Friday, October 24, 2014
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Weg mit den Bomben

LONDON – Einer der entmutigendsten Aspekte der heutigen internationalen Diskussion besteht darin, dass die Bedrohung der Menschheit durch die weltweit 23.000 Nuklearwaffen – und diejenigen, die mehr davon bauen oder sie bereitwillig anwenden möchten – politisch nur noch am Rande behandelt wird.

US-Präsident Barack Obama hat 2009 mit seiner Prager Rede, in der er sich entschieden für eine atomwaffenfreie Welt aussprach, globale Aufmerksamkeit erlangt. Außerdem hat er ein neues Abrüstungsabkommen mit Russland geschlossen und ein Gipfeltreffen zur Reduzierung der Gefahr von Diebstahl und Missbrauch nuklearen Materials einberufen.

Trotzdem lassen im Bereich der Nuklearfragen öffentliche Resonanz und politische Zugkraft immer noch zu wünschen übrig. Es wäre beispielsweise ziemlich riskant, auf eine baldige Ratifizierung des Atomteststoppabkommens durch den US-Senat zu wetten.

Der Film Eine unbequeme Wahrheit gewann einen Academy Award, brachte Al Gore den Nobelpreis ein und lenkte enorme internationale Aufmerksamkeit auf das Thema des Klimawandels und seine katastrophalen Auswirkungen. Aber Countdown to Zero, ein gleichermaßen fesselnder Dokumentarfilm vom gleichen Produktionsteam, der mit schockierender Deutlichkeit aufzeigt, wie oft die Welt bereits am Rand einer nuklearen Katastrophe stand, hat kaum Spuren hinterlassen.

Die Gleichgültigkeit siegt fast überall über die Angst. Die Fukushima-Katastrophe in Japan hat eine umfassende Debatte über die Sicherheit von Atomkraftwerken ausgelöst, aber nicht über nukleare Waffen. Die Angst vor einem atomaren Holocaust scheint gemeinsam mit dem Kalten Krieg verschwunden zu sein.

In der Tat scheinen Hiroshima und Nagasaki Ewigkeiten her zu sein. Staaten haben sich neu atomar bewaffnet, ohne dass die Welt untergegangen ist, die großen Städte sind von nuklearen Terrorattacken verschont geblieben, und der Besitz von Kernwaffen verschafft den Eigentümerstaaten Sicherheit und Stolz, anstatt Bedenken oder Verlegenheit auszulösen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, zeigt die heutige Generation führender Politiker wenig Interesse an Abrüstung, und die Nichtverbreitung von Atomwaffen ist als Thema kaum weniger populär. Und Druck der Öffentlichkeit, der dies ändern könnte, ist nicht vorhanden.

Kaum jemand hat mehr versucht, die Welt aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln, als vier der hartnäckigsten Realpolitiker, die jemals ein öffentliches Amt innehatten: die früheren US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz, der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry und der Ex-US-Senator Sam Nunn. In den letzten fünf Jahren haben sie in einer Reihe von alarmierenden Kommentaren wiederholt darauf hingewiesen, dass die Risiken von Atomwaffen bei der heutigen Sicherheitslage jeden nur denkbaren Nutzen in den Schatten stellen. Darüber hinaus setzten sie sich für ein völliges Umdenken in der Abschreckungsstrategie ein, um die Abhängigkeit von den bei weitem zerstörerischsten Waffen aller Zeiten zu verringern und letztlich zu beenden.

Letzte Woche hat diese “Viererbande” ein privates Treffen einberufen, an dem führende Thinktank-Wissenschaftler und etwa 30 ehemalige Außen- und Verteidigungsminister, Generäle und Botschafter aus aller Welt teilnahmen, die ihre Besorgnis und ihr Engagement teilen. Aber unser Durchschnittsalter war über 65, und unsere begrenzte Effektivität wurde vom früheren britischen Verteidigungsminister Des Browne mit schönen Worten beschrieben: “Leute, die einmal etwas waren, wollen dieses Problem unbedingt angehen. Aber leider nicht diejenigen, die etwas sind.”

Um dies zu lösen, gibt es kein Patentrezept. Die Botschaften, die von dem Londoner Treffen ausgegangen sind, ins öffentliche und politische Bewusstsein zu bringen, ähnelt dem langsamen Bohren dicker Bretter. Aber sie verdienen Beachtung, und wir müssen einfach immer weiter bohren.

Die erste Botschaft ist, dass die Bedrohung einer Katastrophe durch Nuklearwaffen weiterhin alarmierend aktuell ist. Die Zerstörungskraft der bestehenden globalen Arsenale entspricht der von 150.000 Hiroshima-Bomben, und im Umgang damit besteht nach wie vor die Möglichkeit menschlichem Versagens, Systemversagens oder stressbedingter Fehlentscheidungen.

Der Konflikt zwischen Pakistan und Indien hat das Potenzial zu großer Zerstörung, und die Entwicklung in Nordkorea und im Iran ist weiterhin bedenklich. Es ist bekannt, dass Terrorgruppen in der Lage sind, Nuklearwaffen zu bauen und sie überall, wo sie können, einzusetzen. Es ist keinesfalls sicher, dass wir ihren Zugriff auf spaltbares Material, das für die Zündung erforderlich ist, dauerhaft verhindern können.

Die zweite Botschaft besteht darin, dass die Abschreckungsdoktrin des Kalten Krieges für die heutige Welt irrelevant ist. So lang Atomwaffen vorhanden sind, können die Staaten eine minimale Abschreckungsmöglichkeit rechtfertigen. Aber dazu kann man auf hoch einsatzbereite Waffen verzichten. Für die USA und Russland genügt ein drastisch reduziertes Arsenal, und für andere Staaten der aktuell vorhandene Bestand.

Die dritte Botschaft ist, dass die bestehenden Atommächte, wenn sie andere Staaten ernsthaft vom Beitritt in ihren Club abhalten wollen, den Besitz nuklearer Waffen zum Zweck der Verteidigung gegen andere konventionelle oder Massenvernichtungswaffen, insbesondere biologischer Art, nicht mehr rechtfertigen können. Tatsächlich besteht das mit Abstand schwierigste Problem auf dem Weg zu ernsthafter Abrüstung – jedenfalls im Fall von Pakistan gegen Indien und Russland mit China gegen die USA – im Ungleichgewicht konventioneller Bewaffnung. Bemühungen zur Lösung dieses Problems müssen auf der politischen Tagesordnung ganz vorn stehen.

Die letzte Botschaft besteht darin, dass stückchenweise Lösungen oder Sprücheklopferei nicht funktionieren. Nukleare Abrüstung, Nichtverbreitung von Waffen, Terrorabwehr und die Risikoreduzierung bei der zivilen Nutzung von Kernenergie sind untrennbar miteinander verbunden und benötigen zusätzlich zu Detailbetrachtungen dauerhafte, umfassende Lösungsansätze. Die nukleare Rettung kann nicht mit Stückwerk und großen Reden erreicht werden.

Kissinger ist nicht unbedingt ein Symbol für Idealismus. Aber er ist es allemal wert, angehört zu werden. Insbesondere zu der Frage, die er seit Jahren stellt: Die nächste Nuklearwaffenkatastrophe wird mit Sicherheit stattfinden, und dann muss die Welt drastische Antworten finden. Warum können wir damit nicht schon jetzt beginnen?

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