Friday, April 25, 2014
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Renminbi-Realismus

NEW YORK – Sieben Jahre lang haben die USA es zugelassen, dass die Bindung des Renminbi an den Dollar die Aufmerksamkeit von wesentlich wichtigeren Themen in der Wirtschaftsbeziehung zu China ablenkt. Der kommende Strategie- und Wirtschaftsdialog zwischen den USA und China ist eine hervorragende Gelegenheit für die USA, ihre Prioritäten neu zu überprüfen – und zu überdenken.

Seit 2005 hat der US-Kongress wiederholt mit einer Gesetzgebung geliebäugelt, die darauf abzielt, die schwer geprüften amerikanischen Arbeitnehmer vor der vermeintlich billigen chinesischen Währung zu schützen. Es stellte sich heraus, dass eine derartige Maßnahme von beiden Parteien unterstützt wird, als die Senatoren Charles Schumer (ein liberaler Demokrat aus New York) und Lindsey Graham (ein konservativer Republikaner aus South-Carolina) den ersten Gesetzesentwurf zur chinesischen Währung vorlegten.

Die Begründung für legislative Maßnahmen ist verlockend einfach: das US-Handelsbilanzdefizit hat seit 2005 durchschnittlich die Rekordzahl von 4,4 Prozent erreicht, wobei auf China 35 Prozent des Fehlbetrags fallen, angeblich aufgrund einer Währungsmanipulation. Die Chinesen, so behauptet eine breite Koalition von Politikern, führenden Unternehmern und Wirtschaftswissenschaftlern, müssen neu bewerten oder sich auf Sanktionen einstellen.

Diese Argumentation kommt in der US-Öffentlichkeit gut an. Meinungsumfragen von 2011 zufolge glauben 61 Prozent der Amerikaner, dass China eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung darstellt. Als solche wird die Währungsdebatte einen wichtigen Platz im bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf einnehmen. „Genug ist genug“, antwortete Präsident Obama, als er nach seinem letzten Treffen mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao zum Renminbi befragt wurde. Obamas vermutlicher republikanischer Herausforderer, Mitt Romney, hat versprochen, China am selben Tag, an dem er sein Amt antritt, der Währungsmanipulation schuldig zu sprechen.

Aber diese Logik ist leider ebenso verführerisch wie falsch. Zunächst einmal ist Amerikas Handelsdefizit multilateral: die USA hatten 2010 Defizite mit 88 Ländern. Ein multilaterales Ungleichgewicht – insbesondere eins, das bis zu einem Defizit an Ersparnissen zurückverfolgt werden kann –, kann nicht behoben werden, indem man einen bilateralen Wechselkurs unter Druck setzt. Die wichtigste Bedrohung für Amerika kommt von innen. Die Schuld auf China zu schieben verhindert lediglich die Schwerstarbeit, die zuhause erledigt werden muss – nämlich das Sparen durch eine Reduzierung der Budgetdefizite anzukurbeln, und die Haushalte zu überzeugen, Einkommen zu sparen, anstatt auf Vermögensblasen zu setzen.

Zweitens ist der Wert des Renminbi seit Mitte 2005 im Verhältnis zum Dollar um 31,4 Prozent gestiegen, also um erheblich mehr als die 27,5 Prozent, die in der ursprünglichen Gesetzesvorlage von Schumer und Graham gefordert wurden. Die Chinesen haben aus dem Fall Japan gelernt – zumal aus dem desaströsen Einlenken hinsichtlich einer starken Aufwertung des Yen im Plaza-Abkommen von 1985 – und sich stattdessen für eine allmähliche Aufwertung entschieden. Jüngste Bestrebungen in Richtung einer Internationalisierung des Renminbi, einer offeneren Kapitalverkehrsbilanz und einer größeren Währungshandelsbandbreite, lassen wenig Zweifel daran, dass am Ende dieser Entwicklung eine marktorientierte, vollständig konvertierbare Währung steht.

Drittens hat sich eine erhebliche Verbesserung des außenwirtschaftlichen Ungleichgewichts Chinas vollzogen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Chinas Leistungsbilanzüberschuss nach dem Höchststand von 10,1 Prozent 2007 in diesem Jahr auf lediglich 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sinken wird. Amerikanische Beamte beklagen die chinesische Ersparnisschwemme seit langem als eine wichtige Ursache für globale Instabilität. Aber sie sollten in den Spiegel schauen: Amerikas Leistungsbilanzdefizit, in diesem Jahr ca. 510 Milliarden Dollar, wird wahrscheinlich 2,8 Mal höher sein als Chinas Überschuss.

Und schließlich hat sich China von der Fabrik der Welt zum Montageband der Welt entwickelt. Studien zeigen, dass nur 20 bis 30 Prozent der chinesischen Exporte in die USA auch einen Mehrwert innerhalb Chinas erwirtschaften. Ca. 60 Prozent der Exporte aus China sind Lieferungen von Unternehmen in ausländischem Besitz. Wie zum Beispiel Apple. Globalisierte Produktionsplattformen verzerren die bilateralen Handelsdaten zwischen den USA und China und haben wenig mit dem Wechselkurs zu tun.

