Finance in the 21st Century
Der Geist in der Aufschwung-Maschine
Robert J. Shiller
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NEW HAVEN – In dem im Oktober veröffentlichten World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds wird verkündet, dass „entschlossene Strategien der öffentlichen Hand eine Erholung der Industrieproduktion, des Welthandels und der Einzelhandelsumsätze begünstigt“ hätten. Neben vielen nationalen Spitzenpolitikern scheint auch der IWF vor allem diese Strategien für die Herbeiführung dessen verantwortlich zu machen, was das Ende der globalen Rezession werden könnte.
Den nationalen Führungen und internationalen Organisationen gebührt tatsächlich große Anerkennung für ihre Aktivitäten, seit dem Frühjahr für Zeichen einer Erholung zu sorgen. Die internationale Koordination der wirtschaftspolitischen Strategien, wie in der jüngsten G-20-Erklärung formell festgehalten, ist beispiellos in der Geschichte.
Allerdings beschleicht einen auch der Verdacht, dass die Staatsspitzen aus aller Welt ihre Politik allzu früh in den Himmel gehoben haben. Schließlich neigen Rezessionen im Allgemeinen dazu, von selbst zu Ende zu gehen. Das geschah auch, als es noch keine staatlichen Stabilisierungsprogramme gab. So endeten beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Rezessionen der Jahre 1857-58, 1860-61, 1865-67, 1882-85, 1887-88, 1890-91, 1893-94, 1895-97, 1899-1900, 1902-04, 1907-08 und 1910-12 samt und sonders ohne die Hilfe der Federal Reserve, die erst 1914 ihre Pforten öffnete.
Vor langer Zeit schon entwickelten Wirtschaftstheoretiker Modelle, die beschreiben, wie Rezessionen von alleine zu Ende gehen. In seinem im Jahr 1959 veröffentlichten Buch The Business Cycle , fasst der Cambridge-Ökonom R.C.O. Matthews unter der Kapitelüberschrift „Der untere Wendepunkt” eine Reihe von Faktoren zusammen, die nach Meinung der Konjunkturtheoretiker dieser Tage, einen Aufschwung automatisch herbeiführen können.
So kann beispielsweise die Nachfrage nach Investitionsgütern vor allem in schwer betroffenen Sektoren wieder ansteigen, nachdem eine Rezession physisches Kapital technologisch obsolet werden ließ. Außerdem sinken Zinssätze in einer Rezession tendenziell, selbst wenn es keine Zentralbank gibt, die die Investitionsnachfrage weiter ankurbelt.
In ähnlicher Weise kann auch die Produktion wieder steigen, um jene Bestände aufzufüllen, die durch eine übermäßige Kontraktion des Fertigungsvolumens vermindert worden waren. Zufällige Schocks wie etwa bedeutende Innovationen oder wechselnde Ernteerträge können in einer Rezession einen asymmetrischen Effekt haben, wobei positive Schocks auf manche Sektoren größere Auswirkungen haben, als negative Schocks auf andere. An der Finanzfront führen Zusammenbrüche von schwächeren Banken dazu, dass die überlebenden Institutionen größeres öffentliches Vertrauen genießen und daher in der Lage sind, ihre Geschäfte wieder profitabel zu führen.
Manche dieser Faktoren spielten bei der aktuellen wirtschaftlichen Aufhellung plausiblerweise auch eine Rolle und nicht nur die Aktionen der Regierungen und multilateralen Organisationen. Auch die nicht vorhersehbare menschliche Psychologie leistete einen Beitrag. Gerade diesen Faktoren kommt hinsichtlich der wirtschaftlichen Aussichten und der Beurteilung des Erfolgs von Wirtschaftsprogrammen große Bedeutung zu.
