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Ein Jahr Finanzkrise

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2009-08-20

NEW YORK: Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen, seit die Weltwirtschaft am Rande der Katastrophe stand. Zwischen dem 15. und 17. September 2008 meldete Lehman Brothers Konkurs an, der Versicherungsgigant AIG wurde von der US-Regierung übernommen, und die vor dem Aus stehende Wall-Street-Institution Merrill Lynch wurde in einem von der Regierung vermittelten und finanzierten Geschäft von der Bank of America aufgesogen – alles in nur drei Tagen. Panik brach aus. Der Kreditfluss stockte. Unternehmen außerhalb des Finanzsektors konnten keine Betriebskredite mehr bekommen, und schon gar keine Kredite für langfristige Investitionen. Eine Depression schien möglich. 

Heute ist der Sturm vorbei. Monatelange Notfallmaßnahmen der weltweit führenden Notenbanken haben den Zusammenbruch der Finanzmärkte verhindert. Als die Banken aufhörten, anderen Banken und Industrieunternehmen kurzfristige Liquidität zur Verfügung zu stellen, sprangen die Notenbanken in die Bresche. Infolgedessen vermieden die wichtigen Volkswirtschaften einen Kredit- und Produktionszusammenbruch. Das Gefühl der Panik ist verklungen. Die Banken leihen einander wieder Geld.

Doch auch wenn das Schlimmste vermieden wurde: Eine Menge Schmerz bleibt. Die Krise kulminierte Ende 2008 im Zusammenbruch der Preise von Vermögenswerten. Bürgerliche wie vermögende Haushalte weltweit fühlten sich ärmer und drosselten daher steil ihre Ausgaben. In schwindelnde Höhen gestiegene Öl- und Nahrungsmittelpreise trugen zu den Schmerzen und daher zum Konjunkturabschwung bei. Die Unternehmen wurden ihre Produkte nicht mehr los, was zu Produktionssenkungen und Entlassungen führte. Steigende Arbeitslosigkeit verstärkte den Vermögensrückgang der Haushalte, setzte Familien tiefen wirtschaftlichen Gefahren aus und führte zu weiteren Einschnitten bei den Konsumausgaben.

Das große Problem ist nun, dass die Arbeitslosigkeit in den USA und Europa weiter ansteigt, weil das Wachstum nicht reicht, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Noch immer sind weltweit Verwerfungen zu spüren.

Eine enorme Debatte über die so genannten „Konjunkturausgaben“ in den USA, Europa und China folgte. Konjunkturausgaben zielen darauf ab, durch höhere Staatsausgaben oder steuerliche Anreize den Rückgang des privaten Verbrauchs und der Unternehmensinvestitionen auszugleichen. In den USA etwa besteht rund ein Drittel des auf zwei Jahre angelegten Konjunkturpakets im Umfang von 800 Milliarden Dollar aus Steuersenkungen (zur Ankurbelung der Konsumausgaben), ein Drittel aus öffentlichen Ausgaben für Straßen, Schulen, Strom und andere Infrastruktur, und ein weiteres Drittel besteht aus Bundestransfers an Einzelstaaten und Kommunen für die Gesundheitsversorgung, Arbeitslosenversicherung, Lehrergehälter und Ähnliches.

Konjunkturpakete sind kontrovers, weil sie die Haushaltsdefizite erhöhen und daher die Notwendigkeit beinhalten, in naher Zukunft die Ausgaben zu senken oder die Steuern zu erhöhen. Die Frage ist, ob sie Produktion und Beschäftigung kurzfristig erfolgreich ankurbeln, und falls ja, ob sie genug tun, um die unweigerlichen späteren Haushaltsdefizite zu kompensieren.

Die wahre Effektivität dieser Pakete ist unklar. Nehmen wir an, die Regierung senkt die Steuern, um die Nettoeinkommen der Verbraucher zu erhöhen. Falls die Verbraucher davon ausgehen, dass die Steuern in der Zukunft steigen werden, könnten sie beschließen, diese Steuerersparnis zu sparen, statt den Verbrauch anzukurbeln. In diesem Fall haben die Konjunkturmaßnahmen kaum positive Auswirkungen auf die privaten Ausgaben, verschlimmern jedoch das Haushaltsdefizit.

