Wednesday, April 23, 2014
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Obama und der Aufstieg der anderen

NEW YORK – Die amerikanischen Wahlen erzeugen normalerweise eine kurze Euphorie; das allgemeine Gefühl der Erneuerung und zukünftiger Möglichkeiten wirkt als Adrenalinspritze. In diesem Jahr wird die greifbare Erleichterung und Feier jedoch von dem weit verbreiteten Gefühl gedämpft, dass in Amerika nicht alles zum Besten bestellt ist.

Die Wirtschaftsdaten sind nahezu einheitlich düster und werden sich nicht so bald bessern, und obwohl Fragen der nationalen Sicherheit aufgrund der Finanzkrise weniger dringlich erscheinen, sind sie angesichts der instabilen Lage in Afghanistan und Pakistan und der ungelösten Probleme im Irak, Iran und in Nordkorea kaum verschwunden. Zudem hat sich die Macht des amerikanischen Präsidenten und der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren dramatisch verschoben, was unsere Ära von vorhergehenden Zeiträumen unterscheidet, als die Welt im Wandel war und ein amerikanischer Präsident vor großen Herausforderungen stand.

Bis vor Kurzem war es möglich, von einem „Aufstieg der anderen“ zu sprechen, ohne eine Verringerung der amerikanischen Macht vorherzusagen. Nun, wo das US-Militär im Irak und in Afghanistan an seine Grenzen stößt und die US-Finanzlage schwächer wird, steht Amerika vor bitteren Entscheidungen. Das ist eine ungewohnte Position für einen neuen US-Präsidenten. Selbst in den düsteren Jahren nach Vietnam, in den späten 70ern und frühen 80ern, war das Gefühl verbreitet, dass Amerika seine wirtschaftlichen Entscheidungen immer noch fällen konnte, ohne den Rest der Welt groß beachten zu müssen. Das war das Privileg dafür, die größte und dynamischste Wirtschaft zu haben – die zudem als Kreditgeber für die Welt agierte. Diese Zeiten sind vorbei.

Es ist keine geringe Ironie, dass Amerikas scheidender Präsident, der unilateral gesonnene George W. Bush am 15. November Gastgeber einer multilateralen Konferenz ist, bei der die Neuordnung des globalen Wirtschaftssystems besprochen werden soll. Auch die Tatsache, dass selbst die schlecht organisierten Minister der Europäischen Union schneller die Talsohle für die Finanzkrise abgesteckt hatten, als der US-Präsident und der Kongress, bestätigt Amerikas relative Position. Für die sich verändernden Welt spricht es zudem Bände, dass Asien im Allgemeinen und China im Besonderen nun, da sich die Panik legt und die Trümmer zum Vorschein kommen, als deutliche Sieger hervortreten.

Die Kreditkrise hat das schwache Fundament des anhaltenden Wachstums, von dem die USA und Europa in den letzten vier bis fünf Jahren profitiert haben, offengelegt. Obwohl viele den außergewöhnlichen Transfer von Vermögen in Ölförderländer und nach China bemerkten, wurden die Auswirkungen nicht wirklich erkannt. Nicht nur sind die USA zu einer Schuldnernation geworden, sondern große Kapital- und Liquiditätsfonds befinden sich jetzt an Orten wie der Golfregion und China, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich dieser Trend umkehren würde. Tatsächlich hat die derzeitige Krise selbst Japan, das fast zwei Jahrzehnte in der Flaute verbrachte, angesichts seiner riesigen Währungsreserven und der Säuberung der Bilanzen seiner wichtigsten Banken in eine relativ starke Position gebracht.

Es gab eine kurze Periode in den 1970er Jahren, als ein ähnlicher Transfer stattfand. Doch im Gegensatz zu damals, geben die Länder, die heute das Kapital akkumulieren, dieses nicht für den Konsum aus – man erinnere sich an die endlosen Bilder von saudischen Prinzen, die Immobilien an der französischen Riviera aufkauften –, sondern für Investitionen, Infrastruktur und Bildung.

Ja, es gibt zwar hier und dort Blasen, ob für Immobilien in Schanghai und Dubai oder für Aktien in Mumbai, aber es ist auch ernsthaft und langfristig geplant worden, was diesen Ländern wahrscheinlich noch jahrelang zu starken Positionen verhelfen wird. Selbst China, das versucht, seine Wirtschaft auf mehr Konsum zu verlagern, um seine Abhängigkeit von Kapitalinvestitionen zu verringern, hat eine Infrastruktur aus Straßen, Stromnetzen, Häfen und Bahnstrecken errichtet, die seiner Binnenwirtschaft noch jahrzehntelang gute Dienste leisten wird. In der Zwischenzeit kann es seine $ 2 Billionen Reserven als Polster nutzen, wenn die amerikanische und die Weltwirtschaft nachgeben. Zwar dürfte sich Chinas Wirtschaftswachstum verlangsamen, wenn seine Exporte in die USA und nach Europa weniger werden, doch ist es von diesen Märkten weniger abhängig, als die meisten Menschen annehmen.

Derzeit ist eine globale Rezession im Gespräch, bei der es steil und länger bergab gehen wird. Vielleicht – aber das wahrscheinlichere Szenario ist eine anhaltende Stagnation in den USA und Europa und eine beschleunigte Verlagerung der Wirtschaftskraft nach Asien. Nur wenige Teile Asiens sind der Kreditimplosion strukturell ausgesetzt, und die Bilanzen der asiatischen Banken und Unternehmen sind im Großen und Ganzen sauberer als die ihrer Pendants anderswo. Es stimmt zwar, dass sich viele Unternehmen zu stark verschuldet haben und einige Länder, z. B. Korea, stärker betroffen sind als andere. Aber auf China, Asiens Anker, trifft das nicht zu, und in einer Welt, in der alle anderen umfallen, ist derjenige, der stehen bleibt, umso größer.

Die USA werden ein starker Teil des globalen Systems bleiben, doch ist es die Aufgabe des neuen Präsidenten, bleibende Stärken zu erkennen und neue Grenzen zu akzeptieren. Der designierte Präsident Obama hat bisher Pragmatismus und Realismus gezeigt und scheint zu verstehen, dass es keine Schwäche ist, Grenzen zu akzeptieren; die Weigerung, die Realität anzuerkennen, ist es dagegen sehr wohl.

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