Friday, April 25, 2014
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Politische Evolution

Überall wollen die Menschen eine neue Beziehung zur Macht – mehr Autonomie und mehr Respekt. Dies spiegelt unsere aktuelle Zeit wider, in der neues Wissen, neue Ideen und Möglichkeiten unsere Identitäten reicher, fließender und unabhängiger vom Schicksal gemacht haben. Gleichzeitig ist unsere Welt durch die Informationsgesellschaft und die Globalisierung unsicherer geworden, und die herkömmliche Politik war bisher nicht in der Lage, die von uns darin erlebten Risiken anzusprechen.

Für mich als Vorsitzender einer politischen Partei ist heutzutage die zentrale Idee, Einzelpersonen mehr Macht zu geben. Ein traditioneller Parteivorsitzender sagt zu seinen Anhängern: „Ihr könnt mir vertrauen.“ Ich denke, die Zukunft einer fortschrittlichen Politik liegt darin, dass Führer den Bürgern vertrauen. Es ist eine neue Art von Beziehung.

Bei PASOK, der von mir geführten Partei, haben wir begonnen, uns Gedanken darüber zu machen, was wir von der Politik im praktischen Sinne wollen und wie dies so umgesetzt werden kann, dass das Leben der Menschen respektiert wird. Wir führen Änderungen an der Spitze durch, um unsere Partei für mehr Partizipation zu öffnen. Wir müssen unterschiedliche Ansichten hervorheben , und nicht verstecken und unsere Parteien weniger als „Kriegshauptquartiere“ und mehr als vielfältige und lebendige Expertenkommissionen oder Workshops ansehen.

Die Menschen können in der heutigen Informationsflut leicht die Orientierung verlieren. Sie werden immer nach einem Leuchtturm Ausschau halten, einem faros , wie wir auf Griechisch sagen. Doch was sind diese Leuchttürme? In einer Informationsgesellschaft sind es diejenigen, denen man zutraut, bei der Interpretation oder Analyse der Geschehnisse helfen zu können.

Deshalb glaube ich, dass die Parteien in Zukunft eine Kultur der Diskussion, des Dialogs und des kritischen Problemverständnisses entwickeln müssen, in der die Menschen an der Festlegung der Prioritäten einer Nation mitwirken können und in der ihnen nicht einfach von Experten oder ihren Führern gesagt wird, was für sie richtig und falsch ist.

Große Themen wie Migration, Rauschgift oder Umweltschutz fallen nicht mehr in die traditionellen Kategorien von links und rechts. Die Menschen mögen zum Beispiel einen unumgänglichen Kompromiss zwischen strengen Umweltstandards und Arbeitsplätzen sehen, doch dieselben Menschen wollen oft beides. Es ist nicht mehr bloß eine Seite gegen die andere. Das Wesen des kapitalistischen Wachstums zwingt uns dazu, eine ganzheitlichere Sichtweise einzunehmen und herauszufinden, wie wir nachhaltige Entwicklung erreichen können.

Natürlich kann die Einführung von mehr Demokratie in unserem täglichen Leben nicht fortwährende Debatten ohne tatsächliche Entscheidungsfindung bedeuten. Sie sollte stattdessen bedeuten, dass bestimmte Prinzipien des Respekts, der Beratung und des Überlegens Teil unseres Alltags werden.

Im Gegensatz dazu gibt es einen traditionellen Führungsstil, der Angst und Unsicherheit geradezu fördert, so dass ein Retter daherkommen und sagen kann: „ Ich werde das hier lösen.“ Präsident George W. Bush verfolgt diesen Stil sehr offen. Ich war gegen die Irakpolitik der Bush-Regierung, weil diese Art der Außenpolitik mit einer Machtform verbunden ist, die Führung als Befehlsgewalt darstellt – eine Machtform, die meines Erachtens in den konservativen Parteien weltweit wieder auflebt.

Ich kenne diese Mentalität gut. Als ich 1981 zum ersten Mal als Abgeordneter ins Parlament gewählt wurde, sagten die Leute: „So, Georgios, jetzt musst du mit der Faust auf den Tisch schlagen.“ Die Leute meinten, dass man schwach aussehe, wenn man nicht über die Opposition fluche, nicht in einem großen schwarzen Auto herumfahre und keine Krawatte trage. Vor allem müsse man Befehle erteilen, um „stark“ zu sein.

Ich sagte mir: „Ich muss die Dinge demokratischer angehen.“ Mir wurde klar, dass ich kämpfen musste, um das zu vermitteln, was ich erreichen wollte. Die gesamte politische Kultur musste sich ändern.

Teil meines Denkens betrifft den persönlichen Stil, doch auch etwas Tieferes: die Beziehung zwischen Berufspolitikern und Wählern. Selbstverständlich gibt es einen Punkt, an dem ein Führer sich auf eine Entscheidung festlegen muss. Aber man kann dies gewaltlos und ohne Aggressionen tun, indem man die Prinzipien dieser neuen Beziehung verteidigt. Die Macht allein kennt keine Prinzipien.

Unsere Gesellschaften und Bürger brauchen mehr Freiheit, wenn wir eine friedlichere, wohlhabendere und sicherere Welt errichten sollen. Betrachten wir das Beispiel der griechisch-türkischen Beziehungen, die sich unter der komprimierten Last der Ansichten des „Establishments“ verhärtet hatten. Diese Ansichten waren seit langem in beiden Ländern tief verwurzelt. Nur ein neuer Ansatz konnte die Mauer der herkömmlichen Überzeugungen einreißen.

Bei Konfrontationen schaffen Bürger und Politiker ziemlich oft eine Kultur des Nullsummenspiels, die zu einem autoritären und militaristischen Führungsstil führt. In der ehemaligen PASOK-Regierung unterstützten wir stattdessen die Schaffung eines positiveren Rahmens, indem wir uns offen dazu verpflichteten, uns um einen Konsens zu bemühen. Dadurch schufen wir die Grundlage für Vertrauen und gegenseitiges Verständnis.

Die Parteien müssen jetzt überall Vertreter für eine ähnliche Veränderung werden. Heutzutage stellt das Machtgerüst selbst – die altmodische Parteihierarchie, die das Kommando über den Staat oder die Stadt übernimmt – eine Art Missbrauch dar. Es entmachtet die Menschen in ihrem eigenen Namen, flößt ihnen jedoch eher Angst als Vertrauen ein.

Es überrascht nicht, dass meine Partei jetzt versucht, bei der nächsten Wahl wieder an die Macht zu kommen. Doch wir gehen auch mehr in die Tiefe und schauen weiter voraus. Wir werden nicht wieder in die Regierung gewählt, wenn wir langfristig keine bessere Art der Demokratie anbieten. In diesem Bestreben hoffen wir, ein Beispiel für die Welt zu setzen.

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