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Zhu Rongji genauer betrachtet

Während sich Chinas neue Führung bildet, blickt alle Welt auf Präsident Jiang Zemins Nachfolger. Aber das ist falsch, denn der vielleicht wichtigste Moment in der jüngsten Boom- und Wandlungsgeschichte Chinas war die Ernennung von Zhu Rongji (man spreche "Dschu Rong-Dschieh") 1998 als Vorsitzender des Staatsrates, einer Position, die einst auch Deng Xiaoping innehatte. Angesichts der offensichtlichen Bedeutung dieses Amtes in den letzten Jahren kann Zuhs Ablösung durchaus wichtiger werden als der Abgang von Präsident Jiang von der Hauptbühne.

Sogar noch bevor er Premier wurde, wurde Zhu, als Präsident der chinesischen Zentralbank, als Architekt des jährlichen Wirtschaftswachstums von 8% in den 90er Jahren und als führender Kopf im Kampf gegen die Inflation bekannt. In Anlehnung an den hartgesottenen, langjährigen Vorstandsvorsitzenden des amerikanischen Konzerns General Electric ist Zhu auch der chinesische Jack Welch genannt worden, er ist berühmt für seine Ehrlichkeit, seine Weltläufigkeit und seinen Glauben an Leistung. Es ist bekannt, dass Zhu diejenigen bestraft, die seinen Erwartungen nicht entsprechen. Als Bürgermeister von Shanghai hat er einst die Belegschaft des Touristenbüros zur Ordnung gerufen, indem er sie die öffentlichen Toiletten der Stadt selbst putzen ließ.

Einige Monate nach seiner Ernennung zum Premier hat Zhu seine "Drei-Versprechen-Rede" gehalten, in der er sich verpflichtete, drei große Schritte nach vorn zu gehen, damit die Wirtschaft dynamischer und unabhängiger werde. Erstens sollten die rund 300.000 staatlichen Betriebe generalüberholt werden, von welchen die chinesische Wirtschaft noch immer bestimmt wurde. Über 70% dieser Betriebe sind unwirtschaftlich und werden von staatlichen Subventionen künstlich am Leben erhalten.

Genau wie Jack Welch versprach, die unrentablen Bereiche von General Electric "in Ordnung zu bringen, zu schließen oder zu verkaufen", drohte Zhu, die Manager der chinesischen Unternehmen zu feuern, die mehr als zwei aufeinanderfolgende Jahre Verluste machten und die Unternehmen dann zu schließen oder zu verkaufen. Die staatlichen Betriebe mussten also entweder privatisiert werden oder sich der Kontrolle der Regionalregierungen unterziehen, eine Veränderung, die sich als eine der bedeutendsten Triebfedern für eine plötzliche Dezentralisierung der chinesischen Regierungsstrukturen herausstellte - eine weitere Hinterlassenschaft von Zhus Amtszeit.