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Moralischer Fortschritt und Tierschutz

PRINCETON – Mahatma Gandhi bemerkte scharfsinnig dass „die Größe einer Nation und ihr moralischer Fortschritt danach beurteilt werden können, wie sie ihre Tiere behandelt.” Der Versuch, das Leiden derjenigen zu verringern, die vollständig unter jemandes Herrschaft stehen und sich nicht wehren können, ist wahrhaft ein Zeichen einer zivilisierten Gesellschaft.

Die Fortschritte in der Tierschutz-Gesetzgebung auf der ganzen Welt sind daher allgemein  als ein Indikator für den moralischen Fortschritt zu werten. Im letzten Monat gaben parallele Entwicklung an entgegengesetzten Orten der Welt Anlass zur Hoffnung, dass die Welt – langsam und zögerlich –  ein wenig zivilisierter wird.

Zunächst stimmte das britische Unterhaus einem Gesetzesantrag zu, der die Regierung zu einem Verbot von Wildtieren in Zirkussen verpflichtet. Dieser Antrag folgte der Veröffentlichung von Bildmaterial, das die Tierschutzorganisation Animal Defenders International mit versteckter Kamera gefilmt hatte. Die Bilder zeigen, wie ein Zirkusmitarbeiter wiederholt auf die Elefantenkuh Anne einschlägt. Die konservative Regierung war, zumindest anfangs, gegen diesen Antrag, der allerdings später von den Mitgliedern aller politischen Parteien unterstützt wurde. In einem Triumph parlamentarischer Demokratie wurde der Antrag ohne Gegenstimmen angenommen.  

Unter stärkerem Gegenwind verabschiedete das Unterhaus des holländischen Parlaments ein Gesetz, das den jüdischen und islamischen Gemeinschaften ein Jahr Zeit gibt, Beweise vorzulegen, dass auf traditionellem Wege geschlachtete Tiere keine größeren Schmerzen erleiden, als Tiere, die vor ihrer Tötung betäubt werden. Wird dieser Beweis nicht erbracht, müssen Tiere in den Niederlanden vor der Schlachtung in Hinkunft betäubt werden.  

Zuweilen hat es den Anschein, dass Verbesserungen für Tiere in westlichen Ländern von zunehmender Tierquälerei in China wieder aufgewogen werden, wo der wachsende Wohlstand die Nachfrage nach tierischen Produkten in die Höhe schießen lässt.. Es war für mich schwierig, das Video von der Misshandlung Annes anzusehen, aber diese Aufnahmen sind nichts gegen die Videos, die ich über Grausamkeiten gegen Tiere in China gesehen habe.  

Diese unerträglichen, im Internet zur Verfügung gestellten Aufnahmen zeigen Bären, die in so kleinen Käfigen gehalten werden, dass sie nicht aufstehen und sich in manchen Fällen überhaupt nicht bewegen können, damit man ihnen Gallenflüssigkeit entnehmen kann. Noch schlimmer (wenn es überhaupt noch eine Steigerung dieser Gräuel gibt) ist ein Video, das zeigt, wie Pelztieren bei lebendigem Leib das Fell abgezogen wird. Anschließend werden sie enthäutet auf einen Haufen geworfen werden, wo sie langsam verenden.

Im Lichte – oder eher in der Dunkelheit  - dieser Aufnahmen wird manchmal darauf verwiesen, dass Tierschutz eben ausschließlich ein Anliegen des Westens ist. Plausibel ist das allerdings nicht, denn in der buddhistischen Tradition wird die Sorge um Tiere stärker hervorgehoben als im Judaismus, im Christentum oder im Islam. Lange bevor westliche Philosophen Tiere in ihre Ethik einbezogen, sagten chinesische Philosophen wie Zhuangzi, dass nicht nur menschliche Beziehungen von Liebe durchdrungen sein sollten, sondern alle Beziehungen zwischen fühlenden Wesen. Heutzutage hat China seine eigenen Tierrechtsaktivisten und es gibt Anzeichen, dass ihre Botschaft auch langsam Gehör findet.  

Ein Signal aus jüngster Zeit betrifft wieder die Zirkusse. Chinesische Zoos ziehen mit Tierspektakeln massenhaft Zuseher an. Außerdem ist es den Besuchern möglich, lebende Hühner, Ziegen und Pferde zu kaufen, um dann zuzusehen, wie diese von Löwen, Tigern und anderen Raubkatzen in Stücke gerissen werden. Nun hat die chinesische Regierung staatlichen Zoos verboten, derartige Quälereien zu veranstalten.

So begrüßenswert diese Initiativen auch sind: die Zahl der Tiere in Zirkussen und Zoos ist winzig im Vergleich zu den dutzenden Milliarden von Tieren, die in Tierfabriken leiden. In diesem Bereich gehen die westlichen Länder mit betrüblichem Beispiel voran.

Vor kurzem allerdings hat die Europäische Union erkannt, dass die Intensivhaltung von Nutztieren zu weit geht.  Die Einzelhaltung von Kälbern hat man bereits verboten und in sechs Monaten wird es in allen 27 EU-Ländern, von Portugal bis Polen und von Großbritannien bis Griechenland illegal sein, Legehennen in Drahtkäfigen zu halten, die heute in der Eierindustrie auf der ganzen Welt vorherrschen. Im Januar 2013 wird auch die Einzelhaltung von Zuchtsauen verboten werden..

Im Hinblick auf die Beseitigung der schlimmsten Arten der Nutztier-Quälerei hinken die USA Europa hinterher. Das Problem liegt allerdings nicht bei den Bürgern, die in Bundesstaaten wie Florida, Arizona und Kalifornien bewiesen haben, dass sie für einen besseren Schutz von Nutztieren eintreten, als er ihnen von der Tierindustrie normalerweise geboten wird. Die größten Probleme herrschen in jenen Staaten, wo es keinen Mechanismus für Bürger gibt, eine Volksabstimmung darüber herbeizuführen, wie Nutztiere zu behandeln sind. Unglücklicherweise gehören zu dieser Gruppe die Staaten im Mittelwesten und im Süden der USA, wo die Mehrheit der amerikanischen Nutztiere gehalten werden.

Wenn sich Chinas Zentralregierung dazu entschließt, kann sie sicherstellen, dass Tierschutzgesetze im ganzen Land Gültigkeit besitzen. Die Tierschutzbewegung in China sollte sich mit dem zwar klaren, aber doch kleinen Erfolg hinsichtlich der Tierquälerei in Zoos nicht zufrieden geben. Nun gilt es, ein weit umfassenderes Ziel anzustreben, nämlich bessere Lebensbedingungen und humanere Todesarten für Bären und andere Pelztiere sowie Kühe, Schweine, Legehennen und Hühner.

Es gibt noch viele Länder mit kläglichen Tierschutzstandards. In Indonesien beispielsweise filmte die Tierschutzorganisation Animals Australia mit versteckter Kamera, wie aus Australien stammende Rinder so schwer misshandelt wurden, dass die australische Regierung die Rinderexporte nach Indonesien aussetzte. Manche Parlamentsabgeordnete fordern mittlerweile ein ständiges Ausfuhrverbot. Die größte Hoffnung auf weitere Forschritte liegt wohl darin, dass der Tierschutz -  so wie Menschenrechte - ein internationales Anliegen wird, das die Reputation eines Landes beeinflusst.

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