Thursday, October 2, 2014
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Amerikanische Hasenherzigkeit

NEW YORK – Der exzentrische bengalische Intellektuelle Nirad C. Chaudhuri bezeichnete das Ende der britischen Herrschaft in Indien einst als einen Fall von „Hasenherzigkeit“ oder Verlust der Courage. Die Briten hatten aufgehört, an ihr Empire zu glauben. Sie verloren schlicht und einfach den Willen, die „wüsten Kriege des Friedens“ zu führen, wie es Rudyard Kipling formulierte.

In Kiplings Gedicht „Die Bürde des weißen Mannes“, in dem er die Weißen ermahnte, ihre Werte bei „euren neugefangenen verdrossenen Völkern, halb Teufel und halb Kind” zu verbreiten, ging es tatsächlich aber nicht um das britische Empire, sondern um die Vereinigten Staaten. Das Gedicht mit dem Untertitel „Die Vereinigten Staaten und die philippinischen Inseln“ wurde 1899 veröffentlicht, gerade als die USA ihren eigenen „wüsten Krieg des Friedens“ führten.

Chaudhuri hatte in gewissem Sinne recht. Ohne den Willen, nötigenfalls Gewalt einzusetzen, ist es schwierig, ein Imperium aufrecht zu erhalten. Viel politische Rhetorik und eine Flut neuer Bücher will uns weismachen, dass sich die USA momentan in einem gefährlichen Zustand der Hasenherzigkeit befinden.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney beispielsweise prangert Präsident Barack Obama gerne an, weil dieser„sich für Amerikas internationale Macht entschuldigt“, weil er zu behaupten wagt, die USA wären nicht „das bedeutendste Land auf der Welt“ und weil er überhaupt „pessimistisch“ sei. Im Gegensatz dazu verspricht Romney Amerikas Größe und internationale Macht „wiederherzustellen“. Das will er mit der Stärkung amerikanischer Militärmacht bewerkstelligen.  

Romneys Kipling ist der neokonservative Intellektuelle Robert Kagan, der in seinem neuen Buch  The World America Made gegen den „Mythos des amerikanischen Niedergangs“ zu Felde zieht.  Ja, räumt er ein, China gewinnt an Stärke, aber die Dominanz der USA ist immer noch erdrückend; die amerikanische Militärmacht kann es immer noch mit jedem Herausforderer „aufnehmen“. Die einzige wirkliche Gefahr für die Macht der USA sind die „Niedergangsfantasien“: der Verlust an Selbstvertrauen, die Versuchung „den moralischen und materiellen Bürden zu entkommen, die auf den [Amerikanern] seit dem Zweiten Weltkrieg lasten.“ Mit einem Wort: Hasenherzigkeit.  

Ebenso wie Chaudhuri ist Kagan ein fesselnder Autor. Seine Argumente klingen vernünftig. Und seine Einschätzung der amerikanischen Feuerkraft ist zweifellos korrekt. Zwar gibt er den Problemen auf nationaler Ebene wie der antiquierten Infrastruktur, den gescheiterten öffentlichen Schulen, dem miserablen Gesundheitssystem und den grotesken Ungleichheiten hinsichtlich Einkommen und Reichtum wenig Raum. Aber mit seiner Beobachtung, wonach keine andere Macht Amerikas Rolle als militärischer Weltpolizist an sich zu reißen droht, hat er recht.   

Schon weniger sicher allerdings ist die Prämisse, dass die Weltordnung ohne „amerikanische Führerschaft“ zusammenbrechen würde. Der französische König Ludwig XV. soll auf seinem Sterbebett gesagt haben: „Après moi, le déluge” (Nach mir die Sintflut). Das ist die Selbstüberschätzung aller Großmächte.

Sogar noch als die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Empire demontierten, glaubten Franzosen und Holländer, dass die Trennung von ihren Besitzungen in Asien im Chaos enden würde. Ebenfalls an der Tagesordnung ist die Behauptung jener autokratischen Staatschefs, die Teile westlicher Imperien erbten, wonach Demokratie gut und schön sei, aber die Menschen dafür noch nicht reif wären. Wer ein Machtmonopol besitzt, kann sich  eine Welt ohne seine Herrschaft nicht anders als in der Katastrophe endend vorstellen.

