WASHINGTON, DC – China und Indien sind wirtschaftlich auf dem Vormarsch. Allerdings unterscheidet sich die Art des Wachstums in den beiden Ländern dramatisch. Während sich China zum Großexporteur von Industriegütern entwickelte, macht sich Indien weltweit als Exporteur moderner Dienstleistungen einen Namen. Tatsächlich hat Indien die Stufe der industriellen Produktion übersprungen und den direkten Weg von der Landwirtschaft zu den Dienstleistungen genommen.
Die Unterschiede im Wachstumsmuster der beiden Länder sind bemerkenswert und werfen für Entwicklungsökonomen wichtige Fragen auf. Kann sich der Dienstleistungssektor ebenso dynamisch entwickeln wie die Industrieproduktion? Können Entwicklungs-Nachzügler einen Nutzen aus der zunehmenden Globalisierung des Dienstleistungssektors ziehen? Können Dienstleistungen zum Motor nachhaltigen Wachstums, der Arbeitsplatzschaffung und Armutsreduktion werden?
Es lohnt sich, einigen Fakten auf den Grund zu gehen. Der Dienstleistungssektor in Indien ist in Anbetracht des Entwicklungsstandes des Landes um vieles größer als in China. Obwohl Indien und andere südasiatische Länder eine Niedrigeinkommensregion bilden, weisen diese Länder die Wachstumsverläufe von Mittel- und Hocheinkommensländern auf. Ihr Wachstumsmuster ähnelt eher dem Irlands und Israels als dem Chinas und Malaysias.
Der Wachstumsverlauf Indiens ist bemerkenswert, weil er dem scheinbar ehernen Gesetz der Entwicklung widerspricht, das seit dem Beginn der Industriellen Revolution über 200 Jahre gegolten hat. Diesem „Gesetz“ zufolge – das heute schon zur gängigen Meinung gehört – ist die Industrialisierung der einzige Weg für Entwicklungsländer in Richtung einer raschen wirtschaftlichen Entwicklung.
Als Folge der Globalisierung kann das Tempo der Entwicklung explosionsartig ansteigen. Allerdings wird das Potenzial für explosives Wachstum üblicherweise im Produktionssektor gesehen. Das ist nun nicht mehr der Fall. Es gibt Belege, dass Länder mit einem hohen Wachstum im Dienstleistungsbereich tendenziell auch ein hohes Gesamtwachstum aufweisen. Umgekehrt haben Länder mit einem hohen Gesamtwachstum auch ein hohes Wachstum im Dienstleistungssektor.
Natürlich bleibt der kausale Zusammenhang unklar: Es besteht eine – auch in der Entwicklungsökonomie weithin anerkannte – positive Relation zwischen Wachstum des verarbeitenden Sektors und dem gesamten Wachstum. Übersehen wird dabei allerdings, dass die Auswirkungen des Dienstleistungswachstums auf das gesamte Wirtschaftswachstum ebenso stark, wenn nicht sogar stärker zu sein scheinen, als die Auswirkungen des Wachstums am verarbeitenden Sektor auf das Gesamtwachstum.
Überdies deutet dieser Trend in Richtung eines höheren Anteils des Dienstleistungssektors in der Gesamtwirtschaft darauf hin, dass ein höheres reales Wachstum im Dienstleistungsbereich nicht durch einen Preisverfall kompensiert wird. Die so genannte „Holländische Krankheit“ ist nicht ausgebrochen –die Dienstleistungspreise sind also durch das zunehmende Angebot nicht gefallen.
Indien weist einen höheren Anteil an Dienstleistungen und ein schnelleres Wachstum des Dienstleistungssektors auf als China, obwohl China reicher und auch schneller gewachsen ist. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Dienstleistungen nicht einfach auf die Binnennachfrage reagieren (die in China höher wäre), sondern auch auf Exportchancen.
Das indische Wachstum zeigt, dass eine globale Dienstleistungsrevolution – rasches Wachstum und Armutsreduktion durch Dienstleistungen – heute möglich ist. In Indien ist der Dienstleistungssektor nicht nur Zugpferd des allgemeinen Wirtschaftswachstums, sondern auch von höherer Arbeitsproduktivität geprägt als die Industrie. Die Produktivität am indischen Dienstleistungssektor entspricht dem Produktivitätswachstum des chinesischen Industriesektors, wodurch die Armut reduziert wird und die Löhne steigen können.
Dieses von Dienstleistungen angeführte Wachstum ist nachhaltig, weil die Globalisierung der Dienstleistungen, die für über 70 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verantwortlich sind, noch in den Kinderschuhen steckt. Außerdem gilt die alte Lehrmeinung, wonach Dienstleistungen nicht transportierbar, nicht handelbar und nicht skalierbar seien, für eine Fülle moderner unpersönlicher Dienstleistungen nicht mehr, da diese nun zu niedrigen Kosten produziert und exportiert werden können. Deshalb ist es den Entwicklungsländern angesichts ihres enormen Aufhol- und Annäherungsbedarfs möglich, dieses auf Dienstleistungen beruhende Wachstum aufrecht zu erhalten.
Die Erfahrungen Indiens geben anderen Nachzüglern im Entwicklungsbereich Hoffnung. Der Prozess der Globalisierung im späten 20. Jahrhundert führte zu drastischen Einkommensunterschieden zwischen Ländern, die sich industrialisierten und in die Weltmärkte vordrangen und der „untersten Milliarde“ in etwa 60 Ländern, wo die Einkommen über 20 Jahre stagnierten. Es hatte den Anschein, als ob die „unterste Milliarde“ darauf warten musste, bis sie dran ist, bis gigantische Industrialisierungsländer wie China reich und in der personalintensiven Produktion wettbewerbsfähig wurden.
Die Globalisierung der Dienstleistungen bietet Entwicklungsländern alternative Chancen, um Nischen außerhalb der Produktion zu finden, wo man sich spezialisieren, vergrößern und ein ebenso starkes Wachstum wie in den sich industrialisierenden Ländern erreichen kann. Mit der Zunahme der auf der ganzen Welt produzierten und gehandelten Dienstleistungen aufgrund der Globalisierung ergeben sich auch zahlreiche Möglichkeiten für Länder, sich auf Grundlage ihres komparativen Vorteils zu entwickeln. Dieser Vorteil kann im Dienstleistungsbereich ebenso genutzt werden, wie in der Produktion oder in der Landwirtschaft.
Die Dienstleistungsrevolution verspricht, dass die Länder nicht mehr warten müssen, bis sie auf den Weg der raschen Entwicklung zu kommen. Vor uns liegt ein neuer Weg.


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