Friday, April 18, 2014
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Der IWF und die Chuzpe der Eurozone

LONDON – Die Politiker und Vordenker der Eurozone haben keinen Zweifel: Sie haben ihren Teil dazu beigetragen, durch die Vergrößerung des Rettungsfonds, des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), die Mitglieder der Währungsunion zu stützen, die sich in Schwierigkeiten befinden. Nun liegt es am Rest der Welt – also am Internationalen Währungsfonds – vorzutreten und zusätzliches Geld auf den Tisch zu legen. Dafür setzen sich die europäischen Finanzminister bei den Treffen von IWF und Weltbank in Washington ein.

Anders ausgedrückt halten es die europäischen Beamten für selbstverständlich, dass der IWF die Eurozone unterstützen sollte, als ob der Rest der Welt dazu irgendwie verpflichtet wäre. Aber selbst wenn sich die Regierungen der Eurozone auf eine viel stärkere Vergrößerung des ESM einigen könnten, gibt es gute Gründe dafür, warum der IWF von weiterer Unterstützung absehen sollte. & & &

Die europäischen Regierungschefs können sich nicht entscheiden, ob die Eurozone eine Föderation nach dem Muster der Vereinigten Staaten oder aber eine Gruppe unabhängiger Länder sein soll. Sie stellen die Eurozone gegenüber anderen Industrieländern oft sehr vorteilhaft dar.

Die Mitglieder der Eurozone insgesamt, sagen sie, haben ein niedrigeres Haushaltsdefizit als die USA oder Großbritannien und ähnlich hohe Staatsschulden. Im Gegensatz zu den USA und Großbritannien verfüge die Eurozone insgesamt über einen Leistungsbilanzüberschuss (sie lebe, wie Politiker gern sagen “nicht über ihre Verhältnisse”). Sie sind sehr stolz auf die wachsende Rolle des Euro als internationale Reservewährung und tun alles, was zur Verteidigung der Integrität der Währungsunion nötig ist.

Und trotzdem glauben dieselben Politiker, die Welt solle die Eurozone retten. Wenn es ihren Interessen entspricht, ist der Euro nicht länger die Währung einer höchst erfolgreichen und integrierten Volkswirtschaft, sondern eine gemeinsame Währung eigenständiger Gläubiger- und Schuldnerstaaten, und der IWF ist dafür verantwortlich, die Schuldner zu unterstützen.

Dies ist auf jeden Fall eine merkwürdige Einstellung. Stellen Sie sich vor, die US-Regierung würde Mississippi nicht mehr unterstützen wollen und würde dies statt dessen vom IWF verlangen. Der Rest der Welt – und allen voran die Regierungen der Eurozone – würden sich zu Recht weigern. Ebenso würde nicht erwartet, dass der IWF Indien – dessen Pro-Kopf-BIP weniger als ein Zehntel dessen der Eurozone beträgt – dabei hilft, die armen Staaten Bihar und Uttar Pradesh zu finanzieren.

Die Eurozone will das Beste aus zwei Welten. Alle ihre Schuldner und Gläubiger sind Mitglieder derselben, reichen Währungsunion, deren Leistungsbilanzüberschuss gegenüber dem Rest der Welt bedeutet, dass sie ein Nettoexporteur von Kapital ist (d.h. dass die Inlandsersparnisse höher als die Inlandsinvestitionen sind). Darüber hinaus setzt die Strategie der Eurozone, mit der Krise umzugehen, implizit einen steigenden Überschuss voraus: Von Mitgliedstaaten mit Leistungsbilanzdefiziten wird erwartet, diese auszugleichen, aber Gläubigerländer werden nicht veranlasst, ihre Überschüsse abzubauen. Also möchte eine Region, die letztlich eine merkantilistische Strategie verfolgt, vom Rest der Welt finanziert werden.

Viele europäische Staatschefs glauben, die anderen Länder schuldeten der Eurozone Unterstützung, weil die Währungsunion nur ein unschuldiger Beobachter sei. Obwohl die Eurozone gut geführt und fundamental stabiler sei als andere Volkswirtschaften, würden ihre Problemmitglieder von den Märkten (oder “Spekulanten”) daran gehindert, die notwendigen Anpassungen durchzuführen. Also verdiene die Eurozone Schutz vor den internationalen Mächten, die sie zerstören wollen.

Diese Denkweise unterstreicht den Kern des Problems: Die Eurozone ist institutionell unvollständig, und ihre Politiker beschuldigen Investoren dafür, dies sichtbar zu machen. In jeder Währungsunion gibt es Schuldner- und Gläubigerregionen. Ebenso wie in anderen Währungsunionen die Gläubigerregionen dafür verantwortlich sind, die Schuldnerregionen zu unterstützen (was auf vielerlei Arten erreicht werden kann), obliegt es den Gläubigerregionen der Eurozone, die Solvenz der Schuldnerregionen zu untermauern. Dazu sind Vergemeinschaftung der Schulden und finanzielle Transferleistungen zwischen Mitgliedstaaten erforderlich, und natürlich föderale Institutionen, die diesen Maßnahmen Legitimität geben.

Ein zweiter Grund, den die Politiker der Eurozone zur Rechtfertigung ihres Bedarfs an weiterer IWF-Unterstützung angeben, ist letztlich eine Form von Erpressung: Die weltweiten Konsequenzen einer weiteren Krise in der Eurozone wären so gravierend, dass der IWF nicht anders kann, als alles zu tun, um sie abzuwenden. Viel ärmere Länder und diejenigen, die von den Politikern der Eurozone immer wieder für ihre hohen Schulden kritisiert werden (wie die USA und Großbritannien), sollen einen reichen Kreditgeber unterstützen, um ihn davon abzuhalten, der Weltwirtschaft unabsehbaren Schaden zuzufügen. Dies bedeutet, der übrigen Welt ein Angebot zu machen, das sie nicht ablehnen kann.

