Exit from comment view mode. Click to hide this space
Email | Print

Der Alptraum chinesischer Überkapazität

SHANGHAI – Im Jahr 1958, dem Jahr des verhängnisvollen „Großen Sprungs nach vorn“ in China, hatte der Vorsitzende Mao große Pläne für die Stahlindustrie. Während die Produktion 1957 knapp über fünf Millionen Tonnen betragen hatte, ging er davon aus, dass China die Vereinigten Staaten mit einer Produktion in Höhe von 80-100 Millionen Tonnen pro Jahr bis 1962 einholen oder sogar überholen würde und bis Mitte der Siebzigerjahre 700 Millionen Tonnen erreichen könnte. So wäre China der unangefochtene, weltweit führende Stahlproduzent. All das sollte durch den Einsatz kleiner „Hinterhof-Hochöfen“ erreicht werden, die von der einfachen Bevölkerung ohne besonderes fachliches Wissen betrieben wurden.

Heute ist Maos Traum, den Rest der Welt einzuholen wahr geworden, wenn auch mit ein wenig Verspätung; nicht nur im Bereich der Stahlproduktion mit einer Jahreskapazität von 660 Millionen Tonnen, sondern auch in vielen anderen Sektoren. Im Jahr 2008 ist China führend in den Bereichen Stahl (etwa die Hälfte der Produktion weltweit), Zement (ebenfalls etwa die Hälfte), Aluminium (etwa 40%) und Glas (31%), um nur einige Beispiele zu nennen. Im Jahr 2009 hat das Land die USA bei der Automobilproduktion übertroffen und nimmt mit einer weltweiten Kapazität in Höhe von 36% beim Schiffbau den zweiten Platz hinter Südkorea ein.

Für die Zentralplaner in Peking ist die Größe der chinesischen Industriebasis mittlerweile jedoch eher   Grund zur Beunruhigung als zur Freude. In einem Dokument, das am 26. September vom Staatsrat bestätigt wurde, warnt die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) vor einer erheblichen Überkapazität in den verschiedensten Branchen. (Der Staatsrat, zu dem der Ministerpräsident, stellvertretende Ministerpräsidenten und Vorsitzende von Ministerien und Kommissionen zählen, ist das höchste Regierungsorgan Chinas).

Basierend auf den Zahlen der NDRC betrug die Kapazitätsauslastung im Jahr 2008 nur 76% für Stahl, 75% für Zement, 73% für Aluminium, 88% für Flachglas, 40% für Methanol und 20% für polykristallines Silizium (ein wichtiger Rohstoff für Solarzellen). Projekte, die gegenwärtig in Vorbereitung sind, lassen darauf schließen, dass Hersteller von Windkraftanlagen im Jahr 2005 zu weniger als 50% ausgelastet sein werden.

Seit der Staatsrat im Jahr 2005 branchenbezogene Beschränkungen für neue Projekte erließ und Ziele zur Schließung ineffizienter Produktionsstätten verkündete, besitzt Überkapazität Priorität. Seit dieser Zeit hat sich die Situation in vielen Fällen jedoch nur noch verschlimmert. Das Problem besteht darin, dass ein Großteil der so genannten „blinden“ und „redundanten“ Investitionen stark von Kommunalregierungen unterstützt wird, deren Hauptanliegen die Erzeugung von BIP-Wachstum in ihren Zuständigkeitsbereichen ist, ganz gleich, ob die Mittel hierfür irgendeinen wirtschaftlichen Sinn ergeben.

So etwa in der Zementproduktion, bei der laut dem Verband der chinesischen Zementindustrie 38% der Kapazität aus „Schachtöfen“ stammen. Im Rest der Welt sind diese Schachtöfen seit über hundert Jahren weitgehend außer Gebrauch und waren sogar im Jahr 1957, als die meisten der chinesischen Zementanlagen aus Osteuropa importiert wurden, lediglich für 3% der Produktion verantwortlich. Heute erfreuen sich Schachtöfen bei Kommunalregierungen jedoch großer Beliebtheit, weil sie günstig und schnell gebaut werden können und für Wachstum und Beschäftigung sorgen. Skalen- oder Größenvorteile und Umweltverträglichkeit haben schlicht keine Priorität.

