Wednesday, October 22, 2014
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Eine afghanische Heimkehr

KABUL – Als wäre der bewaffnete Konflikt zwischen den afghanischen Regierungstruppen, die von der amerikanisch angeführten Koalition unterstützt werden, und den Taliban nicht genug, steht Afghanistan vor einer Krise, die es gerne einen Erfolg nennen würde: die große Heimkehr.

Von Dschalalabad bis Herat, ja im gesamten nördlichen Afghanistan, sieht man die Spuren der aus dem Exil zurückkehrenden Afghanen. Überall sind farbenfrohe pakistanische Lastwagen, die mit Balken, Fenster- und Türrahmen und Bettgestellen aus Holz beladen sind, auf denen Frauen und Kinder sitzen.

Das Ausmaß der Vertreibung war gewaltig: Zum Höhepunkt der Massenflucht lebten bis zu sechs Millionen Afghanen außerhalb ihres Heimatlands, hauptsächlich in Pakistan und im Iran. Ungefähr drei Viertel von ihnen flohen nach der sowjetischen Invasion 1979, während eine geringere Anzahl von Menschen der Herrschaft des prosowjetischen Präsidenten Nadschibullah entfloh oder dem anschließenden Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen 1992 – 1996 und dann der Taliban-Herrschaft. Einige – die die Taliban unterstützt hatten – flohen, nachdem ihre Anführer beim Eintreffen der Nordallianz in Kabul im November 2001 verdrängt wurden.

Seitdem sind bereits über 3,5 Millionen afghanische Flüchtlinge nach Hause gekommen. Doch stellen diejenigen, die sich noch jenseits der afghanischen Grenzen befinden, die größte „Flüchtlingsladung“ auf der ganzen Welt dar, und es gibt insbesondere im Iran auch viele afghanische Migranten.

Pakistan beherbergt die meisten verbliebenen afghanischen Flüchtlinge, vielleicht bis zu 1,9 Millionen Menschen. Als 2007 alle afghanischen Flüchtlinge in Pakistan registriert wurden, lebte fast die Hälfte von ihnen in Lagern. Drei Jahrzehnte nach der Errichtung diese „Lager“ sind sie nun zu Dörfern mit lehmverputzten Häusern und hohen Mauern um die Gelände herum geworden.

Da drei Viertel der Flüchtlinge unter 28 Jahre alt sind, haben die meisten das Heimatland ihrer Eltern nie gesehen. Sie sind in Pakistan geboren und aufgewachsen, und die meisten sprechen lediglich Paschtu, eine der beiden Amtssprachen Afghanistans. Paschtu wird von den Stämmen auf beiden Seiten der Durand-Linie gesprochen, der Grenze, die am Ende des 19. Jahrhunderts von den britischen Kolonialherren Indiens gezogen wurde. Trotz dieser ethnischen Verbindung und der 30 Jahre währenden Gastfreundschaft erlaubt Pakistan den Afghanen nicht, sich vor Ort zu integrieren. Sie haben keine Aussicht auf die Staatsbürgerschaft, keine Arbeiterlaubnis und keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen und zu Bildungseinrichtungen. Also lautet ihre einzige gute Option „Heimkehr“.

Die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan ist der Hauptschauplatz für den „Krieg gegen den Terror“. Hier befindet sich Tora Bora, die letzte bekannte Heimatadresse von Osama bin Laden. Die unbeständige Situation gibt Pakistans Regierung ein weiteres Argument an die Hand, um auf eine Rückführung aller Flüchtlinge zu bestehen, da sie aufgrund der komplizierten Stammesloyalitäten ein Sicherheitsrisiko im Inland darstellen könnten.

Nach einem Dreimächteabkommen zwischen den Regierungen Pakistans, Afghanistans und der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, UNHCR, sollen vier der größten Lager in Pakistan geschlossen, und alle dort lebenden Afghanen in ihre Heimat zurückgeführt werden. Obwohl die Rückführung theoretisch sicher und freiwillig sein sollte, sieht die Realität anders aus. Die Rückkehr ist häufig gefährlich, und die Tatsache, dass alternative Wohnorte fast unbewohnbar sind, bedeutet, dass die Flüchtlinge kaum eine andere Wahl haben.

Nach langen Verhandlungen stimmten die pakistanischen Behörden einem Kompromiss zu. Ein Lager, Katcha Ghari, ist bereits geschlossen, und 2008 wird nun lediglich das größte der restlichen Lager geschlossen – Jalozai, das früher 110.000 Einwohner zählte. Ein paar Tage nach dem Stichtag am 15. April kamen Bulldozer und planierten die Geschäfte, die zuvor von den scheidenden afghanischen Händlern abgebaut worden waren.

Im Iran gibt es laut offiziellen Daten 925.000 registrierte afghanische Flüchtlinge. Genau wie in Pakistan will die iranische Regierung, dass sie das Land verlassen, vor allem aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit im Iran und wahrscheinlich auch, um ein paar Propagandapunkte gegen Amerika zu sammeln. Eine Möglichkeit, die Afghanen hinauszuwerfen, besteht darin, einige Provinzen zu Sperrzonen zu erklären. Die Flüchtlinge dort haben die Wahl zwischen einer Selbstumsiedlung (d. h. einer erneuten Flucht in eine erlaubte Provinz) oder der Rückführung mithilfe des UNHCR. Andernfalls bleiben sie in einem illegalen Schwebezustand zurück.

Doch handelt es sich bei der überwältigenden Mehrheit der Afghanen, die aus dem Iran zurückgeschickt werden, um Abzuschiebende, die keinen Flüchtlingsstatus genießen und daher als Wirtschaftsmigranten angesehen werden. Seit Anfang dieses Jahres bis Mitte April wurden freilich fast 70.500 Personen deportiert (darunter über 69.000 alleinstehende Männer), während die Anzahl der zurückgeführten Flüchtlinge unter 1000 lag. Aus Pakistan kamen Anfang Mai 2008 etwa 20.000 Personen pro Woche, und von den 70.000 Afghanen, die seit Anfang des Jahres bis Ende Mai zurückgekehrt sind, kamen nach UNHCR-Daten über 50.000 aus dem Lager Jalozai.

In beiden Gastländern wurde die Einsetzung einer vom Westen unterstützten Regierung in Kabul als hinreichender Grund dafür angesehen – mit guten oder nicht ganz so guten Absichten –, von sicheren Bedingungen auszugehen. Ebenso können die Erklärungen zur Hilfe für Afghanistan als Argument dafür benutzt werden, dass das Land es sich leisten kann, alle willkommen zu heißen, die sich für eine Rückkehr entscheiden. Daher, sagen der Iran und Pakistan, kann es nicht falsch sein, Flüchtlinge und Migranten in großer Zahl zurückzuschicken.

Doch wenn die Behörden aller beteiligten Ländern, einschließlich der Vereinigten Staaten nicht zugeben, dass Afghanistan gefährlich und nicht darauf vorbereitet ist, die große Heimkehr in Empfang zu nehmen, können sie keine Schritte einleiten, um die Situation zu verbessern und zu garantieren, dass die Rückführungen sowohl sicher als auch freiwillig vonstatten gehen.

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