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Der Tod von Osama bin Laden eröffnet neuen Spielraum

NEU-DELHI – Es ist ein einprägsames Bild, das da auf Privatvideo gebannt wurde: Ein gebeugter Osama bin Laden, allein, in einer armseligen häuslichen Umgebung, graubärtig und in eine Decke gehüllt, der auf der Suche nach einem Bild von sich selbst von Kanal zu Kanal durch die öde Fernsehlandschaft schaltet. Der Inbegriff des Bösen entpuppt sich als ungemein banal.

Ebendeshalb gibt Osamas Eliminierung durch US-Kommandos eine wunderbare Fallstudie ab. Beginnen wir mit dieser Frage: War es ausgleichende oder göttliche Gerechtigkeit, dass der Anführer von al-Qaida, dessen 1988 in Peshawar, Pakistan, geborene Gruppierung, gezeugt vom pakistanischen Geheimdienst (Inter-Services Intelligence, ISI) und mit der CIA als Geburtshelferin, letzten Endes von seinen metaphorischen Schöpfern getötet worden ist?

Diese Frage zieht zwei weitere nach sich, die alles andere als rhetorisch sind: Wo liegt, schlussendlich, die Schuld für bin Ladens mörderische Jahrzehnte? Und wird sein Tod einen Schlussstrich unter den weltweiten islamistischen Terror ziehen?

Demonstrationen und ein chaotisches Gezeter um Vorwürfe haben Pakistan erfasst, während in den endlosen Weiten des Internet schreckliche Drohungen kursieren und der Rest der islamischen Welt von einer sonderbaren Gleichgültigkeit erfüllt ist. Dennoch scheinen die Ereignisse im Maghreb und im Nahen Osten zu beweisen, dass sich die Strömungen des arabischen und muslimischen politischen Lebens von Osamas mörderischem Messianismus wegbewegen.

Deshalb ist heute der entscheidende Prüfstein, was morgen in Pakistan und Afghanistan geschieht. Die Zukunft von Pakistan, Frieden in Afghanistan, Normalität in den indisch-pakistanischen Beziehungen und der wirtschaftliche Fortschritt in Südasien hängen allesamt davon ab, ob der Tod von Bin Laden Extremismus verwässern lässt und Intoleranz auflöst oder beides erneut konzentriert.

Die Geschichte der Zwietracht in der Region ist eine komplexe Mischung aus ethnischen, territorialen und existenziellen Ängsten, imaginär oder real. Doch nachdem Amerikas Mission in Afghanistan ihre Ziele, zumindest symbolisch, erreicht hat, muss ein neues Kapitel beginnen. Es wäre blanker Unsinn die „Neuordnung“ Afghanistans weiter zu verfolgen und zu verschwenden, was auch immer Gutes das Ende der blutgetränkten Karriere von Bin Laden mit sich bringen mag.

Die Vereinigten Staaten allein können der Region keinen Frieden bringen. Eine umfassendere regionale Gemeinherrschaft unter Beteiligung von Afghanistan, Pakistan, Indien, China, Russland und, ja, Iran muss ins Spiel gebracht werden.

Damit das geschehen kann, muss der erste Schritt allerdings von Pakistan ausgehen. Es muss jetzt dem Terrorismus als Instrument staatlicher Politik abschwören; aufhören, Gruppierungen wie Lashkar-e-Taiba als strategische Reserve gegen Indien einzusetzen und seine Ambitionen aufgeben, übermäßigen Einfluss auf die Regierung in Kabul erlangen zu wollen.

Pakistans Befürchtungen in Hinblick auf Afghanistan werden von einer beinahe paranoiden Angst vor Indien geschürt. Diese Furcht muss überwunden werden, denn die geopolitische Herausforderung in Afghanistan ist zu groß, um auf völlig zerrütteten Verhältnissen beruhende Befürchtungen weiterhin Bestand haben zu lassen.

