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The Year Ahead 2020

Hin zu einem neuen Gesellschaftsvertrag

LONDON – Jede Gesellschaft ruht auf einem Netz von Normen, Institutionen, Richtlinien, Gesetzen und Verpflichtungen gegenüber jenen, die der Unterstützung bedürfen. In traditionellen Gesellschaften werden derartige Verpflichtungen überwiegend von Familien und Sippen übernommen. In hochentwickelten Volkswirtschaften werden Staat und Märkten (über Krankenversicherung und Renten) größere Belastungen auferlegt. Doch selbst im letzteren Fall wird ein großer Teil des Gesellschaftsvertrags noch immer von den Familien (durch unbezahlte Pflegearbeit), der Zivilgesellschaft (durch Freiwilligenorganisationen und Wohlfahrtsverbände) und den Arbeitgebern (die häufig eine Krankenversicherung oder Beiträge zur Arbeitslosenversicherung erbringen müssen) getragen.

Der Gesellschaftsvertrag ist nicht mit dem Sozialstaat gleichzusetzen. Der Sozialstaat verweist vielmehr auf diejenigen Dimensionen eines Gesellschaftsvertrags, die sich auf den politischen Prozess und nachfolgende staatliche Maßnahmen stützen – direkt durch Steuern und öffentliche Dienstleistungen oder indirekt durch Gesetze, die dem privaten Sektor vorschreiben, dass er bestimmte Leistungen erbringen muss. Insofern ist der Sozialstaat am besten nicht als Umverteilungsmechanismus zu verstehen, sondern als Quell der Produktivität und der Absicherung im Laufe des Lebens. Wie John Hills von der London School of Economics gezeigt hat, tragen die meisten Menschen genauso viel zum Staat bei, wie sie im Gegenzug von ihm erhalten.

Trotzdem wurzelt ein großer Teil der Wut, der inzwischen die Politik in der entwickelten Welt bestimmt, in dem Gefühl der Menschen, nicht das erhalten zu haben, was ihnen zusteht. Wer in schwierige Umstände hineingeboren wurde, hat das Gefühl, er hätte nie eine Chance gehabt. Wer auf dem Land lebt, glaubt, dass die Politik in überwältigender Weise die Städte begünstigt. Einheimische Bevölkerungsgruppen fürchten, dass Einwanderer Leistungen erhalten, bevor sie sich diese verdient haben. Männer haben das Gefühl, dass ihre historischen Privilegien erodieren. Ältere sind der Ansicht, dass die Jüngeren die von den Älteren erbrachten Opfer nicht zu würdigen wissen, und die Jungen verübeln den Älteren zunehmend, dass sie die Sozialversicherungssysteme überlasten und ein Erbe der Umweltzerstörung hinterlassen. Dieses Misstrauen und diese Erbitterung sind ein Nährboden für Populisten.

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