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Die Fußball-WM läutet eine neue Ära in Südkorea ein

Die Euphorie der Fans von Mannschaften, die den Sieg bei einer sportlichen Großveranstaltung davontragen, ist kurzlebig. Südkoreanische Universitätsprofessoren erzählten mir jedoch, dass der unerwartete Erfolg der südkoreanischen Mannschaft bei der momentan stattfindenden Fußballweltmeisterschaft Veränderungen in der Haltung der Südkoreaner gegenüber ihrer eigenen Gesellschaft und Wirtschaft hervorgerufen hat. Warum?

Viele Südkoreaner, vor allem diejenigen, die in westlichen Ländern studierten oder lebten, beklagen sich über die ,,Günstlingswirtschaft" und die daraus resultierende Bedeutung von "Verbindungen" im täglichen Leben Südkoreas, die als charakteristisches Merkmal der südkoreanischen Gesellschaft empfunden werden. In ihren Augen ist es diese zügellose Vetternwirtschaft, die Südkorea daran hindert, wirtschaftlich mit dem Westen mitzuhalten, obwohl das Land bald über genauso viel Humankapital wie dieser verfügen wird.

Um die südkoreanische Günstlingswirtschaft zu verstehen, ist es notwendig, sie als einen Aspekt eines Netzwerkes miteinander verbundener sozialer Konventionen zu sehen. Die Koreaner akzeptieren ihren angestammten Platz in der Gesellschaft in einem Maß, das Amerikaner als extrem empfinden. Im persönlichen Umgang ebenso wie in Geschäftsangelegenheiten bewahren Koreaner eine soziale Hierarchie, in der Alter mehr zu zählen scheint, als tatsächliche Leistung.

Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt: Obwohl der Aufnahmeprozess an die Universitäten in Korea ebenso leistungsorientiert abläuft wie im Westen, hat sein positiver Abschluss jedoch bedeutendere und länger anhaltende Auswirkungen auf den letztlich eingenommenen Platz in der Gesellschaft. Es ist keine große Übertreibung zu behaupten, dass sich die Amerikaner ständigen Bewährungsproben unterziehen müssen, während dies in der traditionellen koreanischen Gesellschaft nur einmal notwendig ist. Ist diese erste Hürde geschafft, sind die Weichen für das weitere Leben gestellt, was man hauptsächlich dem einmal geschaffenen Netzwerk von Verbindungen verdankt.