In Europa nach dem Zweiten Weltkrieg war die von der amerikanischen Militärmacht garantierte Pax Americana, dazu konzipiert, „die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten“. In Asien sollte sie den Kommunismus eindämmen und den Verbündeten von Japan bis Indonesien den Aufbau wirtschaftlicher Stärke zu ermöglichen. Die Hauptsorge galt dabei nicht der Verbreitung der Demokratie, sondern der Eindämmung des Kommunismus – in Asien, Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie in Nord- und Südamerika. In dieser Hinsicht war man auch erfolgreich, obwohl dafür ein hoher menschlicher Preis zu bezahlen war. 

Mittlerweile allerdings, da das Gespenst der weltweiten kommunistischen Vorherrschaft mit anderen – realen und eingebildeten – Gefahren im Mülleimer der Geschichte landete, ist es für manche Länder sicher an der Zeit, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Gemeinsam mit anderen asiatischen Demokratien sollte Japan in der Lage sein, ein Gegengewicht zu Chinas wachsender Macht zu bilden. In ähnlicher Weise sind auch die Europäer reich genug, um ihre Sicherheit selbst zu gewährleisten.

Aber aufgrund jahrzehntelanger Abhängigkeit von amerikanischer Sicherheitspolitik scheinen weder Japan noch die Europäische Union bereit zu sein, ihren Beitrag zu leisten. So lange Uncle Sam weiterhin Weltpolizist bleibt, werden seine Kinder nicht erwachsen werden.  

Wie wir jedenfalls im Irak und Afghanistan gesehen haben, sind „wüste Kriege des Friedens“ nicht immer der effektivste Weg, Außenpolitik zu betreiben. Altmodische militärische Dominanz ist kein adäquater Ansatz zur Förderung amerikanischer Interessen mehr. Die Chinesen gewinnen in Afrika beständig an Einfluss, allerdings nicht mit Bombern, sondern mit Geld. Unterdessen trug die Unterstützung säkularer Diktatoren im Mittleren Osten mit US-Waffen zur Ausbildung eines islamistischen Extremismus bei, der nicht einfach durch die Entsendung weiterer Drohnen niedergeschlagen werden kann..

Die von Romney und seinen Unterstützern gehegte Vorstellung, wonach nur die US-Militärmacht die Weltordnung aufrecht erhalten kann, ist zutiefst reaktionär. Es handelt sich dabei um eine Art Nostalgie des Kalten Krieges – um den Traum von der Rückkehr in eine Zeit, da die Welt einen verheerenden Weltkrieg hinter sich hatte und in Angst vor dem Kommunismus lebte.

Obamas Erkenntnis von der Begrenztheit Amerikas ist kein Zeichen von feigen Pessimismus, sondern von realistischer Klugheit. Seine relative Zurückhaltung im Nahen und Mittleren Osten ermöglichte es den Menschen in dieser Region, selbst aktiv zu werden. Wir wissen nicht, wie die Dinge dort ausgehen werden, aber das „bedeutendste Land der Welt” kann keine Lösung diktieren. Und sollte das auch nicht tun.

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  1. CommentedZsolt Hermann

    I agree with the writer that although still many people view today's world through the same polarized, fragments glasses searching for alliences and enemies, this kind of thinking can today differentiate dinasaures from creatures that are ready for evolving further.

    Today more and more people start to understand that we are all sitting on the same boat, the global crisis and other international events, disasters are providing ample amount of evidence of our interconnections, interdependency.

    We can see all the chaos the "big players" are causing entering the strifes, internal affairs of other nations, even if we look at the US since Vietnam they have left each of their military advantures with overall defeat if we consider the local and international social effect of those wars.

    The problem is we always want to interfere or "solve problems" how we see fit, how it is suitable for ourselves, and not by examining and understanding the whole system. This short sighted and subjective approach is causing deeper and worse disasters each time.

    As we evolved into this integral, totally interconnected network it is time to stop acting instinctively, only caring about ourselves, and start studying, and adapting this new global system, and then based on our knowledge and wisdom start planning and acting with mutual responsibility.

    At the end we will find in this new system, realized optimally we will not need "defense forces", strategic alliences at all, instead of destroying we will start building. Of course some of the leaders, lobbies, interest groups would not like such a future, but they will become a small minority until they completely disappear within the global public building a new humanity.

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