Friday, October 24, 2014
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Frauen in verschiedenen Welten

OXFORD – Das Nachrichtenmagazin Newsweek veröffentlichte kürzlich die Titelgeschichte „Globaler Frauenfortschrittsbericht für 2011“ mit einer Länder-Rangliste. Die obersten und die letzten Ränge entwerfen dabei das Bild zweier vollkommen unterschiedlicher Welten. 

Die obersten Plätze auf der Liste – die „besten Länder für Frauen” – belegen die üblichen Verdächtigen: Island, die skandinavischen Länder, die Niederlande, die Schweiz und Kanada. In dieser Welt weisen die Länder weit über 90 von 100 möglichen Punkten in den fünf Kategorien Justiz, Gesundheit, Bildung, Wirtschaft und Politik auf. Mehr Frauen als Männer haben einen College-Abschluss (USA), häusliche Gewalttäter werden aus den Wohnungen gewiesen und elektronisch überwacht (Türkei) und Frauen werden zu Premierministerinnen gewählt (Dänemark und Australien).  

Nun werfen wir einen Blick in die andere Welt, in die „schlechtesten Länder für Frauen“. Im Tschad, dem Schlusslicht, haben die Frauen „beinahe keine gesetzlich verankerten Rechte“ und schon zehnjährige Mädchen werden verheiratet. Das gilt auch für den Niger, dem siebentschlechtesten Land der Liste. In dem an fünftschlechtester Position rangierenden Land Mali sind die meisten Frauen durch Genitalverstümmelung traumatisiert. In der Demokratischen Republik Kongo werden jeden Tag 1.100 Frauen vergewaltigt. Im Jemen steht es jedem Ehemann frei, seine Frau beliebig oft zu schlagen.  

Obwohl es bestürzend ist, den Kontrast zwischen diesen beiden Welten so stark und detailliert vorgeführt zu bekommen, ist deren Existenz keine Neuigkeit: Entwicklungsfachleute und Menschenrechtsgruppen machen seit Jahren auf diese Ungleichheiten aufmerksam. Doch die systemische Unterdrückung von Frauen wird tendenziell als Forderung nach Empathie dargestellt: Wir sollten diese Politik nicht verfolgen, weil sie nicht gut, nicht aufgeklärt ist. Manche Entwicklungsforscher überzeugen mit dem Argument, dass die Bestrebungen eines Landes, der Armut zu entkommen, durch die Unterdrückung der Frauen untergraben werden. 

Allerdings zeigen die Daten in der Newsweek-Liste, dass wir diese Frage in einer stärkeren und eindringlicheren Sprache erörtern müssen. Wenn arme Länder sich entscheiden, ihre Frauen zu unterdrücken, entscheiden sie sich bis zu einem gewissen Grad für ihre fortgesetzte Armut. Die Unterdrückung der Frauen ist eine moralische Frage, aber sie muss auch als Entscheidung von Ländern für eine kurzfristige „kulturelle“ Annehmlichkeit auf Kosten des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts gesehen werden.   

Es ist politisch nicht korrekt, irgendeinen Teil des Leidens der sehr armen Ländern ihren eigenen Entscheidungen zuzuschreiben. Aber die Weigerung, viele von ihnen nicht für ihr Elend verantwortlich zu machen, ist herablassend. Offensichtlich ist das Vermächtnis des Kolonialismus – verbreiteter Hunger, Analphabetismus, fehlendes Eigentum oder Rechtsmittel sowie mangelnder Schutz vor staatlicher Gewalt – ein Hauptfaktor der gegenwärtigen Armut. Aber wie können wir diesem Vermächtnis die Schuld zuschieben, während wir gleichzeitig die Augen vor dem Kolonialismus gegen Frauen in den Wohnungen und öffentlichen Institutionen dieser Länder verschließen?

Wenn sich die ärmsten Länder – die meisten davon in Afrika mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit – dafür entscheiden, Strategien zur Unterdrückung der Frauen aufrecht zu erhalten oder gar neue Strategien entwerfen, müssen wir auch willens sein zu sagen, dass sie sich bis zu einem gewissen Grad auch für die damit verbundene wirtschaftliche Misere entscheiden. Das Schweigen der entwickelten Welt deutet darauf hin, dass man die Misshandlung von schwarzen und braunen Frauen durch schwarze und braune Männer als selbstverständlich hinnimmt, statt für alle Menschen die gleichen Rechtsnormen gelten zu lassen.

Die „Überraschungen“ auf der Newsweek-Liste bestätigen, dass die Bildung von Frauen den wirtschaftlichen Wohlstand  fördert. Viele Länder, die in ihrer Vergangenheit mit Kolonialismus und anderen Formen der Tyrannei konfrontiert waren, haben sich ebenso wie Länder ohne reiche Bodenschätze entschieden, den Frauen Bildung und gesetzlich verankerte Rechte zukommen zu lassen.  Einige dieser Länder kämpfen im wirtschaftlichen Bereich zwar noch, aber keines ist wirklich arm – und manche erleben einen Boom. Man denke an China, Indien, Malaysia, Indonesien, Brasilien, Südkorea und die Türkei.

Der niedrige Status von Frauen in den Ländern am unteren Ende der Skala kann nicht auf kulturellen Stillstand zurückgeführt werden: In vielen der „Überraschungsländer“ – Rumänien, Portugal, die Philippinen und Indien – war die Ungleichbehandlung der Frauen vor nicht mehr als 50 bis 100 Jahren noch viel krasser. In Pakistan ist die Vergewaltigung in der Ehe heute nicht verboten und jährlich kommt es zu 800 Ehrenmorden. Welchen Wirtschaftsboom würde das stagnierende Pakistan wohl erleben, könnte es aus den Fängen des Patriarchats entkommen?  

Wenn man rechnen gelernt hat, kann man ein Geschäft eröffnen. Wenn man nicht in Todesangst vor Vergewaltigung und Schlägen daheim lebt, kann man Menschen organisieren, um einen neuen Brunnen zu graben. Wenn man seine Tochter nicht mit drei einer Genitalverstümmelung ausliefert und sie mit zehn verheiratet, kann sie zur Schule gehen. Und wenn sie später heiratet und selbst Kinder hat, werden diese von zwei gebildeten Elternteilen mit Berufen profitieren. Das bedeutet doppelt so viele niveauvolle Gespräche daheim, doppelt so viele Kontakte und doppelt so viele Ermutigungen zum Erfolg. Gebildete, ehrgeizige Mütter machen den entscheidenden Unterschied.

US-Außenministerin Hillary Clinton formulierte es in der Newsweek-Ausgabe folgendermaßen: „Die Welt muss strategischer und kreativer darüber nachdenken, das weibliche Wachstumspotenzial nutzbar zu machen. Studien belegen, dass Zugangshilfe für Frauen zu Handel und Wirtschaft auch dabei hilft, Arbeitsplätze zu schaffen und Einkommen zu erhöhen.“

Aber in den für Frauen schlimmsten Ländern ist es gesellschaftlich eher akzeptabel, verschreckte, ungebildete Frauen in ihr Heim zu zwingen, als sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass dies eine Entscheidung für allgemein sinkende Einkommen ist. Es ist an der Zeit, den Eiertanz um die Verantwortung der ärmsten Länder zu beenden, selbst etwas Entscheidendes gegen ihre Misere zu unternehmen: nämlich die Frauen zu emanzipieren.

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