Tuesday, November 25, 2014
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Das europäische Wirtschaftsmodell lebt

In den frühen 1990er Jahren warnten amerikanische Wirtschaftsfachleute wie ich, die sich im Auftrag der Clinton-Administration mit den langfristigen Prognosen beschäftigten, vor übereilten Schlussfolgerungen, dass die durchschnittliche langfristige Wachstumsrate mehr als 2,5 % jährlich betragen könnte. Überdies wiesen wir darauf hin, dass die tatsächliche Wachstumsrate noch niedriger liegen könnte. Heute blicken wir auf ein Jahrzehnt zurück, in dem die amerikanische Wirtschaft im Durchschnitt ein Wachstum von 3,4 % jährlich aufwies.

Tatsächlich sind die Vereinigten Staaten heute um 9 % reicher, als wir es vor zehn Jahren zu prognostizieren wagten und das trotz der Flaute am Arbeitsmarkt und den damit verbundenen größten Produktionsdefiziten seit zwei Jahrzehnten. In Amerika erwies sich die „New Economy" als durchaus real und man hat allen Grund anzunehmen, dass das Wachstum in den nächsten zehn Jahren noch rascher steigen wird als in der Vergangenheit.

Die Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in den USA in den späten 1990er Jahren war für diejenigen ein Rätsel, die einen Blick über den Atlantik nach Westeuropa warfen: Wo war Europas „New Economy" geblieben? Sie war zwar in Skandinavien und vereinzelt auch anderswo auszumachen, aber den starken Einfluss, den verbesserte Computer- und Kommunikationstechnologien auf das Produktions- und Produktivitätswachstum gesamtwirtschaftlich ausübten, schien es nicht zu geben. Europa schien immer weiter hinter die USA zu fallen.

Wenn wir uns allerdings heutzutage derartige transatlantische Vergleiche ansehen, scheint Westeuropa viel besser dazustehen, als man es aufgrund der Wirtschaftsnachrichten in den letzten zehn Jahren vermuten würde. Die Produktivität pro Arbeitsstunde beispielsweise liegt in Westeuropa nur ungefähr 10 % unter dem Wert Amerikas.

Der Ökonom Robert Gordon von der Northwestern University weist auf ein paar interessante Charakteristika des amerikanischen BIP hin, die Verfechtern des US-amerikanischen Wirtschaftsmodells und Europakritikern durchaus zu tieferen Einsichten verhelfen. So müssen die Amerikaner beispielsweise Autos kaufen, weil das öffentliche Verkehrssystem so miserabel ist. Der Wert der Autos wird im amerikanischen BIP berücksichtigt, wohingegen in Europa die öffentlichen Verkehrssysteme nicht in als Wert für die Passagiere verbucht werden, sondern als Kosten für den Staat.

Ähnlich auch die Situation in anderen Bereichen: In Amerika sitzen zwei Millionen Menschen im Gefängnis. Die Kosten für den Bau der Gefängnisse und den Unterhalt der Insassen werden ebenfalls im BIP berücksichtigt. Professor Gordon weist überdies darauf hin, dass die Amerikaner aufgrund der extremeren Witterungsbedingungen in Amerika - kältere Winter (außer in Florida und Kalifornien) und heißere Sommer (außer in Washington, Oregon und Kalifornien) - mehr für Heizung und Klimaanlagen ausgeben müssen.

Wie sieht nun das Nettoergebnis all dieser Berechnungen aus? Westeuropäer arbeiten zwar um ungefähr 25 % weniger als die Amerikaner und doch ist das Niveau ihrer sozialstaatlichen Versorgung nur um 15 % geringer als das der Amerikaner. Außerdem gibt es in Europa eine ausgewogenere Einkommensverteilung und geringere Armut. Aus dieser Perspektive betrachtet, hat Westeuropa mindestens das gleiche Recht wie die Vereinigten Staaten als „Good Society" zu gelten.

Überdies scheint sich auch die gesamtwirtschaftliche Kluft in der Produktivität zwischen den USA und Westeuropa nicht sehr rasch zu verbreitern, wenn sie es überhaupt tut. Das westeuropäische Produktivitätswachstum kann mit dem Amerikas beinahe mithalten, woraus zu schließen ist, dass die New Economy in Westeuropa Einzug hält, nur eben ruhiger und nicht mit so viel Getöse wie in Amerika.

Natürlich muss in allen positiven Beurteilungen der Situation in Westeuropa auch das Kleingedruckte Beachtung finden. Die Arbeitslosigkeit in Europa beispielsweise ist um die Hälfte höher als in den USA. Die Teilnahme am Arbeitsmarkt ist geringer - und ein wesentlicher Teil dieser geringeren Teilnahme am Arbeitsmarkt ist nicht auf die freiwillige Entscheidung des Einzelnen zurückzuführen, sondern auf die Entmutigung der Arbeitnehmer und auf Institutionen, die es jenen Privathaushalten sehr schwer machen, wo jeder Erwachsene einer Arbeit nachgeht.

Außerdem sind die Zahlen für die Arbeitsproduktivität in Europa überhöht, weil es bei potenziellen Arbeitnehmern, die weniger produktiv wären, viel unwahrscheinlicher ist, dass sie überhaupt einer Arbeit nachgehen. Und über all dem dräut die bevorstehende demographische Krise des westeuropäischen Wohlfahrtsstaates aufgrund der alternden Bevölkerungen.

Aber wo gibt es schon ein Land oder eine Region ohne ernsthafte Wirtschaftssorgen und tiefe Strukturprobleme?

In den späten 1990er Jahren gab es in den USA eine erstaunlich lange Phase ökonomischen Sonnenscheins, unterstützt durch einige sehr gute Institutionen und einige sehr gute wirtschaftspolitische Strategien. Um das Jahr 2000 begannen sich hochrangige offizielle Vertreter Europas schon vor jedem internationalen Treffen zu fürchten, weil man wieder mit den Belehrungen der Amerikaner rechnete, wonach Europa mehr wie Amerika werden müsste. Daher ist es wichtig, darauf hinzuweisen, wie wenig - wenn überhaupt - Amerika im Verhältnis zu Europa in den letzten zehn Jahren in Bezug auf den Wohlfahrtsstaat erreicht hat. Dazulernen ist keine Einbahnstraße.

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