Sunday, April 20, 2014
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Der Mythos der chinesischen Meritokratie

CLAREMONT, KALIFORNIEN – Politische Skandale haben manchmal die wertvolle Funktion, Regierungen zu säubern. Sie können die politischen Karrieren von Personen dubiosen Charakters zerstören. Noch wichtiger ist, dass sie politische Mythen entlarven können, die der Legitimität von Regimes zugrunde liegen.

Dies scheint bei der Affäre um Bo Xilai in China der Fall zu sein. Ein hartnäckiger Mythos, der gemeinsam mit Bo, dem ehemaligen Chef der Kommunistischen Partei des Bezirks Chongqing, unterging, ist die Ansicht, die Regentschaft der Partei beruhe auf Meritokratie.

Bo – gebildet, intelligent, kultiviert und charmant (insbesondere gegenüber westlichen Führungskräften) – hat das chinesische Konzept der “Meritokratie” gut verkörpert. Nach seinem Sturz aber bot sich ein sehr anderes Bild. Neben seiner angeblichen Beteiligung an diversen Verbrechen wurde von ihm behauptet, er sei ein rücksichtsloser Apparatschik gewesen, mit einem riesigen Ego und keinerlei echtem Talent. Seine Errungenschaften als Lokalpolitiker waren überschaubar.

Bo hatte seinen Aufstieg zur Macht größtenteils seiner Herkunft (sein Vater war Vizepremierminister), seinen politischen Förderern und seinen manipulativen Fähigkeiten zu verdanken. So bewundern Besucher in Chongqing oft die Hochhäuser und die moderne Infrastruktur, die während Bos dortiger Regentschaft errichtet wurden. Aber wissen sie auch, dass Bos Verwaltung zur Finanzierung des Baubooms Kredite in Höhe von mehr als 50% des lokalen BIP aufgenommen hatte, die größtenteils nicht zurückgezahlt werden?

Leider ist das Beispiel von Bo in China nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Entgegen der (besonders unter Geschäftsleuten) vorherrschenden Ansicht ist die momentane chinesische Regierung mit schlauen Apparatschiks wie Bo durchsetzt, die ihre Position durch Betrug, Korruption, Vetternwirtschaft und Manipulation erreicht haben.

Eins der offensichtlichsten Zeichen für systematischen Betrug ist, dass viele chinesische Beamte zur Verbesserung ihres Lebenslaufs falsche oder dubiose akademische Titel verwenden. Da gute Ausbildung als Wertmaßstab angesehen wird, kämpfen Beamte um hohe Titel, um im Wettbewerb um die Macht Vorteile zu erringen.

Die überwiegende Mehrheit dieser Beamten tragen Doktortitel (Diplome haben in diesem Rennen keinen Wert mehr), die über Teilzeitprogramme oder Ausbildungsstätten der Kommunistischen Partei erteilt wurden. Von den 250 Mitglieder der Ständigen Ausschüsse der Kommunistischen Partei in der Provinz, einer Elitegruppe u.a. aus Parteichefs und Gouverneuren, behaupten 60, einen Doktortitel zu haben.

Bezeichnenderweise haben nur zehn von ihnen ihre Doktorandenstudien beendet, bevor sie Regierungsbeamte wurden. Die anderen erhielten ihre Doktortitel (meist in Wirtschaft, Management, Recht und Ingenieurwesen) über Teilzeitprogramme neben ihrer normalen Pflichterfüllung als fleißige Regierungsbeamte. Einer hat für seinen Abschluss lediglich 21 Monate gebraucht, was angesichts dessen, dass in den Doktorandenprogrammen der meisten Länder allein die Kursarbeit ohne Dissertation mindestens zwei Jahre dauert, eine erstaunliche Errungenschaft ist. Wenn so viele höhere chinesische Beamte ohne Folgen solche offensichtlich dubiosen oder betrügerischen akademischen Grade tragen, kann man sich vorstellen, wie weit andere Formen von Korruption verbreitet sein müssen.

Ein weiterer Maßstab zur Bewertung der “Verdienste” eines chinesischen Beamten ist seine Fähigkeit, Wirtschaftswachstum zu produzieren. Oberflächlich betrachtet scheint dies ein objektiver Maßstab zu sein. In Wirklichkeit ist die Größe des BIP-Wachstums ebenso dehnbar wie die akademischen Titel eines Beamten.

Das Aufblasen lokaler Wachstumsquoten ist so verbreitet, dass die addierten BIP-Wachstumsdaten aus der Provinz immer höher sind als das landesweite Gesamtwachstum, was mathematisch unmöglich ist. Und selbst wenn sie nicht die Zahlen fälschen, können regionale Beamte das System auf andere Arten manipulieren.

Aufgrund ihrer relativ kurzen Amtszeit in einer Position bis zu ihrer Beförderung (für lokale Bürgermeister durchschnittlich weniger als drei Jahre), stehen chinesische Beamte unter enormem Druck, schnell ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten zeigen zu müssen. Ein sicherer Weg dorthin ist der verbreitete Verkauf von Land oder die Verwendung von Land als Sicherheit für enorme Kreditaufnahmen bei willfährigen Staatsbanken, um massive Infrastrukturprojekte zu finanzieren, wie es Bo in Chongqing tat.

Solche Beamten werden dann aufgrund ihrer Fähigkeit zu schnellem BIP-Wachstum befördert. Aber die wirtschaftlichen und sozialen Kosten eines solchen Vorgehens sind sehr hoch. Die lokalen Regierungen stöhnen unter Schuldenbergen und Fehlinvestitionen, die Banken häufen riskante Kredite an und Bauern verlieren ihr Land.