Anstatt China als die wichtigste wirtschaftliche Bedrohung für Amerika zu verteufeln, sollte die Beziehung als Chance verstanden werden. Der wichtigste Faktor der amerikanischen Gesamtnachfrage – der Verbraucher – ist handlungsunfähig. Während die Haushalte damit beschäftigt sind, schwer beschädigte Bilanzen zu flicken, ist der inflationsbereinigte Privatkonsum in den letzten vier Jahren im Durchschnitt um rachitische 0,5 Prozent jährlich gestiegen. Der Fremdkapitalabbau der Verbraucher wird wahrscheinlich noch einige Jahre anhalten, was dazu führen wird, dass die USA zunehmend verzweifelt nach neuem Wachstumspotential suchen werden.

Export steht ganz oben auf der Liste. China ist zurzeit Amerikas drittgrößter und am schnellsten wachsender Exportmarkt. Er hat zweifelsohne das Potenzial, einige der Lücken zu füllen, die von den US-Verbrauchern hinterlassen wurden.

Der Schlüssel zum Ergreifen dieser Chance liegt beim Zugang zu den chinesischen Märkten – was angesichts der bevorstehenden Umgewichtung für die Ankurbelung des Konsums noch mehr an Bedeutung gewinnt. Historisch gesehen hatte China ein offenes Entwicklungsmodell, die Importe liegen seit 2002 bei 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – fast dreimal so hoch wie Japans Importquote von 10 Prozent während seiner wachstumsstarken Phase (1960-1989). Daraus folgt, dass China in Bezug auf einen bestimmten Anteil an der Binnennachfrage viel mehr auf die Beschaffung aus dem Ausland setzen wird.

Der chinesische Verbraucher entsteht erst gerade, dadurch sich könnte eine Nachfrage nach den verschiedensten US-amerikanischen Waren ergeben – von Informationstechnologie der neuesten Generation über Biotechnologie bis hin zu Komponenten für Automobile und Flugzeuge. Dasselbe gilt für Dienstleistungen. Der chinesische Dienstleistungssektor ist mit seinen 43 Prozent des Bruttoinlandsproduktes relativ klein. Da gibt es viel Expansionsraum für die global aufgestellten amerikanischen Dienstleistungsunternehmen, besonders in transaktionsintensiven Vertriebsbereichen wie Groß- und Einzelhandel, Binnentransport und Supplychain-Logistik, sowie in den verarbeitenden Segmenten von Finanz, Gesundheit und Data Warehousing.

Die USA müssen die Handelsagenda zwischen den USA und China auf einen erweiterten Marktzugang in diesen und anderen Bereichen neu ausrichten. Sie müssen gegen die Praktiken der öffentlichen Beschaffungspolitik Chinas wirken, die Binnenproduktion und Binneninnovation favorisieren. Es wurden bereits einige Fortschritte erzielt, beispielsweise konnte man China davon überzeugen, dem Abkommen über öffentliche Beschaffung der Welthandelsorganisation beizutreten. Gleichzeitig sollten die USA antiquierte Beschränkungen aus der Zeit des Kalten Krieges zum Thema des Erwerbs von technologieintensiven Produkten überdenken.

Für die USA, die Wachstum brauchen, sind die Chancen des Marktzugangs weitaus größer als die Währungsbedrohung. Der chinesische Verbraucher, der lange den Dornröschenschlaf geschlafen hat, ist kurz davor, aufzuwachen. Das verschafft Amerika einen Vorteil auf einem Gebiet, auf dem es seine größten Stärken hat: dem Wettbewerb auf neuen Märkten. Diese außerordentliche Gelegenheit sollten die USA nicht verstreichen lassen, indem sie sich beim bevorstehenden Strategie- und Wirtschaftsdialog stur stellen.

Stephen S. Roach ist Mitglied der Fakultät der Yale Universität und war Leiter von Morgan Stanley Asia. Zuletzt erschien von ihm The Next Asia.

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  1. CommentedProcyon Mukherjee

    Paul Jefferson has actually given the answer, but at the very end. Renminbi appreciation does not help the American business partners who source cheap goods into U.S. which is equivalent of importing labor and exporting capital goods, which the Chinese buy. It would actually benefit the Chinese a little bit if the Renminbi appreciates.

    The CCER study showed that 44 percent of the Chinese trade surplus was contributed by U.S. companies operating in China, and 20 percent by other foreign companies there.

    CCR study showed that if we take iPhone, a personal electronic device designed by the U.S. Apple Inc. as an example. The product, assembled in China, alone accounted for 1.9 billion dollars of China's trade surplus with the United States in 2009.

    CCER study showed that most of China's trade with the U.S. is compensation trade, which may account for 60 percent of the total (bilateral) trade. The yuan's appreciation may somewhat increase China's trade surplus, contrary to the common sense.

    It means China can import raw materials and equipment at relatively low prices.

    Even if China is forced to give up exporting some of its products once the yuan appreciates, the United States will still have to buy those products, which it usually does not manufacture, from other countries -- which neither helps bring down its trade deficit nor create jobs.

