Ist der Faschismus zurück?

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NEW YORK – Im Jahr 2015 ist „Faschismus“ erneut zum heftigsten politischen Schimpfwort im allgemeinen Sprachgebrauch geworden. Wenn wir mit einer Sprache und Verhaltensweisen konfrontiert werden, die oberflächlich an Hitler und Mussolini erinnern, ist die Versuchung natürlich geradezu überwältigend, das Faschismus-Etikett zu verwenden. Zurzeit wird es oft für so unterschiedliche Fälle wie Donald Trump, die Tea Party, den Front National in Frankreich und radikale islamistische Attentäter benutzt. Doch auch wenn die Versuchung solche Akteure als „Faschisten“ zu bezeichnen verständlich ist, sollten wir ihr widerstehen.

Zur Zeit seiner Entstehung in den 1920er-Jahren (zunächst in Italien und anschließend in Deutschland) war Faschismus eine gewaltsame Reaktion auf einen als übertrieben wahrgenommenen Individualismus. Italien sei im Ersten Weltkrieg verhöhnt und Deutschland besiegt worden, behaupteten Mussolini und Hitler, weil Demokratie und Individualismus ihre nationale Einheit und ihren Willen geschwächt hatten.

Also steckten die beiden Führer ihre Anhänger in Uniformen und versuchten ihr Denken und Handeln zu reglementieren. Einmal an der Macht, versuchten sie die Diktatur auf alle Lebensbereiche auszuweiten. Sogar sportliche Aktivitäten wurde unter Mussolini von der staatlichen Behörde il Dopolavoro organisiert und beaufsichtigt.

Die Faschisten gerierten sich als einzige wirksame Barriere gegen die Ausbreitung der anderen politischen Bewegung, die nach dem Ersten Weltkrieg Zulauf erhielt: der Kommunismus (und gewannen dabei die Unterstützung der Elite). Dem internationalen Sozialismus setzten Faschisten einen nationalen Sozialismus entgegen, und während sie sozialistische Parteien zerschlugen und unabhängige Gewerkschaften abschafften, stellten sie zu keiner Zeit die Pflicht des Staates infrage, für das Gemeinwohl zu sorgen (außer natürlich für innere Feinde wie etwa Juden).