Friday, October 31, 2014
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Das Trugbild Jugendarbeitslosigkeit

PARIS – Die Ökonomen brauchen weltweit bessere Methoden, um die wirtschaftliche Aktivität zu messen. Da sie sich zur Bewertung der ökonomischen Gesundheit auf BIP-Wachstumsraten stützen, übersahen beinahe alle Ökonomen die Warnsignale der Finanzkrise des Jahres 2008,  einschließlich einer Immobilienblase im Ausmaß von 8 Billionen Dollar in den USA sowie Immobilienblasen in Spanien, Irland und Großbritannien. Gemeinsam mit privaten Haushalten, Finanzinstitutionen, Investoren und Regierungen ließen sich die Ökonomen in die Finanzeuphorie hineinziehen, die zu übermäßiger Risikobereitschaft und massiver Überschuldung von Banken und Haushalten führte. Sogar die makroökonomischen Ungleichgewichte der Eurozone blieben größtenteils unbemerkt.  

Auch die Schätzungen hinsichtlich der Arbeitslosigkeit sind bemerkenswert irreführend – ein ernsthaftes Problem angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit gemeinsam mit den BIP-Indikatoren einen so großen Teil der wirtschaftspolitischen Debatte beherrscht. Eine haarsträubend hohe Jugendarbeitslosigkeit – angeblich fast 50 Prozent in Spanien und Griechenland sowie über 20 Prozent in der gesamten Eurozone – macht jeden Tag Schlagzeilen. Allerdings resultieren diese Zahlen aus einer fehlerhaften Methodik, wodurch die Situation viel schlimmer erscheint als sie ist.

Das Problem hat seinen Ursprung in der Berechnung der Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenrate bei Erwachsenen wird berechnet, indem man die Zahl der Arbeitslosen durch die Anzahl aller Arbeitskräfte dividiert. Wenn also die Zahl der Arbeitskräfte 200 beträgt und 20 Personen arbeitslos sind, liegt die Arbeitslosenrate bei 10 Prozent.  

Allerdings werden Millionen junger Menschen, die eine Universität besuchen oder eine Berufsausbildung absolvieren, nicht als Arbeitskräfte betrachtet, weil sie weder arbeiten noch einen Job suchen. Bei der Berechnung der Jugendarbeitslosigkeit wird also die gleiche Zahl arbeitsloser Personen durch eine viel kleinere Anzahl an Arbeitskräften dividiert, wodurch die Arbeitslosenrate viel höher erscheint.

In Fortführung des oben erwähnten Beispiels nehmen wir an, dass 150 von 200 Personen Vollzeit-Studierende an einer Universität werden.  Es bleiben also nur 50 Personen als Arbeitskräfte übrig. Obwohl die Anzahl der Arbeitslosen weiterhin bei 20 liegt, vervierfacht sich die Arbeitslosenrate auf 40 Prozent. Das perverse Resultat dieser Arbeitslosenzählung ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit stärker ansteigt, je mehr junge Menschen studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren.

Während also die Jugendarbeitslosigkeit mit Standard-Messverfahren übertrieben hoch ausfällt, wird die Arbeitslosigkeit unter Erwachsenen untertrieben, weil diejenigen, die  ihre Arbeitssuche aufgegeben haben, nicht als Arbeitslose aufscheinen. Da die Zahl derartiger „entmutigter Arbeitnehmer” in der Großen Rezession ansteigt, scheinen die Arbeitslosenraten unter Erwachsenen zu sinken – wodurch ein verzerrtes Bild der Realität entsteht.

Glücklicherweise steht aber eine bessere Methode zur Verfügung: Die Jugendarbeitslosenquote – die Zahl arbeitsloser Jugendlicher im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 16 und 24 Jahren – ist ein weit aussagekräftigerer Indikator als die Jugendarbeitslosenrate. Eurostat, die Statistikbehörde der Europäischen Union, berechnet die Jugendarbeitslosigkeit nach beiden Methoden, aber weithin berichtet wird trotz der großen Diskrepanzen nur über die Angaben nach der fehlerhaften Methode. So lässt beispielsweise die spanische Jugendarbeitslosenrate von 48,9  Prozent auf schlechtere Bedingungen für junge Menschen schließen als die Arbeitslosenquote von 19 Prozent. Ebenso beträgt die Jugendarbeitslosenrate in Griechenland 49,3 Prozent, obwohl die entsprechende Jugendarbeitslosenquote bei nur 13 Prozent liegt.  Und die Jugendarbeitslosenrate der gesamten Eurozone von 20,8 Prozent liegt weit über der Arbeitslosenquote unter jungen Menschen von 8,7 Prozent.

Natürlich ist eine Jugendarbeitslosenquote von 13 oder 19 Prozent kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Aber obwohl die Jugendarbeitslosenrate in der Eurozone seit 2009 angestiegen ist, blieb die Jugendarbeitslosenquote gleich (wenn auch  beide Werte wesentlich über den Niveaus der Jahre vor 2008 liegen).

Während der Studentenproteste des Jahres 2006 in Frankreich erschien die Jugendarbeitslosenrate von 22 Prozent ungünstig im Vergleich zu Großbritannien, den USA und Deutschland, wo die entsprechenden Werte bei 11, 12 beziehungsweise 13 Prozent lagen. Aber die Financial Times zeigte auf, dass nur 7,8 Prozent der jungen Franzosen unter 25 tatsächlich arbeitslos waren – also eine Jugendarbeitslosenquote wie in den anderen drei Ländern vorlag. In Frankreich studierte einfach ein höherer Prozentsatz junger Menschen. 

