BERKELEY: In den USA haben wir derzeit 10% Arbeitslosigkeit. In einigen Ländern ist die Fiskalpolitik durch berechtigte Befürchtungen gelähmt, wonach eine Ausweitung der Defizitfinanzierung staatliche Schuldenkrisen auslösen könnte. In vielen anderen Ländern durch eine Verwechslung von kurzfristigen zyklischen und langfristigen strukturellen Defiziten.
Zugleich wird die Politik gegenüber den Banken durch eine populistische Reaktion gegen weitere Bailouts gelähmt, und die Geldpolitik durch die seltsame Haltung der Notenbanker, die angesichts sinkenden Lohnwachstums Angst vor Inflation haben. Wie schon R.G. Hawtrey zu Zeiten der Großen Depression von der Vorgängern dieser Leute sagte: „Sie schreien ‚Feuer! Feuer!’ inmitten der Sintflut.“
Es ist Zeit, dass wir uns beruhigen. Und die beste Methode, sich zu beruhigen, besteht darin, sich eine langfristige Sichtweise zu Eigen zu machen.
Wenn in China und Indien in der kommenden Generation alles gut geht – und im reichen, postindustriellen nordatlantischen Kern der Weltwirtschaft nichts katastrophal schief geht –, wird die kommende Generation einen echten Meilenstein erreichen. Erstmals werden mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit ausreichend zu essen haben, um nicht zu hungern, ein Dach über dem Kopf, um nicht nass zu werden, ausreichend Kleidung, um nicht zu frieren und eine ausreichende medizinische Versorgung, so dass sie keine Angst mehr haben müssen, dass sie und die meisten ihrer Kinder vorzeitig an Mikroparasiten sterben werden.
Für den Großteil der Menschheit werden die großen Probleme darin bestehen, ausreichend geistige Herausforderungen und Ablenkung in ihrer Arbeit und Freizeit zu finden, um sich nicht zu langweilen, und einen ausreichenden Status zu erlangen, um nicht neidisch auf ihre Mitmenschen zu sein. Und natürlich werden sie mit jenen Schlägern und Verbrechern fertig werden müssen, die früher Speere hatten, aber dann Cruise Missiles und Wasserstoffbomben haben werden – jenen Makroparasiten also, die die Menschheit heimsuchen, seit die ersten Bauern erkannten, dass der Anbau von Feldfrüchten ihnen die Möglichkeit nahm, wegzulaufen und sich im Wald zu verstecken.
Wie es zu diesem Wunder gekommen ist?
Einige erklären es mit der Entzauberung der Welt: einer Abkehr von einer Weltsicht, die auf Gebeten und der Versöhnung der Geister beruhte, bei gleichzeitiger Hinwendung zu rationaler Manipulation und Bewirtschaftung von Natur und Gesellschaft. Doch hatten die alten Griechen die Naturphilosophie, und die alten Römer glaubten daran, herauszufinden, was funktionierte, und es anzuwenden. Alles aber, was sie hervorbrachten, waren einige herausragende architektonische Werke, Infrastruktur und ein militärisches Ausbildungssystem, das ihre Gesellschaft über den Mittelmeerraum hinaus ausbreitete.
Einige erklären das Wunder mit einer landwirtschaftlichen Revolution, die einen großen Teil der Arbeitskraft freisetzte, um Dinge herzustellen, statt Lebensmittel zu produzieren. Doch wies China im 11. Jahrhundert eine größere und frühere landwirtschaftliche Revolution auf als Großbritannien im 18. Jahrhundert, und doch musste es weitere tausend Jahre warten, bis es zur Weltmacht aufstieg.
Einige sagen, die Anerkennung gebühre der europäischen Eroberung Amerikas. Doch was von Amerika über den Atlantik nach Europa zurück versandt wurde – und was an Importen aus Asien mit amerikanischen Produkten bezahlt wurde – war nie echter Reichtum. Es waren lediglich steriles Gold und Silber, einige leere Kalorien (in Form von Zucker) und einige psychoaktive Produkte – Kaffee, Tee, Schokolade und Tabak.
Wieder andere sagen, dass es die Revolution beim Handel und der Aufstieg der Mittelschicht waren, die uns dem Sieg über den Mangel nahe brachten. Doch erwarteten Adam Smith im Jahre 1776 und etwas später David Ricardo ein zukünftiges Großbritannien, das China ziemlich ähnelte – ein dicht bevölkertes Land mit hoher landwirtschaftlicher Produktivität und gut entwickelter Arbeitsteilung, aber einer sehr armen Schicht aus Kleinbauern und Arbeitern, beherrscht von sehr reichen Grundbesitzern.
Oder war es die Industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts in Großbritannien – mit Dampfmaschine, Glühofen und Baumwollspinnerei –, die die Räder des Fortschritts in Bewegung setzte? Noch 1871 schrieb John Stuart Mill, es sei zweifelhaft, ob all die vielen Erfindungen der Industriellen Revolution auch nur das Leben eines einzigen Arbeiters erleichtert hätten.
Im Rückblick lässt sich nur mühsam der Schluss vermeiden, dass es Ende des 19. Jahrhunderts war, als etwas wirklich Besonderes passierte. Und dieses wirklich Besondere bestand aus drei Teilen.
Erstens führte die Ankunft der globalen Kommunikation dazu, dass Ideen, die in einem Teil der Welt erdacht oder gefunden wurden, rasch auch in anderen Teilen der Welt verbreitet und dort übernommen werden konnten, statt dass es Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauerte, bis sie kleckerweise die Ozeane überquert hatten.
Zweitens führte das Entstehen eines globalen Transportwesens dazu, dass sich all diese guten Ideen auch umsetzen ließen und durch ihren weltweiten wirksamen Einsatz enorme Gewinne produzierten.
Drittens – und zu einem großen Teil bedingt durch die beiden vorgenannten Entwicklungen – schuf der Aufstieg des professionellen Erfinders und des industriellen Forschungslabors eine Klasse von Menschen, deren Geschäft nicht darin bestand, eine einzige Erfindung zu machen und anzuwenden, sondern den Prozess kontinuierlicher und stetiger Neuerung und Innovation selbst zu erfinden.
Da sich alle drei dieser Entwicklungen ungefähr zur selben Zeit ereigneten, ergab sich hieraus die nötige kritische Masse – und damit die Kettenreaktion, die uns dorthin brachte, wo wir heute stehen. Wir wollen hoffen, dass wir sie in Gang halten können und nicht dadurch ruinieren, dass wir das, was hierfür wirklich wichtig ist, aus dem Auge verlieren.


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