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Das virtuelle Mittelalter

Steve Fuller

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2007-07-30

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist wohl das eindrucksvollste lexikalische Kollektivprojekt, das jemals in Angriff genommen und vielleicht auch verwirklicht wurde. Es fordert sowohl Aufmerksamkeit als auch aktive Beiträge von allen ein, denen es um die Zukunft des Wissens geht.

Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der es sich zum Fixpunkt im virtuellen Raum entwickelt hat, blieb die wahre Bedeutung von Wikipedia weitgehend unbemerkt. Seit ihrem sechsten Geburtstag im Jahr 2007 rangierte Wikipedia durchweg unter den Top Ten der am öftesten besuchten Webseiten weltweit. Täglich wird die Enzyklopädie von 7 % aller 1,2 Milliarden Internetnutzer aufgerufen, womit ihre Nutzungsrate schneller wächst als die des Internets insgesamt.

Wikipedia ist eine Enzyklopädie, zu der jeder Mensch mit einem Mindestmaß an Zeit, Ausdrucksvermögen und Computerkenntnissen etwas beitragen kann. Jeder kann einen Eintrag ändern oder einen neuen hinzufügen und die Ergebnisse sind unmittelbar für alle sichtbar – und eventuell anfechtbar.

Das Wort „Wiki” stammt aus dem Hawaiianischen und wurde im Jahr 2007 offiziell mit der Bedeutung „etwas rasch erledigen“ – in diesem Fall Änderungen im gesamten kollektiven Wissen - ins Englische übernommen. Ungefähr 4,7 Millionen „Wikipedianer“ haben 5,3 Millionen Einträge verfasst, von denen ein Drittel in Englisch und der Rest in mehr als 250 anderen Sprachen aufscheint. Überdies gibt es einen relativ großen harten Kern an Mitwirkenden: Innerhalb eines beliebigen 30-tägigen Zeitraums verfassen etwa 75.000 Wikipedianer zumindest fünf Beiträge.

Wie bei einem derartigen selbstorganisiertem System durchaus zu erwarten, variiert die Qualität der Einträge, sie ist jedoch nicht durchgehend schlecht. Es stimmt zwar, dass Themen, die bei sexuell ausgehungerten männlichen Computerfreaks beliebt sind, in verstörender Detailgenauigkeit ausgearbeitet sind, wohingegen manche weniger attraktive Themen kaum bearbeitet werden. Dennoch wird Wikipedia laut Cass Sunstein, Rechtsprofessor an der University of Chicago, heute in amerikanischen Gerichtsentscheidungen vier Mal öfter zitiert als die Encyclopedia Britannica. Im Zuge einer von Nature durchgeführten Bewertung der zwei Enzyklopädien im Hinblick auf vergleichbare wissenschaftliche Artikel ergaben sich für Wikipedia im Schnitt vier Fehler und für die Encyclopedia Britannica drei. Diese Differenz ist seither wahrscheinlich noch geringer geworden.

Wikipedia-Fans preisen die Enzyklopädie als Vorbote des „Web 2.0“. Während „Web 1.0” die Speicherung und Übertragung enormer Mengen verschiedenster Information im virtuellen Raum ermöglichte, macht „Web 2.0“ den gesamten Prozess interaktiv, wodurch die letzte Grenze zwischen dem Übermittler und dem Empfänger der Information wegfällt. So weit waren wir allerdings schon – eigentlich schon die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte.

Die scharfe Trennlinie zwischen Produzenten und Konsumenten von Wissen gibt es erst seit etwa 300 Jahren, als sich die Buchdrucker angesichts unerlaubter Vervielfältigungen auf einem rasch wachsenden Büchermarkt königlichen Schutz für ihr Gewerbe sicherten. Das Vermächtnis ihres diesbezüglichen Erfolges, das Urheberrechtsgesetz, steht weiterhin Bemühungen entgegen, den virtuellen Raum zu einem freien Marktplatz für Ideen zu machen. In früheren Zeiten gab es weniger Leser und weniger Autoren, aber zu beiden Gruppen gehörten dieselben Menschen, die relativ leicht Zugang zu dem Werk des jeweils anderen hatten.

Eine viel kleinere, langsamere und auch weniger einheitliche Variante einer Wikipedia-Community entstand mit dem Aufstieg der Universitäten im 12. und 13. Jahrhundert in Europa. Die großen, reich verzierten frühmittelalterlichen Handschriften wurden von tragbaren „Handbüchern“ abgelöst, die für den schwächeren Druck eines Federkiels ausgelegt waren. Dennoch bestanden die Seiten dieser Bücher immer noch aus Tierhäuten, die man leicht überschreiben konnte. Somit ergaben sich oft Schwierigkeiten bei der Zuordnung der Urheberschaft, weil ein Text aus einem kopierten Textteil bestehen konnte, in dem der Kopierende seine Kommentare eingefügt oder geändert haben konnte, bevor das Buch in andere Hände gelangte.

Wikipedia hat viele dieser technischen Probleme gelöst. Jede Änderung eines Beitrages generiert automatisch ein Protokoll dieses Schrittes, so dass sich der Eintrag wie etwas liest, das mittelalterliche Gelehrte als „Palimpsest“ bezeichneten – als Text der erfolgreich überschrieben wurde. Überdies bieten „Diskussionsseiten“ breiten Raum für die Erörterung tatsächlicher und möglicher Änderungen. Obwohl die Wikipedianer ihre Texte nicht physisch herumreichen müssen – jeder besitzt ja eine virtuelle Ausgabe – bleiben die inhaltlichen Richtlinien für Wikipedia jedoch im Geiste zutiefst mittelalterlich.

Folgende drei Richtlinien bestehen: 1) Keine Theoriefindung, 2) ein neutraler Standpunkt und 3) Überprüfbarkeit. Diese inhaltlichen Richtlinien wenden sich an Menschen, die zwar über Referenzmaterial verfügen, aber nicht befugt sind, dieses zu bewerten. Eine solche erkenntnistheoretische Haltung wurde auch im Mittelalter vertreten, als man davon ausging, dass alle Menschen untereinander gleich, aber einem letztlich nicht erforschlichen Gott untergeordnet wären. Bestenfalls konnte man demgemäß auf eine wohl ausgewogene Dialektik hoffen. Im Mittelalter führte diese Praxis zu scholastischen Disputationen. Im virtuellen Raum bildet sie das Herzstück der Qualitätskontrolle von Wikipedia – und wird oftmals als so genanntes „Trolling“ verunglimpft.

Wikipedia verkörpert eine demokratische Mittelalterlichkeit, die nur verifizierbare Quellen, jedoch nicht behauptetes persönliches Wissen anerkennt. Um diesem Ideal zu entsprechen, könnte man die Teilnahme an Wikipedia für Studierende und Anwärter auf einen Magistertitel weltweit verpflichtend machen. Die von diesen Studierenden erwarteten Verhaltensnormen entsprechen genau den inhaltlichen Richtlinien von Wikipedia: Originalarbeiten werden nicht erwartet, sehr wohl aber das Wissen, wo das beste Recherchematerial zu finden ist und wie man es interpretiert.

Eine derart verpflichtende Teilnahme für Studierende würde nicht nur Wikipedias bereits jetzt sehr eindrucksvolle kollektive Wissensbasis verbessern, sondern möglicherweise auch dazu beitragen, den elitären Ansprüchen der Wissenschaftler im globalen Wissenssystem Einhalt zu gebieten.

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AUTHOR INFO

Steve Fuller is Professor of Sociology at the University of Warwick, United Kingdom. He is the author of The Knowledge Book: Key Concepts in Philosophy, Science and Culture.