Beginnen wir mit dem seit März dieses Jahres anhaltenden Aufschwung auf den Aktienmärkten, der als atemberaubend zu bezeichnen ist. Berechnet auf Grundlage monatlicher Daten des S&P Composite, handelt es sich bei dem 38-prozentigen Anstieg von März bis September um die zweitgrößte Steigerung seit 1871, die lediglich von einem Anstieg um 71 Prozent zwischen Februar und August 1933, während der Großen Depression, übertroffen wird. Dieser aktuelle Aufschwung ist umso bemerkenswerter, da er dem geschichtlich zweitgrößten Absturz innerhalb von sechs Monaten folgte, als die Aktienpreise von September 2008 bis März 2009 um 38 Prozent fielen. (Der stärkste Einbruch ereignete sich – erraten – während der Großen Depression, als der Index von November 1931 bis Mai 1932 um 47 Prozent abstürzte.)
Überdies trat diese krasse Wende in vielen Ländern und bei zahlreichen Vermögenswerten ein, einschließlich Ölpreise, Gold und – in manchen Ländern – bei Wohnimmobilien.
Jede fundierte Analyse der Ursachen dieses Wandels könnte sich jedoch als trügerisch herausstellen. Noch immer rätseln die Menschen über die Ursachen anderer bedeutender Aufschwünge (1933, 1982 usw.). Ist ein Marktboom einmal im Gange, kann er wie eine Art soziale Epidemie eine Weile anhalten und inspirierende Geschichten von einem „neuen Zeitalter“ hervorbringen, die durch Medien und Mundpropaganda in Umlauf gebracht werden. Diese Geschichten tragen dazu bei, den Boom noch zu verstärken und werden zu einem Teil des Feedbacks, das den Boom trägt.
Die bei dem jüngsten G-20-Treffen erzielten Übereinkünfte bilden einen Teil dieser Geschichten, denn sie weisen in Richtung eines neuen Zeitalters internationaler Zusammenarbeit und wirtschaftlichen Professionalismus – ein Thema, das in der Psychologie des Aufschwungs möglicherweise übertrieben wird. Vor allem in den Entwicklungsländern ist die G-20-Geschichte überaus präsent, da die internationale Anerkennung, die die Entwicklungsländer durch die erweiterte Rolle der G-20 erfahren haben, größte psychologische Resonanz findet.
Darüber hinaus haben Geschichten von höchst profitablen Banken, die ihren Managern enorme Boni bezahlen, die Menschen zur Annahme verleitet, dass die Dinge in der Geschäftswelt nicht gar so schlecht laufen können. Die Wut über diese Profite und Bonuszahlungen trägt tendenziell lediglich zur Verbreitung dieser Geschichten bei.
Allerdings ist jeder derartige Spekulationsboom von Natur aus instabil, da die Geschichten mit der Zeit und mit neuen Schocks entstehen, deren Auswirkungen auf die Märkte höchst unsicher sind. Es war ja schließlich ein exzessiver Spekulationsboom auf den Aktien- und Immobilienmärkten, der uns diese Finanzmisere überhaupt einbrockte.
Natürlich unternahmen Regierungen und multilaterale Institutionen einige grundvernünftige Versuche, das Vertrauen wieder herzustellen. Aber sie haben den Aufschwung nicht „herbeigeführt“. Sie hatten Glück und die G-20 befinden sich momentan ebenso wie die Regierungen, die Konjunkturprogramme auf den Weg brachten, in einer Phase der Glückseligkeit über ihren offensichtlichen Erfolg.
Wohin unsere nach wie vor leidende Weltwirtschaft von hier aus geht, ist ebenso unsicher wie die spekulativen Märkte, die eine überaus bedeutende Rolle sowohl in der Finanzkrise als auch bei der anschließenden Erholung spielten. Wir können nur davon träumen, dass die Formulierung wirtschaftspolitischer Strategien ebenso einfach und klar wäre wie das in anderen Fachbereichen möglich ist. Ist es aber nicht: zahlreiche ungenügend verstandene, natürliche zyklische Faktoren spielen ebenso eine Rolle wie die Unwägbarkeiten der menschlichen Psychologie.
Robert Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University, Chefökonom von MacroMarkets LLC und Ko-Autor des gemeinsam mit George Akerlof verfassten Buchs Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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