Eine frühe Einschätzung der Konjunkturpakete legt nahe, dass das chinesische Programm bisher gut funktioniert. Der steile Rückgang der chinesischen Exporte in die USA wurde durch einen steilen Anstieg der Staatsausgaben im Bereich der Infrastruktur kompensiert – etwa für den U-Bahn-Bau in den größten chinesischen Städten.

In den USA ist die Situation weniger klar. Die Steuersenkungen wurden vermutlich eher gespart als ausgegeben. Die Infrastrukturkomponente wurde wegen der langen zeitlichen Verzögerungen bei der Umwandlung von Geldern aus dem Konjunkturpaket in reale Bauprojekte noch nicht abgerufen. Der dritte Teil – die Transferleistungen an Einzelstaaten und Kommunen – war fast mit Sicherheit erfolgreich dabei, die Ausgaben für Schulen, Gesundheit und die Arbeitslosen aufrecht zu erhalten.

Kurz gesagt: Die Auswirkungen des US-Konjunkturpakets waren vermutlich positiv, aber gering und ohne entscheidende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Darüber hinaus dürften die Bedenken über das enorme US-Haushaltsdefizit, das sich derzeit auf 1,8 Billionen Dollar pro Jahr (12% vom BIP) beläuft, zunehmen. Dies schafft nicht nur in der Politik und an den Finanzmärkten enorme Unsicherheit, sondern trübt auch das Verbrauchervertrauen ein, da die Haushalte ihre Aufmerksamkeit zukünftigen Budgetsenkungen und Steuererhöhungen zuwenden. Die USA haben die praktische Grenze dessen erreicht, was mit kurzfristigen Konjunkturausgaben zu erreichen ist, und werden anfangen müssen, ihr Haushaltsdefizit zu verringern und alternative Wege zu mehr Wachstum zu fördern.

Als sich die Krise vor einem Jahr vertiefte, führte Barrack Obama das Thema einer „grünen Konjunkturerholung“ in den Präsidentschaftswahlkampf ein, basierend auf einem steilen Anstieg der Investitionen in erneuerbare Energien, neue Elektrofahrzeuge, ökologisch effiziente „grüne“ Gebäude und eine ökologisch vernünftige Landwirtschaft. In der Hitze des Gefechts gegen die Finanzpanik hat sich die politische Aufmerksamkeit von dieser grünen Konjunkturerholung abgewendet. Nun aber müssen die USA auf diese bedeutende Idee zurückkommen.

Die schuldenbelasteten Verbraucher in den USA und Europa werden ihre Ausgaben auf Jahre hinaus begrenzen, um ihren Wohlstand und ihre Pensionsvorsorge neu aufzubauen. Doch die hieraus resultierende wirtschaftliche Flaute eröffnet uns eine historische Chance – und Notwendigkeit –, niedrige Konsumausgaben durch erhöhte Investitionsausgaben in nachhaltige Technologien zu kompensieren.

Die Regierungspolitik in den USA und anderen reichen Ländern sollte diese Investitionen durch besondere Anreize stimulieren. Hierzu gehören bindende Obergrenzen für Treibhausgas-Emissionen und ein System für den Emissionshandel, Subventionen für die Forschung und Entwicklung im Bereich der nachhaltigen Energien, Einspeisungstarife und aufsichtsrechtliche Anreize für erneuerbare Energien, Verbrauchersubventionen und andere Anreize zur Einführung neuer „grüner“ Technologien sowie die Umsetzung „grüner“ Infrastrukturprogramme etwa im Personennahverkehr.

Die reiche Welt sollte zudem den ärmsten Ländern Zuschüsse und niedrig verzinste Kredite zur Verfügung stellen, um nachhaltige Energietechnologien wie Sonnen- und Geoenergie zu kaufen. Dies würde zur globalen Konjunkturerholung beitragen, die langfristige ökologische Nachhaltigkeit verbessern und die wirtschaftliche Entwicklung beschleunigen.

Die Krise kann sich noch als eine Chance erweisen, von einem Weg der Finanzblasen und des übermäßigen Verbrauchs auf einen Pfad nachhaltiger Entwicklung umzusteigen. Tatsächlich ist dies das einzige Rezept für echtes Wachstum, das uns noch bleibt.

Jeffrey D. Sachs ist Professor für Ökonomie und Direktor des Earth Institute der Columbia University.

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AUTHOR INFO

Jeffrey D. Sachs is Professor of Economics and Director of the Earth Institute at Columbia University. He is also Special Adviser to United Nations Secretary-General on the Millennium Development Goals.
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