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Die Ungerechtigkeiten des Zika-Virus

SOUTHAMPTON – Der Ausbruch von Infektionskrankheiten in Entwicklungsländern ist aus gesundheitlicher Sicht schon schlimm genug. Darüber hinaus sind solche Ausbrüche jedoch mit schwerwiegenden Folgen für die soziale Gerechtigkeit verbunden, weil sie seit Langem bestehende Menschenrechtskrisen verschärfen. Unter anderem, indem die ohnehin schwache Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen untergraben wird und sich bestehende Ungleichheiten vertiefen.

So wie beim Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 waren die verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft – Frauen und Kinder, ethnische Minderheiten und die Armen – besonders schwer vom Zika-Ausbruch in Mittel- und Südamerika 2015 betroffen. Das Zika-Virus wird, so wie Gelbfieber, Dengue und andere Krankheiten, durch die Stechmücke Aedes aegypti übertragen. Aber auch eine sexuelle Übertragung ist möglich, was für eine durch Stechmücken übertragene Krankheit außergewöhnlich ist. Noch außergewöhnlicher ist der Zusammenhang des Zika-Virus mit neurologischen Erkrankungen und Fehlbildungen bei Babys: Mikrozephalie und Guillain-Barré-Syndrom. Sonst nimmt eine Zika-Infektion meist einen eher milden Verlauf.

Unter den über 1,5 Millionen Betroffenen, die sich seit dem Ausbruch mit dem Zika-Virus infiziert haben, waren die Folgen für Frauen im gebärfähigen Alter, vor allem jene, die bereits schwanger waren, somit besonders besorgniserregend. Zwischen 2016 und 2017 wurden insgesamt 11.059 Zika-Fälle bei Schwangeren bestätigt, deren Babys in 10.867 Fällen von Mikrozephalie und anderen angeborenen Fehlbildungen des zentralen Nervensystems betroffen waren. 56 Prozent dieser Babys sind Kinder armer Frauen und farbiger Frauen aus dem Nordosten Brasiliens.

Die Zika-Krise ist offensichtlich nicht geschlechtsneutral. Für die Bewältigung ihrer mittel- und langfristigen Folgen ist es notwendig, den Schwerpunkt auf Frauen zu legen – insbesondere Frauen, die in Armut leben. Und zwar nicht in Form von weiteren Medienberichten über Fehlbildungen im Zusammenhang mit Mikrozephalie oder auch über die Schwierigkeiten, mit denen die Mütter dieser Kinder konfrontiert sind. Und ganz sicher nicht durch weitere Bestrebungen, das Verhalten von Frauen zu kontrollieren.

Um eine Infektion zu vermeiden, ist Frauen geraten worden Mückenschutz zu verwenden; stehendes Wasser in ihrem Wohnumfeld zu entfernen; langärmelige Kleidung zu tragen und, wenn möglich, Kondome zu verwenden oder auf Sex zu verzichten. Die US-Seuchenschutzbehörde Center for Disease Control and Prevention hat Schwangeren von Reisen in betroffene Länder abgeraten. Besonders drastisch ist das Beispiel der Gesundheitsbehörden in El Salvador und Kolumbien, die Frauen eindringlich nahegelegt haben bis 2018 nicht schwanger zu werden.

Derlei Empfehlungen mögen zwar gut gemeint sein, weisen aber grundlegende Schwachstellen auf. Zunächst einmal stellen sie die kurzfristige Bekämpfung und Überwachung der Krankheitsüberträger, also der Mücken, in den Vordergrund und koppeln die Erkrankung von sozialen und strukturellen Gesundheitsfaktoren ab, unter anderem der öffentlichen Infrastruktur wie die Versorgung mit fließendem Wasser, angemessene sanitäre Einrichtungen und Zugang zu medizinischer Versorgung.

Zudem wälzen sie die Verantwortung für die Vermeidung einer Erkrankung und Schwangerschaft in erster Linie auf die Frauen ab, ohne zu berücksichtigen, dass es vielen Frauen verwehrt ist, selbst über ihren Körper und Schwangerschaften zu bestimmen. In vielen der von Zika betroffenen Regionen sind sexuelle Gewalt und Teenager-Schwangerschaften weitverbreitet, es fehlt an Aufklärungsunterricht und angemessenem Zugang zu Verhütungsmitteln. Aus diesem Grund sind über 50% der Schwangerschaften in Lateinamerika ungewollt.

