Tuesday, October 21, 2014
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Die Flüchtlingskrise in Irak

Eine der vielen humanitären Katastrophen, die der gegenwärtig in Irak wütende Bürgerkrieg ausgelöst hat, ist beinahe unsichtbar. Szenen der massiven Vertreibung der Zivilbevölkerung schaffen es nur selten auf unsere Bildschirme, da Vertreibung, im Gegensatz zu Bomben und Selbstmordattentaten, nicht von Blut, Feuer oder Schreien begleitet wird, die fesselndes Filmmaterial abgeben. Die Zahlen sind dennoch erschütternd: Jeden Monat fliehen an die 40.000 Iraker wegen des Kriegs aus ihren Wohnungen und Häusern. Die Hälfte von ihnen geht in andere Teile des Irak; der Rest ins Ausland.

Man kann es nicht anders sagen, die irakische Bevölkerung blutet aus. Dieser verheerende Zustand nimmt noch an Dramatik zu, weil seit der Invasion vor vier Jahren lediglich 3.183 Iraker in Drittländer umgesiedelt worden sind. Der Hohen Kommission der UN für Flüchtlinge zufolge entspricht die Zahl der irakischen Flüchtlinge, denen alle Länder zusammen die Chance ein neues Leben zu beginnen angeboten haben, in etwa der Anzahl der Personen, die innerhalb von nur fünf Tagen aus dem Land fliehen.

Dieser Exodus ist nicht neu, seit der zunehmenden Gewalt nach dem Bombenanschlag auf die schiitische Goldene Moschee in Samarra im Februar 2006 hat die Geschwindigkeit der Vertreibung jedoch zugenommen. Es handelt sich um die größte Bevölkerungsvertreibung im Nahen Osten seit 1948.

Zwei Millionen irakische Flüchtlinge sind überall in der Region verstreut, die überwiegende Mehrheit von ihnen in Jordanien und Syrien und eine kleinere Zahl in der Türkei, in Libanon und in Ägypten. Da es sich um urbane Flüchtlinge handelt – die nicht in Zelten untergebracht sind, sondern sich eher in die lokale Bevölkerung in den Aufnahmestaaten einfügen – werden sie leicht übersehen.

Für Irak wird diese Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte schwer zu beheben sein. Das Land hatte insgesamt 26,8 Millionen Einwohner, von denen mittlerweile beinahe 13% geflohen sind; viele von ihnen werden nie zurückkehren. Was aber geschieht mit diesen Menschen?

Ich habe im vergangenen Monat vier Länder im Nahen Osten bereist, um Flüchtlinge zu treffen und etwas über ihre Geschichten und Möglichkeiten zu erfahren. Ich traf mit Dutzenden von Menschen in Amman, Damaskus, Istanbul und Beirut zusammen, die begründete Angst vor Verfolgung in ihrem Heimatland haben. Ich sprach mit einer Friseurin, die vergewaltigt wurde, weil sie Christin ist. Ich hörte die Geschichte eines Wein- und Spirituosenhändlers, dessen einjähriger Sohn entführt und geköpft wurde. Ich traf einen schiitischen Taxifahrer, dessen Vater nur wenige Tage vorher in Najaf getötet worden war. Ich hörte einem sunnitischen Ingenieur zu, dessen Verbindung zu einer amerikanischen Baufirma ihn zu einem Ziel für Extremisten macht und einem Übersetzer der christlich-mandäischen Minderheit, der nur knapp dem Tod entkommen ist, als das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad im August 2003 Ziel eines Bombenanschlags wurde. Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind arm und haben keine Hoffnung für die Zukunft. Keiner von ihnen wollte, dass ich seinen Name verwende.

Flüchtlinge in einem Erstasylland sehen sich normalerweise drei Möglichkeiten gegenüber: der Rückkehr in ihr Heimatland, dem Versuch sich in das Aufnahmeland zu integrieren oder in ein drittes Land umgesiedelt zu werden. Aber haben die Iraker diese drei Möglichkeiten wirklich? Kann man sich vorstellen wie Iraker zurückkehren, wenn man sich die Berichte über das tägliche Blutbad in Irak anschaut?

Die Antwort ist nein. Wenn auf das Parlament in Bagdad, einem der bestgeschützten Gebäude des Landes, von innen heraus ein Anschlag verübt werden kann, dann gibt es keine Grüne Zone in Irak; sie sind alle Rot. Die Wiedereinbürgerung von Irakern ist unrealistisch und kommt für die absehbare Zukunft definitiv nicht infrage.

Die meisten Iraker können sich ebenso wenig für lokale Integration entscheiden. Es stimmt, Jordanien und Syrien haben die meisten Iraker einreisen lassen, sie bieten jedoch nicht die Möglichkeit einer dauerhaften lokalen Aufnahme an. Iraker können dort keinen ständigen Wohnsitz bekommen und sie haben weder eine Arbeitserlaubnis, noch Zugang zum öffentlichen Gesundheitsdienst. In Jordanien können irakische Kinder keine Schule besuchen. Es handelt sich dabei nicht um Böswilligkeit dieser Länder; sie können es sich einfach nicht leisten diese Leistungen auszudehnen. Es ist notwendig, sie bei der Bewältigung des Zustroms der Flüchtlinge zu unterstützen, eine dauerhafte Lösung ist es nicht.

Es bleibt also die dritte Möglichkeit – die der Umsiedlung. Doch damit das geschehen kann, sollten Länder mit traditionell großzügigen Flüchtlingsprogrammen vortreten und mehr Plätze zur Aufnahme von Irakern anbieten. Die Vereinigten Staaten sind ein schlechtes Beispiel: Lediglich 692 Flüchtlinge sind seit der Invasion angenommen worden – das entspricht in etwa der Anzahl der getöteten Iraker pro Woche. Im Februar verkündete die Regierung Bush, dass sie in diesem Jahr 7.000 irakischen Flüchtlingen eine Umsiedlung anbieten wird. Es wäre ein großer Schritt nach vorn, wenn Amerika dieses Versprechen hielte, doch die USA als Anführer der Intervention in Irak sollten jetzt die Führung bei der Versorgung der Opfer übernehmen.

Sollten die USA nicht die Führung übernehmen, besteht die einzige Hoffnung darin, dass andere Länder großzügiger sein werden. Die irakischen Flüchtlinge befinden sich in einer Krise, die nicht ignoriert werden kann: Die internationale Gemeinschaft muss die Bürde der Länder in der Region verringern und dabei einer wesentlich größeren Zahl der gefährdetsten Iraker die Möglichkeit einer Umsiedlung gewähren.

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