Thursday, November 27, 2014
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Das Wachstumsevangelium

CANBERRA/SEOUL: Fast vier Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise ist die Weltwirtschaft nach wie vor anfällig, und die Arbeitslosigkeit bleibt inakzeptabel hoch. Wir haben weltweit beinahe 200 Million Arbeitslose, darunter fast 75 Millionen junge Menschen. In vielen Ländern schwächt sich das Wachstum ab; die Risiken steigen, und die Unsicherheit vertieft sich, insbesondere aufgrund der Ereignisse in Europa. Nur eine schnelle, nachhaltige Erholung kann den Anstieg der humanitären Kosten der wirtschaftlichen Stagnation aufhalten.

Beim G20-Gipfel in Los Cabos (Mexiko) am 18.-19. Juni wird die Herausforderung daher darin bestehen, den Pessimismus und die Sorge im Hinblick auf die Zukunft, die die öffentliche Wahrnehmung derzeit bestimmen, in ein optimistisches Wachstums- und Stabilitätsdenken zu verwandeln. Wir brauchen resolute Maßnahmen, um der Unsicherheit zu begegnen, mit der die Weltwirtschaft derzeit zu tun hat, und um einen Weg hin zu einem selbstragenden Aufschwung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen aufzuzeigen.

Wir sehen zwei Komponenten einer derartigen Strategie. Zunächst einmal bedarf es einer klaren Botschaft aus Europa – der unmittelbaren Quelle der weltwirtschaftlichen Sorge –, dass es entschiedene Schritte zur Stabilisierung und Stärkung seiner Banken ergreift und sich, bei gleichzeitigem glaubwürdigen Bekenntnis zur Haushaltskonsolidierung, auf die Wiederherstellung des Wachstums konzentriert. Ein zentrales Element bei der Wiederherstellung des Vertrauens in Europa ist die Einigung auf eine „Roadmap“ für die Eurozone, um die Währungsunion durch eine Fiskal- und Bankenunion, einschließlich einer Europa übergreifenden Aufsicht und Einlagensicherung, zu stärken.

Europa muss schnell handeln, um zu gewährleisten, dass seine Banken mit ausreichend Kapital ausgestattet und für den Fall der Fälle abgesichert sind. Wir begrüßen in dieser Hinsicht die jüngste Entscheidung Spaniens, sich um finanzielle Unterstützung der EU zur Rekapitalisierung seiner Banken zu bemühen, soweit diese erforderlich sein sollte. Entschiedene Schritte zur Sicherung der Gesundheit des Bankensektors sind nötig – nicht nur, um einige der Risiken zu verringern, die die Märkte derzeit beschäftigen, sondern auch, weil gesunde Finanzinstitute für das Wirtschaftswachstum unverzichtbar sind.

Europa braucht glaubwürdige Pläne zur Haushaltskonsolidierung, um die Tragfähigkeit seiner Schuldenlast wiederherzustellen, aber es braucht zugleich eine Wachstumsstrategie, die Maßnahmen zur Ankurbelung der Investitionstätigkeit, Liberalisierung der Produkt- und Arbeitsmärkte, Deregulierung der Wirtschaft, Förderung des Wettbewerbs und zum Aufbau von Fertigkeiten umfasst. Diese Reformen – einschließlich einer tiefer greifenden Integration der Institutionen – werden politisch schwierig, und ihre Vorteile werden sich erst im Laufe der Zeit völlig offenbaren. Doch einen klaren Weg abzustecken wird das öffentliche Vertrauen in Europas langfristiges Wachstum und anhaltende Zusammenarbeit stärken.

Es ist nicht so, als ob wir das Ausmaß der Reformen, die Europa in den letzten Jahren umgesetzt hat, unterschätzten. Seit dem G20-Gipfel in Cannes im vergangenen November etwa hat Europa seine finanziellen Brandmauern um € 200 Milliarden erhöht, die griechischen Schulden umstrukturiert, Schritte zur Stärkung seiner Banken und Bankenaufsicht ergriffen, Regeln für mehr Haushaltsdisziplin aufgestellt und eine Reihe von Arbeits- und Produktmarktreformen umgesetzt.

Doch die Größe der Herausforderungen, vor denen Europa steht, lässt die dringende Notwendigkeit sehr viel entschiedenerer Reformen erkennen. Wir sind zuversichtlich, dass Europa gemeinsam handeln wird, um diese Herausforderungen zu bewältigen, und wir werden diese Anstrengungen weiterhin unterstützen, weil Stabilität und Wachstum in Europa für uns alle wichtig sind.

Zweitens brauchen wir eine klare Botschaft der G20, dass alle ihre Mitglieder eine auf ein starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum ausgerichtete Politik verfolgen. Damit diese aussagekräftig ist, muss sie durch konkretes Handeln gestützt werden: Die G20-Mitglieder müssen zeigen, dass ihre Politik klar darauf ausgerichtet ist, wieder für Wachstum zu sorgen und Arbeitsplätze zu schaffen, und dass sie die Verantwortung für die uneingeschränkte Einhaltung ihrer Versprechungen tragen. Zudem müssen die Staats- und Regierungschefs ihr Eintreten gegen den Protektionismus und für die Öffnung von Handel und Investitionen in unmissverständlicher Weise bekräftigen.