Schlimmer noch: Im immer härteren Wettbewerb um Beförderung innerhalb der chinesischen Bürokratie reichen sogar falsche akademische Titel und Wachstumsrekorde nicht mehr für die Karriere aus. Was die Aussichten eines Beamten auf Beförderung zunehmend bestimmt, sind seine guanxi oder Verbindungen.

Umfragen unter Provinzbeamten zufolge hängen Beförderungen statt von Fähigkeiten immer mehr vom Wohlwollen anderer ab. Denjenigen ohne guanxi bleibt für eine Ernennung oder Beförderung nur noch Bestechung übrig. In der chinesischen Ausdrucksweise wird dies maiguan genannt, was buchstäblich “Amtskauf” bedeutet. Die offizielle chinesische Presse ist voll von solchen Korruptionsskandalen.

Angesichts solcher systematischen Abwertung tatsächlicher Fähigkeiten glauben nur wenige Chinesen, von den besten und klügsten regiert zu werden. Unter Menschen aus dem Westen aber, die hoch angesehenen Beamten wie Bo begegnet sind, hält sich der Mythos einer chinesischen Meritokratie erstaunlich gut. Es wird Zeit, diesen Mythos zu begraben.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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  1. CommentedTenzin Namdhak

    As far as i am concerned the cases of politicial and social factors influenciing one's position is quite common all over the world and i am not inche moved with the article written by Mr. Pei about Mr. Bo. But i think this cases of political forces mingling with the promotion is quite popular in one party nation like China. We have seen the case of the Presidnet of Russia, Mr. Putin obtaining his Ph.d thesis without actually doing it. So i think these cases are prevalent in Authoritarian nation.

  2. CommentedShiang Peow Foo

    Mr. Pei's comments on many senior Chinese officials use fradulent or dubious academic degrees are his conjecture. Where are his factual evidence to back his statement other than guesswork and speculation based on his observations? I respect freedom of opinion, but there must be limits to such freedom. Also, I am utterly disappointed that, as a FULL Professor in an acclaimed university, he should know better than to provide unsubstantiated written opinion. Worse still, Project Syndicate should have vetted before publishing such sloppy work.

  3. CommentedGabriel Cozmin

    The argument is that the world community is naive and unaware of Chinese corruption and lack of meritocracy. But it is the writer of the article who is naive by implying that China is somehow especially non-meritocratic.
    Reality tells us that there's one more myth to be busted, if we are at this topic. The myth of Western meritocracy or indeed of meritocracy of any kind. Decades of world-wide neoliberalism has lead to a complete erosion of moral standards and integrity in the whole world. Does the case of Japan really differ from that of China? Does South Koreea really excel in integrity and merit when we hear all the corrupt deals that are happening there? How about Britain, where we can see Murdoch's monumental influence in politics and business?

    The argument for Bo's inefficiency are hilarious. If Mr Minxin Pei believes that those are failures, I would like to invite him to take a look at Europe and their incentive-based meritocratic political system. Also take a deep look at the private sector and its meritocratical values, also its spending&borrowing patterns, and then the bailout successes. And the political lobbying. The media in britain, italy and pretty much all europe, the financial sector in britain, iceland, greece.. you name it. Are these countries beams of meritocracy and integrity to compare them with shady China?

    The educational system in China abounds of corruption and apparatchiks. No degree of comparison between this and Europe, where the academia has been left at the expense of the private sector. In these advanced western neoliberal societies academics win an extra buck by supporting neoliberal theories of blissful deregulation, being on the payroll of huge corporations (financial, military corporations, Stratfor) and by having an impeccable conduct when assessing students. Especially in Britain, where the children of the aristocracy - ancient and modern alike - reach all of them at the best of the best universities. Their performance is magnificent and at no way to be equaled by commoners, who have way less chances of ever being admitted to Cambridge, Oxford, LSE, St Andrews than pure-blooded Bullingdon club destined younglings.

    The reality is hidden in what is not discussed in this article. The ideological orientation of Bo Xilai as a hard-line leftist with a strong powerbase is especially interesting. In other words, the Communist Party of China ousted a big chunk of its left wing in an affair that also involves British intelligence. It also launched a huge media campaign in online and print to control the information flow and to assess the feedback of the news.
    But we'll call it a "valauable function in cleansing governments". It is somehow moral, since its some bad chinese communists involved, to consider "cleansing individuals of dubious character" a positive act, rather than one that should be analysed to see if that's all it is.

    The use of Chinese terms for corruption and office buying has a magical force. I have seen it in relations to many countries in the Balkans for example. But corruption is a very bad concept, it almost magically incorporates all a societies' illnesses and unites them in one symbol.

  4. Commentedjames durante

    I wonder if there is a parallel of sorts in the so-called financial industry. Consider the JP MOrgan Chase exec, Ina Drew, who recently stepped down in the $2b trading fiasco. She earned $10m in 2010 despite being on medical leave and 40% more, $14 mil, in 2011. Now we are told that the big loss was a result of sloppiness, obvious miscalculations, and a failure of adequate oversight. She will resign with a generous golden parachute I'm sure.

    Either way, as in China, it's a system that allows for great profit-taking without any real risk. In any large bureaucracies people rise to their level of incompetence. Raking off the value created by labor in the name of party expertise (China) or management expertise (the west), ultimately it's the same thing.

  5. CommentedEdward Campbell

    Shouldn't a professor of history be capable of reflecting upon a culture's history? A nation with a stolid history of stability being the first order of business every morning generally relies on the people they know - rather than the people who just graduated to positions of influence.

    That's neither a positive or negative - though the latter would be the tendency in my eyes.

    1. CommentedSean Su

      I had no idea that China had a "stolid history of stability" when that history is racked with 4,000 years worth of wars, civil wars, riots, and revolutions. It's all covered in China's various famous historical texts, each half a dozen times thicker than the average Christian Bible.

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