Die anderen Länder haben keinerlei moralische Verpflichtung, der Eurozone zu helfen, und sie sollten den erpresserischen Absichten der europäischen Staatschefs widerstehen, die gleichbedeutend mit der Forderung sind, der Rest der Welt solle seine eigenen Kreditgeber unterstützen. Dies wäre eine ungerechtfertigte Verwendung von IWF-Ressourcen und würde den Verdacht der Entwicklungsländer weiter erhärten, dass der IWF lediglich den westlichen Interessen dient.

Der IWF sollte dabei bleiben, Ländern mit temporären externen Finanzierungsproblemen zu helfen. Eine reiche Gläubigerregion, die sich weigert, ihre institutionellen Widersprüche zu lösen, ist kein geeigneter Kandidat. Sollten die Regierungen der Eurozone nicht willens sein, die föderalen Institutionen zur Stabilisierung der Eurozone zu schaffen, dann sollten sie entweder einen eigenen ausreichenden Rettungsfonds aufbauen oder akzeptieren, dass die Einheitswährung in ihrer momentanen Form nicht funktioniert.

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  1. CommentedJonathan Lam

    Eurozone Chutzph and the IMF

    “Eurozone members as a whole, they argue, have a lower budget deficit than the US and the United Kingdom, and a similar level of public debt. Unlike the US and the UK, the eurozone in aggregate is running a current-account surplus (it is, as policymakers like to say, living “within its means”). And they express considerable pride in the euro’s growing role as an international reserve currency, as well as resolve to do whatever it takes to defend the currency union’s integrity.”
    I would agree on the scheme of integrity for the Euro currency union, or it lives ‘within its means’. Then, what went wrong with growth or the future of it? If it is running on 1-2% growth and 20% unemployment in general; perhaps, Mr. Simon Tilford gave a good reason the IMF is not involved in helping India even though its Stricken states of Bihar and Uttar Pradesh is making less than a tenth of the eurozone levels. It is a good point that EU should not drag IMF into assistance of its rescue fund, the European Stability Mechanism (ESM) establishing its the bi-system of rescue fund; I am glad that the other input $430 billion and Japan’s $600 billion pledge. That made a 2 trillion gift to EU. However I would stress the issues of liquidity, solvency, sustainability and competitiveness to the recues of the Southern States like PIIGS, Does it sound much like too big to fall? Or, Do the Southern States really live within its means?

    For much the rescue begins, these rescue funds would help eliminate the debts in the second round of restructuring of the debts. Then, the funds from the Twist would turn into credit and shift into the system like the hot cash; the coming inflation and the exchange rate upgrade would escalate based on the structured inflation from the emerging nations with their upgraded labor cost and transportation cost may strangle the growth of the Southern States more since the budget cut or austerity programs. Eventually, the relief of the write-off some believe the economy would reverse would bring on the stagflation and volatile currency exchange rate when the debt/credit sovereignty accountable is turned over to the credit over to the commercial bank. The days of the global stagflation is not far, and the timing for the 2014 in changing the interest rate to the major central banks or commercial banks may not be equipped sufficiently to void the stagflation after it has stalled off years for the ECB and FED.

    “That would be an unjustified use of IMF resources, and would further confirm the suspicion among the world's emerging economies that the IMF is in thrall to Western interests………..If eurozone governments are unwilling to build the federal institutions needed to stabilize the eurozone, they should either assemble a big enough rescue fund themselves, or accept that the single currency is unworkable in its current form.”
    I still think IMF should not taking the post of insurer like ECB in monitoring the sovereignty debt if its major task is aiding the monetary settlements of the exchange and retribution of the financial, and stabilizing the global monetary finance. By time when stagflation hits or the federation of EU fails, IMF will become the one of the balls being juggled under Ms Largard. It is questionable if IMF is really in thrall to western interest when the changes of the currency exchange must under a new reconstruction. After which, economical growth G20 proposed may not be optimistic as it shows, since the core of inflation had been modified by the merging nation to the restructuring inflation through the hyper labor cost and transportation pricing. The hell break loose as the Piigs run off the fence, when they realize in open competitions, there is less tolerance in sustainability, liquidity, affordability and competitiveness; and resilience comes from social and political if the balance of the financial and development is off.
    The alternative in use another entity like the World Bank or Development Bank to keep the task and responsibility of the insurer under the guidance of the United Nations rather than 54% control of the world Bank by the ECB/FED. Does anyone smell monopoly around here or there? Finally, I stress on the questionable role of the rescue fund in IMF is in thrall of Western interest.
    “The exuberant fertility of the universal will. “ by Friedrich Nietzsche . German philosopher. The Birth of Tragedy (1872).

    May the Buddha bless you?

  2. CommentedZsolt Hermann

    I fully agree with the writer's opinion about the European attitude.
    As the writer says they wanted to get the best of both worlds.
    They set up a superficial fiscal, economical collaboration in order to compete on the financial/economical markets with the US and the Asian countries, but they did not want to create a sound basis for it by building a fully integral structure with full socio-economic integration on a supra-national platform, which is understandable since that is a much more complicated, and sensitive political question.
    Now as the luck of the adventure has run out and the global economy started collapsing, the make up is coming off and it does not mater how stubbornly they try the different virtual, cosmetic financial adjustments, the structure is falling since it has no foundation.
    This is a very important lesson for the whole global world, in our new interconnected, interdependent global network we will have no possibility to solve any of our problems unless we swallow the bitter pill, take on the political, social challenge, and move away from our populist fragmented, polarized, nationalistic worldview and start building a mutually responsible, truly global human structure that can adapt us to the conditions we exist in.

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