Tuesday, September 2, 2014
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Eine Vertrauenskrise

LONDON – Das öffentliche Vertrauen in Finanzinstitute und in die Behörden, die diese regulieren sollen, zählte zu den ersten Opfern der Finanzkrise. Das ist kaum überraschend, da zuvor angesehene Firmen offenbarten, dass sie die Titel, mit denen sie selbst handelten, oder die Risiken, die sie auf sich nahmen, nicht vollständig verstanden.

Es ist schwierig, keine heimliche Schadenfreude über die wohlverdiente Strafe für die Meister des Universums zu empfinden. Aber leider könnte es uns alle teuer zu stehen kommen, wenn dieser Vertrauensverlust anhält. So merkte Ralph Waldo Emerson an: „Unser Misstrauen ist sehr teuer.“ Im Hinblick auf die Wirtschaft machte der Nobelpreisträger Kenneth Arrow diese Feststellung vor nahezu 40 Jahren: „Man kann plausibel argumentieren, dass ein großer Anteil der wirtschaftlichen Rückständigkeit in der Welt durch den Mangel an gegenseitigem Vertrauen erklärt werden kann.“

Tatsächlich belegen viele ökonomische Studien eine starke Beziehung zwischen dem Vertrauensniveau in einer Gemeinschaft und ihrer gesamtwirtschaftlichen Leistung. Ohne gegenseitiges Vertrauen ist die wirtschaftliche Aktivität stark eingeschränkt.

Selbst innerhalb von Europa gibt es überzeugende Beweise dafür, dass Länder, in denen das gegenseitige Vertrauen größer ist, ein höheres Investitionsniveau erreichen (besonders durch Risikokapitalinvestitionen) und zu flexibleren Verträgen bereit sind, die ebenfalls das Wachstum und Investitionen begünstigen. Wenn es also stimmt, dass das Vertrauen in Finanzinstitute – und in die Regierungen, die sie beaufsichtigen – durch die Krise beschädigt wurde, dann sollten wir das äußerst ernst nehmen und Antworten finden, um dieses Vertrauen wiederaufzubauen.

Die Beweise für eine Vertrauenskrise sind eher schwierig zu interpretieren. In Großbritannien präsentieren sich neuere Umfrageergebnisse als zweideutig. Umfragen, die von Finanzunternehmen gefördert wurden, zeigen tendenziell, dass das Vertrauen in sie nicht besonders stark zurückgegangen ist und dass die Menschen ihnen immer noch mehr vertrauen als dem National Health Service oder der BBC. Umfragen, die von der BBC beworben wurden, stellen die Lage tendenziell umgekehrt dar.

Die Banken zitieren Statistiken, um zu zeigen, dass ihnen mehr Vertrauen entgegengebracht wird als Supermärkten, während die Supermärkte Beweise anführen, nach denen das Gegenteil der Fall ist. Und so expandieren sie in den Finanzdienstleistungssektor, in dem Glauben, dass die Öffentlichkeit ihnen mehr vertrauen wird als den Banken, die von der Regierung teuer gerettet werden mussten. Der Markt wird in nicht allzu langer Zeit einer Seite recht geben.

In den Vereinigten Staaten gibt es jetzt eine systematischere, unabhängige Umfrage, die von Ökonomen der University of Chicago Booth School of Business durchgeführt wurde. Ihr Index für das Vertrauen in den Finanzsektor beruht auf einer groß angelegten Umfrage unter den finanziellen Entscheidungsträgern in amerikanischen Haushalten und zeigt einen heftigen Vertrauensverlust Ende 2008 und Anfang 2009, nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Der Vertrauensrückgang betraf Banken, die Börse, die Regierung und ihre Regulierungsbehörden. Ferner zeigte die Umfrage, dass sinkendes Vertrauen stark mit dem Verhalten in Finanzfragen korrelierte. Anders ausgedrückt: Wenn das eigene Vertrauen in den Markt und seine Regulierung heftig zurückging, war es unwahrscheinlicher, dass man Geld in Banken anlegte oder in Aktien investierte. Somit hatte abnehmendes Vertrauen reale ökonomische Folgen.

Glücklicherweise zeigt die letzte Umfrage, die im Juli dieses Jahres veröffentlicht wurde, dass das Vertrauen in Banken und Banker angefangen hat, sich zu erholen, und zwar recht steil. Das war positiv für die Börse. Es besteht auch etwas mehr Vertrauen in die Maßnahmen der Regierung und in die Finanzregulierung als Ende letzten Jahres. Der letzte Punkt ist besonders wichtig; er reflektiert zweifellos die Versuche der Regierung Obama, das funktionsgestörte System zu reformieren, das sie geerbt hat. Denn der stärkste Rückgang bei den Investitionsabsichten war bei denjenigen zu verzeichnen, die das Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung zu regulieren verloren hatten.

Es scheint ökonomisch wichtiger zu sein, das Vertrauen in die US-Notenbank Federal Reserve und die Securities and Exchange Commission wiederherzustellen als das Vertrauen in die Citibank oder AIG. Anhaltende Kontroversen im Kongress über die genauen Details der Reform könnten daher wirtschaftliche Kosten mit sich bringen, wenn sich der Eindruck verfestigt, dass das System nicht überholt wird.

Bei all diesen Daten handelt es sich um statistische Werte, die die durchschnittlichen Ansichten von Wählern und Investoren widerspiegeln. Dennoch wissen wir auch, dass die individuellen Ansichten bemerkenswert heterogen sind. Einige Menschen haben enormes Vertrauen in andere und in die Unternehmen und Institute, mit denen sie ihre Geschäfte abwickeln. Andere sind von Natur aus misstrauisch.

Forscher am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und an der UCLA zeigten vor Kurzem, dass es eine Beziehung zwischen Vertrauen und Einkommen gibt. Anhand einer gesamteuropäischen Meinungsumfrage, die über viele Jahre hinweg durchgeführt wurde, können wir beide zueinander in Beziehung setzen. In dieser Umfrage werden einfache, aber wirksame Fragen darüber gestellt, inwieweit der Einzelne geneigt ist, denjenigen zu trauen, mit denen er geschäftlich zu tun hat.

Die Daten belegen auf verblüffende Weise, dass diejenigen, deren Vertrauen weit unter dem Durchschnitt des Landes liegt, in dem sie wohnen, eher niedrigere Einkommen haben. Ist das nur so, weil Menschen mit niedrigem Einkommen das Gefühl haben, dass das Leben ungerecht ist, und deshalb den Menschen um sie herum misstrauen? Es scheint nicht so, da auch sehr vertrauensvolle Menschen ein niedrigeres Einkommen als der Durchschnitt aufweisen.

Anders ausgedrückt: Wenn man deutlich vom durchschnittlichen Vertrauensniveau der Gesellschaft abweicht, kommt man wahrscheinlich zu kurz, entweder weil man den anderen so sehr misstraut, dass man Gelegenheiten für Investitionen und gegenseitigen vorteilhaften Handel verpasst, oder weil man so vertrauensvoll ist, dass man leicht betrogen und ausgenutzt werden kann.

Wenn ein Unbekannter sagt: „Vertrau mir“, – ein irritierender Tick in Gesprächen –, verschließe ich normalerweise meine Geldbörse. Die meisten Akademiker, die am unteren Ende der fertigkeits- und qualifikationsbereinigten Einkommensverteilung stehen, tun vielleicht dasselbe. Vielleicht sollten wir einander mehr vertrauen – aber nicht zu viel.

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