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Jelzins letzte Überraschung

Moskau. Die schwierigste Frage für einen Machthaber ist, wann der Zeitpunkt für seinen Abgang gekommen ist. Die zweitschwierigste – vor allem in einem Land wie Rußland, das tausend Jahre lang nur Diktatur erlebt hat –, wem er die Macht übertragen soll. Boris Jelzin hat sich mit seiner Rücktrittserklärung vom 31. Dezember 1999 beiden Problemen gewachsen gezeigt. Er sorgte damit nicht nur für seine eigene persönliche Sicherheit, sondern reservierte sich auch einen Platz in der Geschichte Rußlands und dessen junger Demokratie.

Jelzin war nicht nur der Mann, der Rußland 1991 vor dem Staatsstreich einiger kommunistischer Hardliner rettete, die die Uhr hinter Michail Gorbatschows Perestroika und Glasnost zurückdrehen wollten. Er war auch der Macher, der in den vergangenen neun trüben Jahren ein neues Rußland schuf, das in weiten Teilen seine eigene Wesensart widerspiegelt: unvorhersehbar, unberechenbar und voller Überraschungen. Mit seinem vorzeitigen Abgang verschaffte Jelzin seinem handverlesenen Nachfolger, dem geschäftsführenden Präsidenten Wladimir Putin, die besten Chancen, die Präsidentschaftswahlen im kommenden März für sich zu entscheiden.

Der raffinierte Schachzug mag an das Politikgebahren sowjetischer Volkskommissare erinnern, doch so groß die Versuchung ist, Jelzins Kalkül als zaristische oder kommunistische Selbstherrlichkeit zu verspotten, so unfair wäre es, dieser Versuchung nachzugeben. Moskau hatte sich angesichts der im Sommer ins Haus stehenden Präsidentschaftswahlen in eine wahre Gerüchteküche verwandelt: Es war „Fütterungszeit im Zoo“, wie sich ein britischer Premierminister einmal ausdrückte. Mit seinem Rücktritt bereitete Jelzin der Flüsterkampagne ein Ende, er werde – komme, was da wolle – an der Macht bleiben, und dafür verdient er eher Beifall als Spott. Sein verfassungsrechtlich einwandtfreier Versuch, seine Nachfolge zu sichern, hat die Gefahr eines Machtkampfs im Kreml möglicherweise gebannt, ohne die demokratischen Prinzipien zu verletzen. Nun kann Rußland in aller Ruhe den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus vollenden.

Doch was wissen wir über den unzweifelhaften Erben Wladimir Putin? Seiner schattenhaften KGB-Vergangenheit gemäß, recht wenig. Putin ist 46 Jahre alt, verheiratet und Absolvent der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Sankt Petersburg. Er gilt als Anhänger der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft, deren Funktionsweise er während seines 10jährigen DDR-Aufenthalts als KGB-Agent aus nächster Nähe beobachten konnte. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus arbeitete er im liberalen Magistrat von Sankt Petersburg Anfang der neunziger Jahre mit solch einflußreichen Führern der demokratischen Bewegung wie Anatolij Tschubajs zusammen. Anschließend leitete er in Moskau die KGB-Nachfolgeorganisation „Föderaler Sicherheitsdienst“ (FSB), bevor Jelzin ihn im August vergangenen Jahres überraschend zum Ministerpräsidenten ernannte.