofern sich ansonsten nichts ändert, weiter abnehmen.

Natürlich muss ein Land etwas gegen eine „zu hohe“ Sparquote tun, selbst wenn diese nicht notwendigerweise der Hauptgrund für externe Ungleichgewichte ist. Dies wird für China langfristig mit Sicherheit eine Herausforderung. Eine Sparquote von 50% vom BIP ist zu hoch, egal, was die Umstände sind, und ein Verbrauch seitens der privaten Haushalte, der 35% vom BIP entspricht, ist zu niedrig.

Aber dem kann und sollte man durch innerstaatliche Strategien begegnen, die darauf abzielen, einen Strukturwandel herbeizuführen, nicht durch nach außen gerichtete Strategien wie eine Wechselkursaufwertung. Eine Währungsaufwertung ohne innerstaatlichen Strukturwandel würde nicht nur den Export untergraben, sondern könnte aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und niedrigerer Einkommen auch die Importe verringern.

China muss anerkennen, dass hohe Ersparnisse langfristig kein stabiles Wachstum gewährleisten. Hohe Inlandsinvestitionen können möglicherweise fürs Erste verhindern, dass ein „Ersparnisüberschuss“ einen zu starken Aufwärtsdruck auf die Außenhandelsbilanz ausübt, doch angesichts der Trends bei Chinas realen Austauschverhältnissen ist ein Wachstum ohne gleichzeitige Erhöhung der Binnennachfrage langfristig nicht aufrechtzuerhalten.

Hohe Investitionen können eine wirtschaftliche Überhitzung verursachen und die Preise für Investitionsgüter mittelfristig in die Höhe treiben, was letztlich eine Inflation auslösen würde. Eine Reduzierung der Sparquote ist daher notwendig, wenn inländische und externe Gleichgewichte erreicht werden sollen.

Bis dahin ist Chinas so genannte „exportorientierte Wachstumspolitik“ per se für ein Entwicklungsland möglicherweise nicht falsch, denn der internationale Handel schafft im Allgemeinen Arbeitsplätze und bringt mehr Einkommen. Doch wenn die Exporte bei gleichzeitigem Fehlen eines konsumgestützten Importwachstums weiter zulegen, wird es zu Verzerrungen kommen, und Handelsüberschuss und Devisenreserven werden wachsen.

China verfolgt eine Reihe von politischen Strategien, um seinen Handelsüberschuss zu verringern, etwa die Senkung der Einfuhrzölle, die Abschaffung von Steuerrückzahlungen auf Exportwaren und eine allmähliche Wechselkursaufwertung. Doch was China wirklich braucht, sind verstärkte Bemühungen zur Ankurbelung der Binnennachfrage und zur Verringerung der Sparquote.

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