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2006-04-21

Man könnte sich etliche Wirtschaftsdebatten sparen, würde man mehr Zeit für die Analyse dessen aufwenden, was wirklich funktioniert und was nicht. Beinahe überall sind heftige Debatten darüber im Gang, wie Marktkräfte und soziale Sicherheit unter einen Hut zu bringen sind. Die Linke fordert eine Ausweitung des sozialen Schutzes und die Rechte meint, genau das würde dem Wirtschaftswachstum schaden und zu größeren Haushaltsdefiziten führen.

Die Debatte kann beschleunigt werden, indem man einen Blick auf die erfolgreichen Ökonomien in Dänemark, Finnland, Island, den Niederlanden, Norwegen und Schweden wirft. Regionale Erfahrung sind zwar nicht so leicht übertragbar, aber den nordischen Ländern ist es gelungen, den Sozialstaat mit hohem Einkommensniveau, solidem Wirtschaftswachstum und makroökonomischer Stabilität zu verbinden. Auch im Bereich Staatsführung hat man hohe Standards erreicht.

Natürlich gibt es auch zwischen den einzelnen nordischen Ländern Unterschiede. Die sozialstaatlichen Ausgaben sind in Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden am höchsten und in Finnland und Island etwas niedriger. Während allerdings das Steuerniveau in den USA auf Bundesebene bei etwa 20 % des BIP liegt, beträgt dieser Wert in Skandinavien über 30 %.

Hohe Steuern ermöglichen ein umfassendes Gesundheits- und Bildungs- und Rentenwesen sowie andere Sozialleistungen, die eine niedrige Armutsrate und relativ geringe Einkommensunterschiede zwischen den armen und reichen Haushalten zur Folge haben. In den USA bringen es die ärmsten 20 % der Haushalte auf nur 5 % des Gesamteinkommens. Damit liegt ihr Einkommen bei ungefähr einem Viertel des landesweiten Durchschnitts. In den skandinavischen Ländern hingegen beträgt der Einkommensanteil der 20 % armen Haushalte beinahe 10 % des Gesamteinkommens, womit sie ungefähr die Hälfte des nationalen Durchschnittseinkommens erzielen.

Die Konservativen in Amerika argumentieren, dass ein großer öffentlicher Sektor zu Ineffizienz und Missmanagement, Korruption und bürokratischem Missbrauch neigt, und die zur Aufrechterhaltung des Apparats nötigen hohe Steuersätze die ökonomische Effizienz beeinträchtigen. Jede dieser Behauptungen wird allerdings durch die Erfahrungen in Skandinavien widerlegt.

Betrachten wir die Vorwürfe der Ineffizienz und Verschwendung. Als Folge eines staatlich finanzierten Krankenversicherungswesens ist die Lebenserwartung in den nordischen Ländern höher und die Säuglingssterblichkeit geringer als in den USA. Die Lebenserwartung liegt in den skandinavischen Ländern bei annähernd 80 Jahren, verglichen mit 78 Jahren in den USA, wo der Staat keine Krankenversicherung garantiert und Millionen von Familien zu arm sind, um sich eine derartige Versicherung leisten zu können. Ironischerweise ist aber der private Sektor im US-Gesundheitssystem derart ineffizient, dass die Amerikaner mit 14 % einen größeren Anteil des BIP für Gesundheit ausgeben als die Bewohner Skandinaviens mit 11 %, dafür aber weniger Leistungen bekommen.

Obwohl die Ausgaben für Sozialleistungen in den USA geringer sind als in Skandinavien, ist das Haushaltsdefizit gemessen am Nationaleinkommen in den USA viel höher. Die USA investieren weniger in den öffentlichen Sektor, heben aber noch weniger an Steuern ein, als sie ausgeben.

Ebenso wenig haben die hohen Steuersätze in den nordischen Ländern die Wirtschaftsleistung beeinträchtigt. Im Gegensatz zu den USA, wo man hauptsächlich auf Einnahmen aus Einkommenssteuern angewiesen ist, beruhen die Steuersysteme in den skandinavischen Ländern auf Mehrwertsteuern, die relativ hohe Steuereinnahmen bringen und dafür sorgen, dass sich Steuerhinterziehung und Verzerrungen in der Wirtschaft in Grenzen halten.

Die skandinavischen Erfahrungen stehen auch im Widerspruch zu der Behauptung der Konservativen, wonach ein starker Sozialstaat den Anreiz zu arbeiten und zu sparen schwächt. Die nationalen Ersparnisse betragen in den nordischen Ländern im Schnitt 20 % des Nationaleinkommens, wohingegen dieser Wert in den USA bei ungefähr 10 % liegt.

Außerdem wiesen die skandinavischen Länder in den letzten Jahren ein ähnliches Wirtschaftswachstum auf wie die USA. Die Einkommen sind im Schnitt in den USA höher, dies aber hauptsächlich deshalb, weil in den nordischen Ländern weniger Wochenstunden gearbeitet werden. Jedenfalls sind die Einkommen in den skandinavischen Ländern sehr hoch und das Pro-Kopf-Einkommen in Norwegen ist sogar höher als jenes in den USA.

Mehrere Faktoren scheinen den wirtschaftlichen Erfolg Skandinaviens zu erklären. Die Besteuerung erfolgt auf breiter Basis und hat keine verzerrende Wirkung. Anreize werden durch offenen internationalen Handel, Marktkräfte und privatwirtschaftliche Industrie geschaffen. Bei den skandinavischen Volkswirtschaften handelt es sich nicht um „sozialistische“ Ökonomien auf Basis von Staatseigentum und Planwirtschaft, sondern um „sozialstaatliche“ Ökonomien auf Grundlage von Privateigentum und Märkten, in denen die öffentliche Hand für den sozialen Schutz sorgt. Bedeutsam auch, dass man stark in höhere Bildung und Technologie investiert und so im Bereich der Hi-Tech-Industrien immer am Puls der Zeit bleibt.

Vor einem halben Jahrhundert vertrat der Ökonom Friedrich von Hayek, ein Verfechter des freien Marktes, die Meinung, dass ein großer öffentlicher Sektor die Demokratie an sich bedroht und die europäischen Länder auf den „Weg zur Knechtschaft“ bringt. Die skandinavischen Länder haben unter dem starken Sozialstaat allerdings nicht gelitten, sondern prosperierten und es gibt weit weniger Korruption im öffentlichen Sektor und eine viel höhere Wahlbeteiligung als in den USA. Nach Angaben von Transparency International weisen die politischen Systeme in den skandinavischen Ländern die niedrigste Korruptionsrate auf (Island und Finnland nehmen hier die Spitzenpositionen ein), während die USA mit ihrer Politik des „Big Money“ relativ weit abgeschlagen liegen.

Inwieweit ist der skandinavische Erfolg nun reproduzierbar? Diese Länder haben wenig Einwohner, verfügen über leichten Zugang zum internationalen Handel, Bodenschätze und friedliche Nachbarn. Vor allem aber sind sie ethnisch homogen, wodurch soziale Trennlinien leichter überwunden werden können. Das bedeutet allerdings, dass in ethnisch inhomogenen Staaten wie den USA die Herausforderung zur Erhaltung eines starken Sozialstaates weniger eine wirtschaftliche, sondern eine Frage der Förderung des Respekts und der Inklusion ist.

Jeffrey Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Earth Institute an der Columbia University.

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AUTHOR INFO

Jeffrey D. Sachs is Professor of Economics and Director of the Earth Institute at Columbia University. He is also Special Adviser to United Nations Secretary-General on the Millennium Development Goals.