An dieser Stelle fällt Indien eine gewichtige Verantwortung zu: Es muss Pakistans berechtigte Sicherheitsbedenken überzeugend ausräumen. Von Vergeltung oder Panik getriebene Reaktionen Pakistans oder unverhohlene Schadenfreude andernorts sind schließlich keine Lösung. Für Südasien ist jetzt die Zeit gekommen, wieder in sein „natürliches Gleichgewicht“ zurückzuzukehren, sich Spielraum zu verschaffen und den Frieden in der zerrütteten Region wiederherzustellen.

Zu diesem Zweck, und um den Abzug von US- und NATO-Truppen aus Afghanistan zu erleichtern, müssen die Länder der Region ein glaubwürdiges Modell für eine Versöhnung gestalten. Der Entwurf für einen solchen Prozess bietet keinen Platz für bösartige, übelwollende Kräfte wie islamistischen Terrorismus, der seinem wichtigsten geistigen Vater Pakistan lediglich seine Glaubwürdigkeit entzieht.

Ist das zu idealistisch und somit unerreichbar? Vielleicht, aber die Alternativen zum Nichtstun sind unendlich viel schlechter: Südasien weiterhin der Geißel des Terrorismus anheimgeben; fast ein Drittel der Menschheit zu nicht enden wollendem Elend verurteilen und eine quasi permanente US-/NATO-Militärpräsenz, die Afghanistan (und Pakistan?) einem westlich kontrollierten Protektorat gleichkommen lassen würde. Wenn wir unsere Verantwortung nicht übernehmen, werden sicherlich weitere „Abbottabads“ folgen.

Natürlich stellt niemand Pakistans Souveränität in Frage. An seiner Identität, und ob man seinen Worten Glauben schenken kann, zweifelt inzwischen aber fast jeder außerhalb des Landes. Können wir sein Volk warnen, dass es in die Talibanisierung abzurutschen und sein Land dadurch zu zerreißen droht?

Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari verkündet, dass der Krieg gegen den Terror auch Pakistans Krieg sei, und dass das Land einen hohen Preis dafür bezahlt hat, diesen zu führen – nicht nur durch Tausende von ermordeten pakistanischen Soldaten und Polizisten, sondern auch in Form von gesellschaftlichem Fortschritt, der dem Land auf diese Weise entgangen ist. Das ist erst recht ein Grund, warum Pakistan jetzt handeln muss – und wenn nur, um sich selbst zu retten. Ein neues, komplexes Endspiel hat bereits begonnen, weil Ideologien schwieriger auszumerzen sind, als die Individuen, die für sie eintreten. Die zentrale Herausforderung besteht also darin, eine realisierbare neue regionale Ordnung zu entwickeln.

Für die USA, deren Truppenabzug in Afghanistan im Juli beginnen soll, ist ein Moment, in dem die Karten neu gemischt werden, zusätzlich durch Pakistan kompliziert worden, das sich selbst vom strategischen Verbündeten zum nicht vertrauenswürdigen Hindernis degradiert hat. In diesem entscheidenden Augenblick wäre es für die USA dennoch unklug, Pakistan zu kurz kommen zu lassen. Die frühere Beziehung muss bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt werden, wenn Pakistan – bis vor kurzem eine Säule der US- und NATO-Politik, nun aber von verminderter Bedeutung – das notwendige Vertrauen haben soll, sich selbst zu retten.

Die jetzt erkennbare Zersplitterung von al-Qaida ist von ähnlicher Bedeutung und der Grund, warum die einschlägigen nationalen Ziele von Afghanistan, den USA, Indien, Pakistan, China, Russland, Iran und den anderen wichtigen Ländern in der Region irgendwie unter einen Hut gebracht werden müssen. Nur eine wirklich regionale Initiative kann ein dauerhaftes Ende des brutalen und sinnlosen drei Jahrzehnte währenden Krieges gewährleisten, der verheerend in Afghanistan gewütet und Südasiens Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung zunichte gemacht hat.

Die USA haben die einmalige Chance sich daran zu beteiligen, das richtige Gleichgewicht in der Region zu finden. Philip Zelikow, ein wichtiger Berater der ehemaligen amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice, formulierte es folgendermaßen: „Alle wichtigen politischen Entscheidungen sind jetzt reif für eine Neubewertung. Führung definiert sich durch die Art und Weise, wie man solche Momente nutzt.“

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