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Zweck und Ende der (Wirtschafts-)Geschichte?

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2008-02-28

PARIS – Aus Gründen, die zumindest teilweise im Dunkeln liegen, hinterlassen einige akademische Werke in der intellektuellen Geschichte bleibende Spuren. Das ist der Fall bei John Maynard Keynes’ Essay „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“.

Die Bedeutung von Keynes’ Essay lag weniger darin, wie er die von ihm gestellten Fragen beantwortete, als in der Art der Fragen selbst. Könnte ausgerechnet das Funktionieren des kapitalistischen Systems das Problem des Mangels beenden – und somit den Kapitalismus selbst? Wie sollte man sich das Leben der Menschen in einem solchen Zeitalter realistisch vorstellen?

Keynes begann, diese Fragen unter Einbeziehung der Zinseszinsrechnung und ihrem spektakulären Ergebnis bei Anwendung über längere Zeiträume zu untersuchen. Bei einer Wachstumsrate von 2 % wächst jede Zahl, einschließlich des BIP, in einem Jahrhundert um das 7,5-Fache. Würde also das Problem des Mangels, das allen Wirtschaftssystemen gemeinsam ist, durch ein derartiges Wachstum gelöst?

Für Keynes war die Antwort ein eindeutiges Ja, da ein solches Wachstum die Befriedigung der von ihm als „absolut“ bezeichneten Bedürfnisse ermöglichen würde. Zwar war Keynes durchaus bewusst, dass relative Bedürfnisse – der Wunsch, „mit Familie Jones mitzuhalten“ – niemals vollkommen befriedigt sein würden, doch dachte er, dass diese Bedürfnisse zweitrangig werden würden, da sie so weit weg von der Suche nach dem guten Leben sind, dass das Streben nach ihrer Befriedigung als eine Form von Neurose angesehen würde. Laut Keynes würden wir stattdessen allmählich lernen, „wie wir unsere weiteren Energien einem nichtwirtschaftlichen Zweck widmen.“

Doch hier endet die Rechenkunst, und es beginnt die Komplexität der menschlichen Natur. Wie sollen wir „absolute Bedürfnisse“ definieren? Sind sie unabhängig von Zeit und Ort? Waren sie am Anfang des 20. Jahrhunderts dieselben wie jetzt?

An dieser Stelle kommt Keynes’ Theorie in Schwierigkeiten. Sobald wir uns von der Mär lösen, dass Wirtschaftssubjekte isoliert wie Robinson Crusoe sind, erweisen sich absolute Bedürfnisse als nicht zu unterscheiden von relativen Bedürfnissen, da sich die Güter ändern, die unsere Bedürfnisse befriedigen. Zum Beispiel ist die Lebenserwartung im Laufe der Zeit gestiegen – dank des medizinischen und hygienischen Fortschritts sowie der besseren Qualität und Vielfalt von Waren (z. B. sicherere Nahrungsmittel). Die Nachfrage nach besseren Waren (und Dienstleistungen), um unseren Bedürfnissen zu entsprechen, scheint unbegrenzt zu sein, was Wissenschaft und Innovation vorantreibt.

Womöglich stützte sich Keynes so stark auf eine derart simple Beschreibung der menschlichen Bedürfnisse, um sein Argument zu unterstreichen, „dass das wirtschaftliche Problem nicht … das dauerhafte Problem der menschlichen Rasse darstellt.“ Obwohl diese Ansicht vielleicht übertrieben ist, ist sie für diejenigen, die an wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt glauben, nicht vollkommen falsch. Zumindest muss Mangel keine Frage von Leben und Tod sein. Es bedarf nur einer Verbesserung des Lebensstandards und des gesellschaftlichen Zusammenhalts – der Weigerung, das Leben der Ärmsten aufgrund einer mangelhaften Umverteilung zu gefährden. Dennoch würde es weiterhin Mangel geben, weil es keinen gleichbleibenden Zustand gibt, in dem alle Bedürfnisse befriedigt sind und die Menschheit aufhört, auf eine bessere Zukunft zu hoffen.

Doch weist Keynes’ eindringlicher Ton darauf hin, dass er an seine eigene Klassifizierung der Bedürfnisse glaubte. Was er am widerwärtigsten fand, war der Kapitalismus als Selbstzweck. Der Kapitalismus ist ein effizientes Mittel, doch stellt der reine Kommunismus das einzige moralische Ziel eines jeden Wirtschaftssystems dar. An dieser Stelle wird „die Liebe zum Geld als Besitz … als das erkannt werden, was sie ist, ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halbkriminellen, halbpathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlässt.“

Für Keynes werden nur jene, denen es gelingt, ihre unbefriedigten relativen Bedürfnisse in ein höheres Ideal zu sublimieren, ihren Weg in das neue Paradies finden. „Wir werden diejenigen ehren, die uns lehren können, wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut nutzen, und jene wunderbaren Menschen, die dazu fähig sind, sich direkt an den Dingen zu erfreuen, an den Lilien auf dem Feld, die nicht arbeiten und nicht spinnen.“

Keynes schien eine Art elitären Kommunismus zu preisen. Selbstverständlich darf man in einer Welt des Überflusses hoffen, dass die Schicht der Elite immer größer wird. Doch obwohl jeder Ökonom versuchen sollte, die Frage nach dem Zweck des Wirtschaftssystems sowie nach seinem möglichen Ende zu beantworten, verkörperte Keynes’ Auffassung der menschlichen Bedürfnisse eine höchst eigentümliche Kombination aus Arroganz und Naivität. Es überrascht nicht, dass sie keinen Bestand hatte.

Jean-Paul Fitoussi ist Professor für Wirtschaftswissenschaften bei Sciences Po und Präsident des wirtschaftswissenschaftlichen Forschungszentrums Observatoire Français des Conjonctures Économiques (OFCE) in Paris.

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