Friday, October 24, 2014
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Der zurückgeforderte Imperialismus

LONDON – Die Geschichte erlaubt keine endgültigen Urteile. Der grundlegende Wandel von Ereignissen und Machtstrukturen führt zu wechselnden Diskussionsthemen und neuen Interpretationen.

Vor fünfzig Jahren, am Höhepunkt der Dekolonialisierung, hatte niemand ein gutes Wort für den Imperialismus übrig. Sowohl Ex-Imperialisten als auch diejenigen, die ihre Unabhängigkeit erlangten, hielten ihn eindeutig für ein Übel. Schulkinder lernten über die Schrecken des Kolonialismus und die damit verbundene Ausbeutung unterdrückter Völker. Kaum jemand, wenn überhaupt, sprach von den Vorteilen des Imperialismus.

In den 1980er Jahren wurde das Geschichtsverständnis revisionistischer. Grund dafür war nicht nur eine Verklärung der Vergangenheit. Unter US-Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher erlangte der Westen – darunter hauptsächlich der anglo-amerikanische Teil – etwas von seinem Stolz und Mut zurück. Außerdem wurde das Versagen, die Gewalt und die Korruption der postkolonialen Regimes, insbesondere in Afrika, immer offensichtlicher.

Der entscheidende Auslöser für die Revisionisten war aber der Zusammenbruch des Sowjetreiches, der nicht nur die USA als einziges globales Alpha-Tier zurückließ, sondern auch, philosophisch betrachtet, die westliche Zivilisation und ihre Werte als allen anderen Zivilisationen und Werten überlegen erscheinen ließ. Mit der Aufnahme vieler ehemals kommunistischer Staaten in die Europäische Union wurde der Westen für kurze Zeit zur Verkörperung der universellen Vernunft, verpflichtet und willens, seine Werte in die noch geistig umnachteten Teile der Welt hinaus zu tragen. Dieses Gefühl von Triumph und historischer Verpflichtung kam in Das Ende der Geschichte von Francis Fukuyama zum Ausdruck.

Auf dieser Grundlage entstand eine neue Welle des Imperialismus (obwohl das Wort immer noch nicht gern verwendet wurde). Im Zuge dessen änderte sich auch die Betrachtung des alten Imperialismus, der nun glorifiziert wurde als die Verbreitung von wirtschaftlichem Fortschritt, Recht, Wissenschaft und Technik in Länder, die sonst nie in diesen Genuss gekommen wären.

Führend unter dieser neuen Generation revisionistischer Historiker war Niall Ferguson von der Harvard-Universität, dessen Fernsehserie nach seinem neuen Buch Civilization: The West and the Rest gerade in Großbritannien anläuft. In der ersten Folge tritt Ferguson mitten unter den prächtigen Denkmälern der chinesischen Ming-Dynastie auf, die im 15. Jahrhundert zweifellos die größte Zivilisation ihrer Zeit war und auf dem Seeweg bis nach Afrika vorstieß. Von diesem Zeitpunkt an ging es für China (und “den Rest”) nur noch bergab und für den Westen bergauf.

Ferguson beschreibt die Gründe für diese Wende salopp als sechs “Killer-Apps”: Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentumsrechte, Medizin, Konsumgesellschaft und Arbeitsethos. Gegen diese Werkzeuge – aus ureigenster westlicher Produktion – hatte der Rest keine Chance. Aus dieser Perspektive betrachtet war der alte und neue Imperialismus hilfreich, weil durch ihn diese “Apps” in den Rest der Welt verbreitet wurden. Dieser kam dadurch in den Genuss eines Fortschritts, der zuvor wenigen westlichen Ländern vorbehalten war.

Verständlicherweise stieß diese Theorie nicht nur auf Zustimmung. Der Historiker Alex von Tunzelmann warf Ferguson vor, die dunklen Seiten des Imperialismus zu verschweigen: den Schwarzen Krieg in Australien, den deutschen Völkermord in Namibia, die belgischen Vernichtungszüge im Kongo, das Amritsar-Massaker, die Hungersnöte in Bengalen und Irland und viele mehr.

Aber dieser Angriff geht am Ziel vorbei. Edward Gibbon meinte einst, Geschichte sei kaum mehr als eine Aufzeichnung der “Verbrechen, Torheiten und Unglücksfälle der Menschheit”. Der Imperialismus hat dazu bestimmt seinen Teil beigetragen. Die Frage ist aber, ob er nicht auch, durch Hegels “List der Vernunft”, dazu beigetragen hat, diesem Unglück zu entkommen. Mit dieser Begründung hat sogar Marx die britische Vorherrschaft in Indien gerechtfertigt. Auch Ferguson kann für diese These gute Argumente anführen.

Die größte Schwäche in Fergusons Darstellung ist sein Mangel an Sympathie für die Zivilisationen, die er abwertend als “den Rest” bezeichnet. Darin liegt auch die Begrenztheit der revisionistischen Ansicht. Der “Triumph des Westens” nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa war sicherlich nicht das “Ende der Geschichte”. Wie Ferguson bestimmt weiß, wird auf der internationalen Bühne heute neben den Entwicklungen im Islam hauptsächlich über den “Aufstieg” von China und Asien allgemein diskutiert.

Natürlich sprechen die Chinesen lieber über “Wiederherstellung” als über “Aufstieg” und betonen einen zukünftigen “harmonischen” Pluralismus. Die meisten Menschen aber sehen Chinas jüngste Geschichte als “Aufstieg”, und historisch betrachtet wird der Aufstieg einer Seite normalerweise mit dem Abstieg einer anderen in Verbindung gebracht. Mit anderen Worten: Vielleicht kehren wir zu dem zyklischen Muster zurück, das Historiker für axiomatisch hielten, bevor sie der scheinbar unumkehrbare Aufstieg des Westens zur Sichtweise eines linearen Fortschritts hin zu größerer Vernunft und Freiheit brachte.

Europa befindet sich offensichtlich in politischer und kultureller Hinsicht auf dem Rückzug, auch wenn die meisten Europäer, von ihrem hohen Lebensstandard und den Anmaßungen ihrer kraftlosen Staatsmänner geblendet, dies nur zu gern als Fortschritt bezeichnen. Die amerikanischen Missionen zur Zivilisierung der Welt, die Ferguson so lobt, werden zum Großteil durch chinesische Ersparnisse finanziert. Das Muster scheint klar zu sein: Der Westen verliert Dynamik, und die anderen gewinnen sie.

Wie sich diese Verschiebung auswirkt, wird der Rest dieses Jahrhunderts zeigen. Im Moment haben die meisten von uns historisch die Orientierung verloren. Beispielsweise könnte man sich eine “westliche Welt” (eine Welt, die Fergusons “Killer-Apps” anwendet) vorstellen, in der der Westen selbst nicht länger dominant ist: Amerika gibt einfach den Stab an China weiter, so wie Großbritannien ihn einst an Amerika gab.

Aber es scheint sehr unwahrscheinlich, dass China, Indien und “der Rest” einfach pauschal westliche Werte übernehmen und dafür die Werte ihrer eigenen Zivilisationen aufgeben. Der Übergang der Macht und des Reichtums vom Westen zum Rest wird unvermeidlich mit Synthesen und Anpassungen einhergehen. Die Frage ist nur, ob dieser Prozess friedlich sein wird.

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  1. CommentedJeremy Way

    But here the bad influences during the colonization have been omitted. Perhaps if those western countries didnt invade Africa and exploit black people as slaves, they can have a better development today with the gradual development and enlightment just as the westerners did from the dark mid-age.

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