    According to a CCER model co-developed with a U.S. institution, if the yuan appreciates by 5 percent against the dollar, the U.S. employment rate will rise by only 0.03 percent; even if the yuan appreciates by 20 percent, it only helps to raise U.S. employment by 0.16 percent.

    The effects of the yuan's appreciation on stimulating consumption are even smaller. According to the model, U.S. consumption will be up a mere 0.02 percent, given a 5-percent appreciation of the Chinese currency against the dollar.

    Meanwhile, the model showed that the increase in the yuan's value is unlikely to affect the U.S. gross domestic product (GDP) much -- if the yuan rises by 5 percent, the U.S. GDP would go up 0.02 percent, while China's GDP would contract 0.56 percent.

    We could do some sensitivities with the modeling, but the truth will not be any far. If renminbi appreciates significantly, the Chinese foreign exchange reserves at $3 Trillion poses a significant challenge to both the nations, it could be either way a situation to make new adjustments.

    Procyon Mukherjee

  2. CommentedPaul Jefferson

    The Chinese yuan has actually appreciated by about 3.6% per year for the past two years, according to this chart:

    http://www.google.com/finance?q=cnyusd

    But if the yuan had instead been allowed to float freely, how much more would it have appreciated? Would the appreciation have been greater by a factor of 10, or 20?

    Why is the Chinese dictatorship afraid to find out? Are they afraid because they themselves know that the yuan is significantly undervalued? Probably.

  3. CommentedPaul Jefferson

    There must be some advantage for China in keeping its currency low. Otherwise, China's leaders would not be so stubbornly persistent in depressing the value of the yuan.

    Obviously, China's artificially low currency gives them a price advantage in international trade. This allows them to penetrate and dominate foreign markets.

    Conversely, the low yuan is an obstacle for any USA-based manufacturer who wants to sell to China. USA-made goods are typically too expensive, partly because China's currency is held at an artificially low level.

    Similarly, the low yuan has made China's labor costs so cheap that American workers cannot compete. Consequently, many are unemployed or underemployed. Yet the author believes these financially stressed individuals can be persuaded to save more. How?

    The advantage of a low currency is clear: China enjoys an 8% growth rate, versus a quarter of that in the USA. And China's dictators want a low yuan to help them retain their grip on power, by keeping Chinese workers employed, thereby avoiding economic discontent.

    Clearly, China has strong motivation to depress the yuan's value, which is why they still do it. The 31% appreciation the author referred to is not recent. In fact, the yuan has been held in a tight range for the past several years.

    Anyway, why would the author consider 31% to be sufficient? Is this number based on purchasing power parity? Or on an interim target set by a USA politician long ago? Why not just allow the currency to float freely, and let the market decide?

    Other excuses offered by the author for China are equally suspect. He states that "the endgame is a market-based, fully convertible renminbi". However, what we are actually witnessing indicates that China's real endgame is to dominate the world economy. They intend to become the new imperial, dictatorial master of the world.

    The author also states that "China has had an open development model, with imports running at 28% of GDP". But what did those imports consist of? Oil? Raw natural resources? From where? If this is such a significant statistic, then the author should break out the components to reveal the true story.

    Finally, the author advises that "the US should reconsider antiquated Cold War restrictions on Chinese purchases of technology-intensive items." In other words, the USA should concede defeat, and surrender their last major technology advantage. After all, the US cannot defeat North Korea, because China will not allow any meddling with their puppet. And the US cannot prevent China from stealing US technology and selling it to Iran. Resistance is futile, the author seems to say, so let's just surrender now.

    This is not to imply that the USA should base its economy on weapons technology. But sadly, that is one of the few remaining areas of competitive advantage left. This is after years of assault on the USA economy by nations such as China, who have manipulated their currencies for their advantage, at America's expense.

    But the real threat to the USA is not China! Instead, it is wealthy Americans whose loyalty is not to their own country, but to themselves and to trans national corporations. China's unfair cost advantage only makes these individuals and corporations richer. And if America collapses, they can afford to move to Singapore or Shanghai.

    Who can we trust to save America and the world from centuries of domination by the fascist dictatorship that is China? Not the 1% protesters, whose goals are vague, and whose strategies are ineffectual. Not Obama, who has squandered every opportunity to resist currency manipulators such as China. And not Romney, who is beholden to the ultra rich.

    Sadly, without competent leaders, lacking sufficient political will, and mostly blind to the danger, America – and it's industrialized peers – seem destined to succumb.

    1. CommentedLawrence Fassio

      In response to Paul Jefferson's claim about the increase in the value of the Chinese yuan, my computation of its increase over the past two years, from the chart whose link he supplied, is a 0.3% increase, or slightly more than 0.1% per year

    2. CommentedPaul Jefferson

      The Chinese yuan has actually appreciated by about 3.6% per year for the past two years, according to this chart:

      http://www.google.com/finance?q=cnyusd

      But if the yuan had instead been allowed to float freely, how much more would it have appreciated? Would the appreciation have been greater by a factor of 10, or 20?

      Why is the Chinese dictatorship afraid to find out? Are they afraid because they themselves know that the yuan is significantly undervalued? Probably.

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