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Ein genuin indisches Wirtschaftsmodell

NEU DELHI –  In der Ökonomie ist man heutzutage mit diffizilen Fragestellungen konfrontiert: Wie lautet beispielsweise die richtige Bezeichnung für die aktuelle weltweite Wirtschaftslage? Befinden wir uns in einer „Depression“, einer „Rezession“ oder doch in der Phase der „Erholung“? Was ist mit dem Euro? Wird er weiter dahindümpeln oder seine „Gesundheit“ wieder erlangen?

Während in den Finanzministerien und Wirtschaftsabteilungen der Welt diese Debatten geführt werden, setzt Indien sein beständiges BIP-Wachstum fort, das in diesem Jahr 9,4 Prozent erreichen soll. Die Regierung prognostiziert sogar, dass die Wachstumsrate bald zweistellig sein wird.

Auch wenn man vielerorts überrascht zur Kenntnis nimmt, dass Indien sein rasches Wachstum – auch angesichts des globalen Abschwunges – so lange aufrechterhalten konnte, so ist diese Überraschung nicht angebracht. Im Jahr 1750 nämlich betrug Indiens Anteil am weltweiten BIP 25 Prozent, fiel aber auf dem Höhepunkt des Imperialismus im Jahr 1900 auf 1,6 Prozent ab. Indien erobert sich also lediglich seine traditionelle  Position auf internationaler Ebene zurück. 

Kann Indien dieses Ziel erreichen?

Auf seinem Weg in Richtung nachhaltiges starkes Wachstum ist Indien mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, vor allem, wenn es darum geht, das große Versprechen des Landes in die Realität umzusetzen. Um dies in wahrhaft demokratischer Weise zu erreichen, muss Indien Verteilungsgerechtigkeit sicherstellen. Es ist sicherzustellen, dass eine höhere Kaufkraft zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität für alle indischen Bürger führt.

Aufgrund der demographischen Gegebenheiten ergibt sich für Indien momentan eine beinahe einzigartige Chance: fast 60 Prozent der Landesbevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Allerdings ist dieser Vorteil zeitlich begrenzt und wird vielleicht zwei oder drei Jahrzehnte anhalten. Dieses Zeitfenster ist jetzt zu nützen, denn danach bleibt es verschlossen.

Um die Chance zu ergreifen, muss sich Indien zunächst einmal entschieden vom Staatskapitalismus verabschieden, dessen Überreste weiterhin den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes bremsen. Die ökonomische Zukunft Indiens liegt in der Maximierung der Dynamik auf dem privaten Sektor. Dies erfordert die Beschleunigung der institutionellen Reform, einschließlich Privatisierungen auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene.

Der indische Ökonom und ehemalige politische Berater Vijay Kelkar formulierte es so: „Indien muss sein eigenes genuines Wachstums- und Entwicklungsmodell konzipieren… und zwar in Richtung einer entwickelten Ökonomie, wobei immer auf  integratives Wachstum zu achten ist, um so die Vorteile verbesserter Effizienz, größerer Gerechtigkeit und verbesserter Regierungsführung in einer liberalen Demokratie ausschöpfen zu können.“  Einfach nur die amerikanischen, britischen oder westlichen Wirtschaftsmodelle und Institutionen nachzuahmen, wird nicht funktionieren.  

Außerdem ist Indien nicht China: Kann es nicht sein – und darf es auch nicht. Deshalb sollte das Land auch nicht nach einem exportorientierten und staatlich gelenkten Wachstum streben.  

Indiens zweite große Herausforderung ist die Lösung seiner enormen Infrastruktur-Defizite. Indien ist keine primär landwirtschaftliche Ökonomie. Tatsächlich beträgt der Anteil der Landwirtschaft am BIP nur etwa 20 Prozent. Das heißt allerdings nicht, dass man die Landwirtschaft vernachlässigen sollte. Im Gegenteil: Damit bestreiten viele Millionen Inder ihr tägliches Leben und sie benötigen Kapital und neue Technologien.

Zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität und der Einkommen in diesem Bereich bedarf es verbesserter Bedingungen in den Bereichen Bewässerung, Landgewinnung, Lagerhaltung, Marketing, Transportentwicklung und des freien Warenverkehrs für Agrarprodukte innerhalb des Landes. Aus diesem Grund ist die rasche Stärkung der physischen und sozialen Infrastruktur Indiens von entscheidender Bedeutung für seinen Fortschritt.

Dies führt uns nun zur aktuellen Fixierung Indiens auf das BIP-Wachstum als nationales Allheilmittel. In der Theorie agiert die Regierung als Anwalt der Menschen. Sie hebt Steuern ein und stellt dafür öffentliche Güter zur Verfügung. So betrachtet ist der indische Staat ein schlechter Anwalt. Man hebt kaum Steuern ein und liefert dafür fast nichts  -  und auch das ist noch von unzureichender Qualität.  

Doch der indische Staat fordert weiterhin einen unverhältnismäßig hohen Preis von den Menschen. Das muss sich ändern, indem man direkt auf die Linderung der Armut – und letztlich auf ihre Eliminierung - abzielt. Ich akzeptiere, dass Wirtschaftswachstum das stärkste Mittel gegen die Armut ist,  aber das funktioniert nur, wenn die Bestrebungen von Verteilungsgerechtigkeit begleitet werden.

Denn nur „gerechtes“ Wachstum kann sich letztlich in einer verbesserten „BSZ“ niederschlagen: in Bruttosozialzufriedenheit –  der aussagekräftigere Index ökonomischen Wohlergehens. Statt endloser Debatten über die Aufteilung der Haushaltsmittel, muss Indien praktische Wege finden, um wirksame, selbstregulierende, und sich letztlich selbst erübrigende Programme zur Bekämpfung der Armut zu fördern.

Es kommt nicht auf die Höhe der Summe an, die die Regierung zuweist. Vielmehr zählt, was der Staat wirklich bietet. Nur ein inklusiver Reformansatz kann die Erwartungen der Menschen erfüllen und zu breiter Zufriedenheit führen.   

Indien braucht nicht mehr Gesetze. Vielmehr bedarf es effektiverer und rechenschaftspflichtiger Regierungen. Das Land benötigt auch nicht mehr Regulierung, sondern einen weit größeren Rahmen zur Entfaltung individueller Freiheit und Chancen. Die indische Wirtschaft muss vom Organisationsprinzip staatlicher Kontrolle befreit werden, so dass individueller Unternehmergeist und Kreativität zu ihrem Hauptmotor werden.  

Indien befindet sich an der Schwelle einer Ära beispiellosen Wachstums. Aber um diese Schwelle zu überschreiten, müssen die Inder eine neue Idee von Indien entwickeln – als Aushängeschild einer modernen Weltwirtschaft, in der es gelingt, die Dynamik aller Bürger zu entfesseln.

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