In der Stahlindustrie verhält es sich ähnlich: Die Zentralregierung hat wiederholt erfolglos versucht kleine Hochöfen zu schließen. So hat die NDRC etwa im Jahr 2006 eine Liste mit Anlagen erstellt, die bis zum Ende des folgenden Jahres den Betrieb einstellen sollten. Als sich die Frist im Dezember 2007 ihrem Ende näherte, besuchte ein Berichterstatter von Mysteel , einer führenden chinesischen Informationsquelle in diesem Sektor, eine Reihe dieser Werke, um aus erster Hand zu erfahren, wie diese mit dem von der Regierung angeordneten Abbau ihrer Anlagen vorankommen.

Was er erlebte, war ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Programm dieser Art aller Wahrscheinlichkeit nach in der Praxis abläuft. Ein Betrieb arbeitete nach wie vor 24 Stunden am Tag; in anderen wurde die Produktion vorübergehend bis zum Ablauf der Frist eingestellt. Nur in einigen wenigen Fällen waren tatsächlich Maschinen entfernt worden.

Lokale Funktionäre und Manager brachten eine Vielzahl von Gründen vor, warum sie sich nicht an die Anweisung der NDRC gehalten hatten. Einige gingen davon aus, dass sie ihre Anlagen vergrößern und somit nicht mehr als ineffizient gelten würden – ein Trick, der in den Anordnungen ausdrücklich untersagt war. Befanden sich Anlagen in Privatbesitz, war man der vielleicht nicht unbegründeten Ansicht, dass der Abbau von Sachanlagen eine Verletzung der gesetzlichen Eigentumsrechte Chinas darstellt. Ein ehemals staatliches Unternehmen wurde im Rahmen eines Leasing-Vertrages aus dem Jahr 2001 betrieben, in dem festgelegt war, dass in den nächsten zehn Jahren keine Arbeiter entlassen werden können. Und es gab Verwaltungseinheiten, die den betreffenden Betrieben die Zulassungen entzogen hatten, so dass diese, wie ein Behördenvertreter es formulierte, einfach „nicht existierten“.

Durch Chinas Problem der Überschusskapazität wird ein schwerwiegender Makel offenbar, der seiner „sozialistischen Marktwirtschaft“ anhaftet. In vielen Branchen sind weder Marktkräfte noch die zentrale Planung stark genug, um „kreative Zerstörung“ oder ineffiziente Produzenten hervorzubringen. Infolgedessen ist der Traum die Industrieländer einzuholen in überraschendem Maße so realisiert worden, wie Mao es sich vorgestellt hatte – durch Kader der unteren Ebenen, die Technologien kleineren Maßstabs nutzen.

Wenn das Ziel einfach darin besteht, weltweit führend in Sachen Produktionsleistung zu sein, hat sich die Vision des Vorsitzenden eindrucksvoll bestätigt. Wenn Produktqualität, Umweltschutz und wirtschaftliche Effizienz jedoch ebenfalls von Bedeutung sind, kommt die Situation einem Alptraum nah.

Reprinting material from this Web site without written consent from Project Syndicate is a violation of international copyright law. To secure permission, please contact us.

Exit from comment view mode. Click to hide this space

Comments (0)

You need to login in order to leave a comment. If you do not yet have an account, please register.

Show comments of
close

The two commenting options explained

Watch a 1 minute video
to discover how you can comment on the entire article or a specific paragraph. The two images below also explain the two ways of commenting.

1) Entire article comment
Once logged in, simply click inside the comment box where it says "Enter text here." Enter and post your comment.

2) Paragraph comment
Please log in first. Then click to the left of the desired paragraph. Your cursor will automatically move to the comments box. Enter and post your comment.

Top Project Syndicate commentaries

Email this article

Your name is required.

Your email is required.


Your friend's name is required.

Your friend's email is required.


A message is required.