Friday, July 25, 2014
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Ein Berliner Konsens?

HONGKONG – Vor kurzem hat mich eine Reise nach Berlin an einen früheren Besuch dort im Sommer 1967 erinnert, als ich ein armer Student war und die Mauer bestaunte, die eine ganze Gesellschaft für zwei weitere Jahrzehnte teilen und verwüsten würde. Heute ist Berlin wieder lebendig und jung, aufgebaut durch die harte Arbeit und die Bereitschaft der Deutschen, für die Wiedervereinigung des Landes Opfer zu bringen. Ein passender Ort für die Konferenz des Institute for New Economic Thinking (INET), die ich dort besuchte.

Das Thema der Konferenz war „Paradigm Lost“. Mehr als 300 Ökonomen, politische Wissenschaftler, Systemanalytiker und Ökologen suchten nach neuen theoretischen Ansätzen für Wirtschaft und Politik, die den Herausforderungen und Ungewissheiten, verursacht durch steigende Ungleichheit, wachsende  Arbeitslosigkeit, die globale Finanzkrise und den Klimawandel, Rechnung tragen. Fast alle waren sich einig, dass das alte Paradigma der neoklassischen Ökonomie keine Gültigkeit mehr besäße. Auf einen Ersatz konnte man sich allerdings nicht einigen.

Nobelpreisträger Amartya Sen führte die europäische Krise auf ein vierfaches Versagen zurück: politisch, wirtschaftlich, sozial und intellektuell. Die globale Finanzkrise, die 2007 als US-Subprime-Krise begann und sich zu einer europäischen Staatsschuldenkrise (und Bankenkrise) ausweitete, hat Fragen aufgeworfen, die wir aufgrund von Überspezialisierung und Wissensfragmentierung nicht beantworten können. Und doch können wir nicht leugnen, dass die Welt für eine einfache, übergreifende Theorie zur Erklärung anspruchsvoller wirtschaftlicher, technischer, demographischer und ökologischer Veränderungen zu komplex geworden ist.

Besonders der Aufstieg der Schwellenländer stellt eine Herausforderung für die traditionelle deduktive und induktive Logik des Westens dar. Deduktive Schlussfolgerungen ermöglichen es uns, Folgen vorauszusehen, wenn wir die Prinzipien (die Regel) und die Ursache kennen. Durch induktive Schlussfolgerungen schließen wir die Prinzipien aus der Ursache und den Folgen.

Östliches Denken dagegen geht abduktiv von einem pragmatischen Ansatz aus und versucht, die nächsten Schritte daraus abzuleiten. Abduktive Schlussfolgerungen sind pragmatisch und ergebnisorientiert, leiten die Regel her und identifizieren die Ursache.

Wie in der Geschichtsschreibung wird auch die sozial-wissenschaftliche Theorie von den Siegern geschrieben und vom Kontext und von den Herausforderungen der Zeit geformt. Die Theorie vom freien Markt geht auf angelsächsische Theoretiker zurück (viele von ihnen Schotten), die auswanderten, Länder kolonisierten und dabei glücklichen Einzelpersonen die Vermutung nahelegten, dem Konsum seien keine Grenzen gesetzt. Aufgrund der Urbanisierung und der Notwendigkeit einer sozialen Ordnung betonten die Theoretiker in Kontinentaleuropa die institutionelle Analyse im Rahmen der Wirtschaftspolitik.

So kam es, dass das Entstehen der neoklassischen Ökonomie im 19. Jahrhundert stark von der Physik Newtons und Descartes‘ beeinflusst war und sich von der qualitativen Analyse zur Quantifizierung menschlichen Verhaltens entwickelte, indem sie rationales Verhalten voraussetzte und Ungewissheiten ausklammerte. Dieses Denken vom „vorbestimmten Gleichgewicht“ – reflektiert auch in der Ansicht, dass sich Märkte stets selbst regulieren – führte zu einer politischen Lähmung bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929, als sich das Argument John Maynard Keynes' für einen Eingriff des Staates zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und zum Ausgleich von Produktionslücken allmählich durchsetzte.

Bis in die 70er Jahre hinein setzte die neoklassische Schule des allgemeinen Gleichgewichts die Wirtschaftsthesen von Keynes in reale Modelle um, die davon ausgingen, dass die „Finanzwelt  ein Schleier“ und daher blind für die destabilisierende Wirkung des Finanzmarktes sei. Ökonomen wie Hyman Minsky, der versuchte, dies zu korrigieren, wurde weitgehend ignoriert, als Milton Friedman und andere den Vormarsch der Profession in Richtung freie Märkte und minimale staatliche Intervention anführten.

Aber dann brachten Technologie, Demographie und Globalisierung dramatische neue Herausforderungen mit sich, die der neoklassische Ansatz nicht hatte vorhersehen können. Als die am weitesten entwickelten Länder der Welt ihren aus den Fugen geratenen Konsum mit Derivaten finanzierten, begannen vier der sieben Milliarden Menschen der Welt, sich auf einen mittleren Einkommensstatus zuzubewegen, was die globalen Ressourcen unter erheblichen Druck setzt und die Frage der ökologischen Nachhaltigkeit aufwirft.