Erschwerend kommt hinzu, dass Abtreibungen in den meisten lateinamerikanischen Ländern, die vom Zika-Virus betroffen sind, verboten oder nur in Ausnahmefällen erlaubt sind. In El Salvador, wo zwischen Dezember 2015 und Januar 2016 über 7.000 Zika-Fälle gemeldet worden sind, herrscht ein absolutes Abtreibungsverbot. Fehlgeburten, die nachweislich selbst herbeigeführt worden sind, können sogar eine Verurteilung wegen Mordes nach sich ziehen.

Die Haltung der Vereinigten Staaten war ebenfalls nicht hilfreich. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung Obama beim US-Kongress 1,8 Milliarden Dollar Soforthilfe beantragt, um auf die Bedrohung durch das Zika-Virus vorbereitet zu sein und reagieren zu können. Doch dann kam die Abtreibungspolitik dazwischen, als die Finanzierung von republikanische Abgeordneten bei einer Kongressanhörung über den Zika-Ausbruch von Anti-Abtreibungspolitiken in den Empfängerländern abhängig gemacht wurde.

Die Probleme des vorherrschenden Ansatzes zur Eindämmung des Zika-Virus – die Tatsache, dass Frauen zu viel Verantwortung aufgebürdet und zugleich zu wenig Macht verliehen wird – bleiben nicht von allen unbemerkt. Im vergangenen Jahr haben das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation die Notwendigkeit unterstrichen, Menschenrechte in den Mittelpunkt der Reaktion auf den Zika-Ausbruch zu stellen.

Die Anerkennung der sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen auf hoher Ebene ist zwar ein positiver Schritt, aber bei weitem nicht ausreichend. Und um das zu tun, was nötig ist, um diese Rechte zu schützen, insbesondere von benachteiligten, in Armut lebenden Frauen in Entwicklungsländern, ist großes und dauerhaftes politisches Engagement erforderlich.

Besonders nationale Rechtsvorschriften müssen dahingehend geändert werden, dass alle Frauen – unabhängig davon, ob sie mit einem Kind schwanger sind, das Mikrozephalie hat oder nicht – das Recht auf volle reproduktive Selbstbestimmung haben. Frauen müssen in der Lage sein, ihre Entscheidungen in Bezug auf die Fortpflanzung auf ihren eigenen körperlichen und emotionalen Bedürfnissen und Wünschen beruhen zu lassen und nicht auf dem moralischen Urteil mächtiger Akteure oder der Gefahr strafrechtlicher Sanktionen.

In Brasilien etwa setzen sich bereits Gruppen für diese Interessen ein, indem sie Fälle vor den Obersten Gerichtshof bringen, um mehr reproduktive Rechte für Frauen zu gewährleisten, unter anderem das Recht auf sichere und legale Abtreibung. Diese Fälle stützen sich meist auf die brasilianische Verfassung von 1988, die das Recht auf Abtreibung im Fall einer Vergewaltigung, bei Lebensgefahr für die Mutter oder beim Vorliegen von Anenzephalie garantiert, einer anderen Fehlbildung des zentralen Nervensystems.

Kampagnen, die für diese Veränderungen eintreten, sollten zudem die Zusammenhänge zwischen den Rechten von Frauen und von Menschen mit Behinderungen erkennen und thematisieren. Tatsächlich sollten sie die Gleichberechtigung aller marginalisierten Gruppen voranbringen.

Es ist dieser Hintergrund, vor dem die mittel- und langfristigen Folgen des Zika-Virus zu bewältigen sind. Wenn eine Frau ein Kind mit einem angeborenen Syndrom zur Welt bringt, das auf das Zika-Virus zurückzuführen ist, sollte der Umgang damit auf der Würde, dem Wert und den Rechten jedes einzelnen Menschen gründen. Die Prozesse, die einzelne Menschen und Gruppen in Armut halten und ihnen die grundlegenden Rechte als Bürger verwehren, müssen erkannt werden. Aus diesem Grund müssen Aktivisten darauf bestehen, dass der Staat dafür verantwortlich ist, jeder Frau und jedem Kind eine angemessene medizinische Versorgung und Unterstützung zukommen zu lassen – Leistungen, die sowohl ihren Bedürfnissen gerecht werden als auch ihre Rechte achten.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.