Die Nichtberücksichtigung Millionen junger Menschen, die entweder an Universitäten studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren untergräbt die Glaubwürdigkeit der Angaben zu Arbeitslosenraten. Und obwohl manche junge Menschen höhere Bildung anstreben, um einem schwierigen Arbeitsmarkt zu entkommen, sollte ihre Entscheidung, sich neue Kompetenzen anzueignen, keine negativen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Gesundheit ihres Landes haben.

Natürlich müssen politische Entscheidungsträger sich dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit widmen, aber sie müssen auch erkennen, dass dieses Problem nicht so gravierend ist, wie es die Schlagzeilen glauben machen. Unglücklicherweise sind diese verzerrten Resultate schon zur gängigen Meinung geworden – die sogar schon von renommierten Ökonomen wie dem Nobelpreisträger Paul Krugman vertreten wird, der sich jüngst auf diese fehlerhafte „50-Prozent-Jugendarbeitslosigkeit bezog.

Vier Jahre nach dem Ausbruch der Krise bleiben die Methoden zur Messung und Beurteilung wirtschaftlicher Gesundheit also erschreckend unzulänglich. Wie jeder Pilot weiß, endet ein Flug ohne Radar oder genaue Wettervorhersagen womöglich mit einem Absturz.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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  1. CommentedGianpiero de Pascalis

    Original point of view but far distant from reality. Very shortly:
    1. perhaps we should add to the numerator all those thousands of young individuals there were obliged to leave their country because of the lack of work opportunity at home. Such a major issue with great social cost which is overlooked by the ratio.

    2. what about underemployment? I mean those who hold a degree or even a phD in law, finance, politic science that are forced to work in call centers or even as pizza boy? That happens so often and is again overlooked by the ratio.

    3. including students in the denominator is very misleading too. Are they considered as if they were employed? Perhaps once they finished their studies their chances to get a job is better measured by what is here defined as the FLAWED ratio.

    4. even those who are employed are often relying on family support to live off their life. Low salary, overtime working, precarious conditions in general must be addressed by a set of active policies. We already lost state’ support, are we also losing the economist’s one?

    This is a dramatic period for the so called NO FUTURE generation I would suggest to use less statistic and to get down in the streets, talk with people and understand what the REAL problems we are facing are.

  2. CommentedHerm E

    Agreed that the youth unemployment number can be misleading, but it seems your example exaggerates how misleading. First, your example assumes (perhaps only to make the point more clear) no reduction in the number of youth unemployed once others cease looking for work, but as a practical matter I suspect that would be untrue and thus the difference between the rate and ratio should be less extreme in practice. Also, while you acknowledge the point, your analysis strikes me as too dimissive of the how job market prospects truly affect the number of young people seeking to "build new skills". As college and post-graduate admissions numbers reflect, lack of jobs is a huge driver of college admissions, which is to say that a lot of these people would prefer not to go to school, which explains increased frustration and anger despite a ratio that is unmoved since 2009.

    When you consider the issues concerning debt now associated with higher education, this isn't exactly a trivial aspect of the youth issue.

  3. CommentedTom Walker

    Although I would agree that the raw unemployment rate gives a misleading impression, Mr. Hill's solution is also unsatisfactory because it ignores the effect of exit from the labor force of youth because of dim job prospects. Ultimately any "measurement" of unemployment is going to be misleading because the nature of unemployment changes from period to period. This is especially true when government policy targets headline statistics and "solves" problems by fiddling with the dials. Let's face it, the entire conceptual apparatus in which GDP growth and unemployment rates predominate is broken beyond repair. Rearranging the statistical deck chairs won't keep the sinking ship afloat.

  4. CommentedZsolt Hermann

    As one of the comments suggest, statistics and numbers are open for interpretation and politicians, decision makers, people influencing public opinion can use and twist them any way they like.
    Even more confusing is that we still examine everything in isolation, talking about Greek or Spanish problems, soft landing or hard landing in China, American elections and real estate bubble, but we still do not want to put a comprehensive picture together to see if the vector of our global development is going in the right direction or not.
    All our individual, local problems originate from two sources.
    1. Although we talk about a global world, global economy incessantly, in our planning, attitude and action we still behave as we existed isolated without direct connections to each other.
    Despite the totally interdependent nature of today's human network we still only make calculations on self interest without any consideration for the well being of the whole.
    2. In terms of the economy, more and more experts from all fields conclude that it is impossible to maintain the constant quantitative growth model as it has exhausted all of its principle foundations from markets to labor, from financial support to social tolerance, not to mention natural resources.
    If we truly want to solve the crisis and build a sustainable future we have to start looking at and understanding the whole picture instead of picking the individual details that suit our own argument.

      CommentedMark Pitts

      Five billion people remain in poverty. Without significant future economic growth, they have no hope.

  5. CommentedThomas Haynie

    Problems are rarely as significant as headlines make them out to be. If the same metric is used universally then is it really an issue? You understand that it’s a little high but what we are usually concerned wit his the relative comparisons and the rates of change anyway. Assuming the country’s economic structure will set some natural rate of unemployment then fixating on the exact number isn’t so productive from a policy stand point is it? The important questions become more about are adding jobs or losing jobs? How does it compare to our peers. Then again a little more accuracy is usually a good thing in any endeavor.

  6. CommentedJ. C.

    ...at the very ends it´s just a percentage... the interpretation depends on what you use for comparison...

  7. CommentedFrank O'Callaghan

    An eye opener of an article. Without a clear picture there are inevitable mistakes to be made. Does this explain why Europe has not exploded in flames?

    The situation is further calmed by the social provision in Europe's model. We should hear more from Steven Hill.

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