Um diese grundlegenden und systemrelevanten Veränderungen zu bewältigen, und um Giganten wie China und Indien in die moderne Welt zu integrieren, brauchen wir eine neue Art zu denken. Nicht nur der Westen muss umdenken, sondern auch der Osten. 1987 hat Ray Huang das für China so erklärt:

            “Während die Welt in das moderne Zeitalter eintritt, müssen sich die meisten Länder unter internem und externem Druck selbst neu erfinden, indem sie die Regierungsform, die in der Agrarerfahrung verwurzelt ist, durch ein neues Regelwerk ersetzen, das auf dem Handel beruht… Das ist einfacher gesagt als getan. Der Erneuerungsprozess könnte die oberen und unteren Gesellschaftsschichten betreffen, und es wird notwendig sein, die institutionellen Verbindungen zwischen ihnen aufzuarbeiten. Umfassende Zerstörung ist oft vonnöten, und es kann Jahrzehnte dauern, bis die Arbeit vollbracht ist.“

Wenn wir diesen makrohistorischen Rahmen verwenden, begreifen wir die japanische Deflation, die europäischen Schulden und sogar den arabischen Frühling als verschiedene Phasen einer Systemveränderung innerhalb komplexer Strukturen, die miteinander in einem neuen, multipolaren globalen System interagieren. Wir werden Zeugen einer globalen Konvergenz (dem Abbau von Einkommens-, Vermögens- und Wissensunterschieden der einzelnen Länder untereinander) und gleichzeitig einer lokalen Divergenz (dem Aufbau der Einkommens-, Vermögens- und Wissensunterschiede innerhalb der einzelnen Länder).

Adaptive Systeme haben mit Ordnung und Kreativität zu kämpfen, während sie sich weiter entwickeln. Bereits der Philosoph Bertrand Russell formulierte weitsichtig: „Sicherheit und Gerechtigkeit erfordern eine zentrale Regierungskontrolle, die auf die Schaffung einer Weltregierung übertragen werden muss, wenn sie effektiv sein soll. Fortschritt dagegen erfordert den weitestmöglichen Rahmen für Eigeninitiative, der noch mit der sozialen Ordnung vereinbar ist.“

Eine neue Welle dessen, was der Ökonom Joseph Schumpeter „schöpferische Zerstörung“ nannte, ist im Entstehen begriffen: Obwohl Banken die Märkte mit Liquidität überschwemmen, schrumpft die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte. Wir leben in einer Zeit gleichzeitiger Inflation und Deflation, von noch nie da gewesenem Wohlstand inmitten einer wachsenden Ungleichheit sowie technologischem Fortschritt und gleichzeitiger Erschöpfung der Rohstoffe.

In der Zwischenzeit versprechen die bestehenden politischen Systeme gute Jobs, solide Regierungsführung, eine nachhaltige Umwelt und soziale Harmonie ohne Opfer – ein Paradies der eigennützigen Trittbrettfahrer, das nur durch den Verlust der natürlichen Umgebung und des Wohlergehens zukünftiger Generationen aufrecht erhalten werden kann.

Wir können den Schmerz der Anpassung nicht auf ewig durch Gelddrucken verdrängen. Nachhaltigkeit kann nur erzielt werden, wenn die Wohlhabenden willens sind, für die Habenichtse Opfer einzugehen.

Der Washington Consensus, der den Entwicklungsländern Wirtschaftsreformen  vorschrieb, ist seit zwei Jahrzehnten beendet. Die INET-Konferenz in Berlin hat die Notwendigkeit eines neuen Konsenses klar gemacht – ein Konsens, der die Opferbereitschaft im Interesse der Einheit unterstützt. Europa kann es gebrauchen.

Aus dem Englischen von Eva Göllner-Breust

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  1. CommentedVincent Garton

    What is the referent of "Eastern thinking" supposed to be? This sounds like pure internalized orientalism.

  2. CommentedZsolt Hermann

    It is a very interesting overview article to describe our situation but very few cues are in it about a possible solution.
    For example I am not sure I agree with the following statement:
    "...And yet there is no denying that the world has become too intricate for any simple, overarching theory to explain complex economic, technological, demographic, and environmental shifts..."
    We see it this way, because we remain in our own subjective, introverted perception of the world, when each and every one of us, especially out present leaders sit down to any discussion or summit with "set in stone" personal or national agendas, incapable of seeing the viewpoint from another angle, thus we can only see the myriad of details but not the whole picture.
    If we want to achieve any meaningful solutions we have to rise above this present attitude, when every plan, or action is based on self calculation.
    We need to take seriously that we indeed live in a global, integral world with all its intricate meaning.
    A global, integral network means that all elements are totally interconnected, moreover they depend on each other even for the tiniest details.
    If through a transparent, factual, global education program we could explain to each and every human being what it means to exist in this global, integral system, then from that foundation our incredible human talent, and adaptability would work out the specifics, how the economic or political structure should look like in the 21st century.
    And then the seemingly paradoxical idea of Bertrand Russel, "Security and justice require centralized governmental control, which must extend to the creation of a world government if it is to be effective. Progress, on the contrary, requires the utmost scope for personal initiative that is compatible with social order.” could become a reality.

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