Monday, April 21, 2014
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Wild auf Risiko

Beim Kauf von Versicherungen oder der Diversifizierung ihrer Investitionen folgen die meisten Menschen nicht dem gleichen Impuls wie beim Kauf eines Sofas oder neuer Kleidung. Es sollte zwar so sein, ist es aber nicht. Versicherungen, Investmenthäuser und Banken haben immer schon einen mühsamen Kampf geführt, wenn es darum ging, Menschen, Firmen und Regierungen dazu zu bringen, Risikomanagement zu betreiben. Ihre Erfolge sind zwar beeindruckend, aber unvollständig. Für die Menschen ist es immer noch schwierig, den Risiken und Unwägbarkeiten ihrer wirtschaftlichen Zukunft ins Auge zu sehen.

Aus diesem Grunde gibt es in beinahe jedem entwickeltem Land verpflichtende Sozial- und Krankenversicherungen. Selbstverständlich sind die Menschen nicht gänzlich ahnungslos hinsichtlich der großen Risiken des Lebens. Wir ignorieren sie aber aus Gründen, die tief in der menschlichen Psyche verwurzelt sind.

Die Verbindung zwischen dem Erkennen eines Risikos und dem Impuls etwas dagegen zu unternehmen, wird durch Angst vermittelt: Über Millionen Jahre wurden wir durch die Evolution darauf programmiert, gegen unmittelbare und offenkundige Bedrohungen entschlossen zu handeln. Wenn sich ein gefährliches, wildes Tier nähert, haben wir Angst. Adrenalin fließt, unsere Aufmerksamkeit ist gebündelt und unser Instinkt, Freunde und Familie zu beschützen, wird wachgerüttelt.

Aber auf weiter entfernte Risiken sprechen unsere Emotionen einfach nicht an und deshalb verschieben wir es auch auf unbestimmte Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Außerdem haben wir mehr Angst vor Gefahren, die große öffentliche Aufmerksamkeit erlangen, vor allem vor denjenigen, die uns ein grauenvolles Ende bescheren könnten. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nahmen viele Amerikaner für weite Strecken lieber das Auto als das Flugzeug, obwohl es statistisch erwiesen war, dass Fliegen trotzdem viel sicherer geblieben war. Zahlreiche dieser Menschen gehörten wahrscheinlich auch zu jenen Millionen von Amerikanern, die eine jährliche ärztliche Untersuchung verweigern.

Risikomessung ist vor allem bei langfristigen Risiken ungenau und schwierig. Praktisch keine der in den Medien transportierten Wirtschaftsstatistiken misst das Risiko. Um Risiko umfassend zu verstehen, müssen wir unser Vorstellungsvermögen erweitern und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, bei denen etwas schief gehen kann. Auch Dinge, die in letzter Zeit nicht eingetreten sind. Wir müssen uns vor Irrtümern wie jenen schützen, dass ein Risiko, nur weil es jahrzehntelang nicht zu Schaden geführt hat, nun nicht mehr existiert.

Eine weitere psychologische Barriere ist eine gewisse Bindung unseres Egos an unseren Erfolg. Unsere Neigung, uns in unserem Erfolg zu sonnen, hält uns davon ab, die Möglichkeit des Verlustes oder Versagens einzukalkulieren, denn das würde unsere Zufriedenheit mit uns selbst infrage stellen. Selbstachtung ist nämlich eine der stärksten menschlichen Bedürfnisse: Die Betrachtung unseres eigenen Erfolges im Vergleich zu dem der anderen gibt uns ein Gefühl der Bedeutung und des Wohlbefindens.

Die grundsätzliche Zufälligkeit des Lebens ist daher furchtbar schwer zu akzeptieren und steht auch im Widerspruch zu dem tief in unserer Psyche verwurzelten Bedürfnis nach Ordnung und Verantwortlichkeit. Oft schützen wir nicht, was wir haben - wie unsere Möglichkeiten, Geld zu verdienen und Wohlstand anzusammeln - weil wir fälschlicherweise glauben, dass unsere natürliche Überlegenheit das für uns erledigen wird.