Insbesondere sind wir der Ansicht, dass ein internationales Übereinkommen zur Erleichterung des Handels der richtige Schritt wäre, da dies die Export- und Importkosten senken und die Dynamik der globalen Handelsliberalisierung wiederherstellen würde. Die G20 müssen in Los Cabos zeigen, dass die Reform des Internationalen Währungsfonds weitergeht. Dies bedeutet, dass die Länder ihre Zusagen, die Mittel des IWF um mehr als 430 Milliarden Dollar aufzustocken, einhalten müssen, und dass Quoten und Lenkungsstruktur die anhaltenden weltweiten Veränderungen beim wirtschaftlichen Einfluss reflektieren müssen.

Wir brauchen Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze, um das Auskommen der Menschen heute zu verbessern und den Wohlstand kommender Generationen zu sichern. Die zur Umsetzung dieser Ziele erforderlichen Reformen sind schwierig, und die Dinge werden sich nicht über Nacht ändern. Doch die Welt erwartet, dass die G20 ihrer Verantwortung gerecht werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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    1. CommentedDavid Joseph Deutch

      Global trade liberalisation should not be seen as an end in itself. Economies are not one stop fixes and, as such, we should be wary of providing shared diagnoses for different countries with differing economies.

      Post financial crisis, we should be moving away from liberalisation as the only prerequisite for a prosperous economy. Therefore, countries should only enter into these sorts of international agreements if they are malleable to differing social needs.

    2. CommentedGary Marshall

      Here is a solution to the Greek problem and poor growth in general. If anyone can find the flaw, I shall be more than happy to give him or her $50,000. I am just tired of doing this.

      ####

      The costs of borrowing for a nation to fund public expenditures, if it borrows solely from its resident citizens and in the nation's currency, is nil.

      Why? Because if, in adding a financial debt to a community, one adds an equivalent financial asset, the aggregate finances of the community will not in any way be altered. This is simple reasoning confirmed by simple arithmetic.

      The community is the source of the government's funds. The government taxes the community to pay for public services provided by the government.

      Cost of public services is $10 million.

      Scenario 1: The government taxes $10 million.

      Community finances: minus $10 million from community bank accounts for government expenditures.
      No community government debt, no community government IOU.

      Scenario 2: The government borrows $10 million from solely community lenders at a certain interest rate.

      Community finances: minus $10 million from community bank accounts for government expenditures.
      Community government debt: $10 million;
      Community government bond: $10 million.

      At x years in the future: the asset held by the community (lenders) will be $10 million + y interest. The deferred liability claimed against the community (taxpayers) will be $10 million + y interest.

      The value of all community government debts when combined with all community government IOUs or bonds is zero for the community. It is the same $0 combined worth whether the community pays its taxes immediately or never pays them at all.

      So if a community borrows from its own citizens to fund worthy public expenditures rather than taxes those citizens, it will not alter the aggregate finances of the community or the wealth of the community any more than taxation would have. Adding a financial debt and an equivalent financial asset to a community will cause the elimination of both when summed.

      Whatever financial benefit taxation possesses is nullified by the fact that borrowing instead of taxation places no greater financial burden on the community.

      However, the costs of Taxation are immense. By ridding the nation of Taxation and instituting borrowing to fund public expenditures, the nation will shed all those costs of Taxation for the negligible fee of borrowing in the financial markets and the administration of public debt.

      Regards,
      Gary Marshall

    3. CommentedTristan de Inés

      Maybe policies and discussions about the future of the world should begin to accomodate the question of how to achieve social stability and high living standards -without- perpetual growth as sustenance. All the discussions about economy seem to narrow down into questions of how to achieve ever more "growth" like it was some universal antidote to solving all our economic problems. However in a world of limited resources perpetual growth is impossible, and unless we start investing heavily into unconventional methods of resource procurement, the signs of the supply bottlenecks that are already beginning to show, will accumulate.

      Another factor to consider is how much more growth our planet is able to sustain, without inflicting irreparable and irreversible damage. A threshold that unfortunately, we seem to have crossed already some time ago.

      Finally, the last thing to keep in mind is that growth is worse than useless if it completely bypasses the populace to only benefit a tiny percentage of wealthy elites. A trend that has been accelerated by globalization and is reflected in the sad statistics of the ever widening income gaps across the world. This kind of growth that promotes inequality, poverty, corruption, exploitation of human lives and natural resources, leads down a self destructive path of social instability.
      Artificial indicators like the GNP and growth rates are worthless as a representation of a society's well-being if the distribution of the generated value is warped and disproportional.
      It appalls me that the article calls for more deregulation and liberalization when it was precisely the turbo capitalism with its lack of regulations and checks that lead to the financial crisis in the first place.

      The fixation on growth is becoming a tiresome, uninspired, and increasingly aloof and obsolete way of approaching the social and economic challenges of the 21st century. And the economic problems we are experiencing right now were not caused by excessive regulations, but by the concentration of wealth and power on irresponsible and corrupt actors.

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