Diese Neigung ist vor allem im Bereich der Politik augenfällig. Regierungschefs tun sich schwer, die wirtschaftlichen Risiken anzusprechen, weil es unklug ist, die Selbstachtung ihrer Wählerschaft infrage zu stellen. Aber niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, kann behaupten, dass die ungeheure Ungleichheit zwischen den Ländern der Welt auf fundamental unterschiedlichen Fähigkeiten oder einem unveränderlichen Charakter beruhen.

So lag beispielsweise das Pro-Kopf-BIP Indiens im Jahr 2000 bei nur 7 % des amerikanischen Wertes. Glaubt jemand, dass diese Ungleichheit etwa deshalb besteht, weil die Amerikaner 14 Mal klüger sind oder einen 14 Mal besseren Charakter haben? Offensichtlich liegt der Grund für die Unterschiede an Umständen, die verändert werden können oder die aufgrund ökonomischer Ereignisse und politischer Entscheidungen auch tatsächlich verändert werden.

Die Staatschefs der reichen Länder der Welt haben aber große Schwierigkeiten, die Risiken ihres relativen Erfolges gegenüber den weniger entwickelten Ländern anzusprechen, da die nationale Selbstachtung damit zu sehr verbunden ist. Die Bürger in den Industriestaaten können einfach nicht glauben - und möchten es auch nicht hören - dass ihr privilegierter Status möglicherweise nicht aufrecht zu erhalten ist, wenn keine geeigneten Schritte unternommen werden, um sich gegen die Risiken abzusichern.

So sind beispielsweise die Industriestaaten der Welt heute kaum weniger von Öl abhängig als im Jahr 1973, als das Embargo der OPEC ihre Volkswirtschaften erstickte und die Preise in die Höhe trieb. Aber trotz gelegentlicher Bestrebungen, etwas für den Schutz vor Risiken zu tun, kehren die reichen Länder immer wieder zu ,,Business as usual" zurück.

Auch die meisten Unternehmen sind nicht besser, wenn es um das Management oder selbst um das Erkennen der Risiken geht, mit denen ihre Arbeitnehmer konfrontiert sind. Viele haben zwar Versicherungs- und Rentenpläne für ihre Mitarbeiter, aber diese werden von ihren Firmen auch ermutigt, sich darauf zu verlassen, dass das Unternehmen ewig für sie da sein wird. Und sie werden sogar bestärkt in Aktien ihres eigenen Unternehmens zu investieren. Wenn aber ein Mitarbeiter mittleren Lebensalters entlassen wird oder die Firma bankrott geht, kommt dieses plötzlich eingetretene Risiko als Schock.

Natürlich haben die verpflichtenden Sozial- und Krankenversicherungen sowie die sozialen Sicherheitsnetze für die Armen dazu beigetragen, die Menschen gegen die grundlegendsten Risiken abzusichern. Das Problem ist das Nichtvorhandensein einer einheitlichen Politik, die sicherstellt, dass die Menschen gegen eine breitere Palette wirtschaftlicher Risiken hinsichtlich ihrer Einkommen, Geldanlagen und Eigenheime versichert sind.

Es müssen daher neue Institutionen des Risikomanagements geschaffen werden. Sie sollten sich des Marktes bedienen und nicht auf staatlichen Garantien beruhen und obwohl sie nicht verpflichtend sein sollten, müssen sie dennoch so gestaltet werden, dass sie die Grenzen der menschlichen Psyche berücksichtigen, so dass die Menschen sie auch annehmen. Wir wissen genug über Risikowahrnehmung um zu erkennen, dass wir das Herz und den Verstand der Menschen ansprechen müssen, wenn wir ihnen helfen wollen, mit den Risiken des modernen Lebens umzugehen.

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