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Frauen als Schlüssel zur Integration

KOPENHAGEN –Immer wieder wurde in den letzten zehn Jahren der Beweis erbracht, dass Frauenförderung der Schlüssel zur Lösung vieler vermeintlich unlösbarer Probleme ist, die den Fortschritt in der Politik behindern. Die Armut in Entwicklungsländern schien unausrottbar, bis Mikrokreditgeber Millionen einkommensschwache und mittellose Frauen als potenzielle Unternehmerinnen sahen. Durch die Einbeziehung afrikanischer Frauen in den Entscheidungsprozess um den Anbau von Nutzpflanzen werden ökologisch nachhaltige Anbaumethoden ermöglicht. Und wenn Frauen Zugang zu Bildung und Geschäftschancen sowie auch zu Verhütungsmethoden haben, kann das überschießende Bevölkerungswachstum unter Kontrolle gebracht werden.

Sind nun die Spannungen und Konflikte rund um die Einwanderung in Europa möglicherweise ein weiteres Thema, dessen Lösung in der Stärkung von Frauen zu suchen ist?  

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Anlässlich des Internationalen Frauentages besuchte ich vor kurzem Kopenhagen, wo ich viele Gespräche führte, wie sie in ganz Europa stattfinden: Bürgerinnen und Bürger aus dem gesamten politischen Spektrum mühten sich mit dem Thema der Einwanderung nach Europa und den daraus entstehenden kulturellen Spannungen ab. Was bedeutet es, angesichts von Millionen von Zuwanderern, vornehmlich aus nicht demokratischen Gesellschaften, Däne, Deutscher oder Franzose zu sein?

Bei einem Teil dieser Ängste handelt es sich um reinen Rassismus, aber nicht bei allen. Was würde „Integration“ bedeuten und wie kann sie erreicht werden, ohne dabei die hochgehaltenen Werte der Zivilgesellschaft aufzugeben? Das sind nicht unbedingt ausländerfeindliche Fragen: Eine aufgeklärte Zivilgesellschaft mit freier Presse und Rechtsstaatlichkeit ist sehr kostbar und diese Werte sollten auch nicht einem politisch korrektem moralischen Relativismus geopfert werden.  

Wieder aktuell wurde diese Frage durch die Verhaftung mutmaßlicher Dschihadisten aus mehreren Ländern in Irland. Sie werden verdächtigt, Mordpläne gegen einen schwedischen Karikaturisten geschmiedet zu haben, der den Propheten Mohammed als Hund darstellte. In ganz Europa nehmen die Diskussionen an Heftigkeit zu und Anti-Einwanderungs-Plattformen verzeichnen auch in sonst liberalen Ländern von Deutschland bis Frankreich und dem traditionell inklusiven und toleranten Dänemark verstärkten Zulauf.

Dann wurde mir der Prototyp einer echten Lösung vorgestellt. Ich traf Elisabeth Møller Jensen, Leiterin von KVINFO, des „Dänischen Informationszentrums für Genderfragen, Gleichberechtigung und Ethnizität.“ Diese außergewöhnliche Organisation wird vom dänischen Kulturministerium finanziert. Eines der zahlreichen innovativen Programme zeitigt schon erste Ergebnisse hinsichtlich einer echten Integration von Immigrantenfamilien in die dänische Gesellschaft. Indem man sich der Einwandererfrauen annimmt – und sie als potenzielle Führungspersönlichkeiten und nicht als stumme Hausmädchen oder Servicemitarbeiterinnen betrachtet – ermöglicht KVINFO es den Familien, die Vorteile einer offenen Gesellschaft für deren eigenes Leben zu erkennen.

KVINFO begann im Jahr 2002 als „Mentornetzwerk“ für Einwanderinnen und Flüchtlingsfrauen.  Bis 2010 wuchs dieses Netzwerk auf 5.000 Teilnehmerinnen an, ist ausgezeichnet worden und hat für die besten integrativen Verfahren viel internationalen Beifall geerntet. Diese Verfahren finden mittlerweile in ganz Dänemark Anwendung  – und Beobachter prüfen momentan Programme oder Partnerschaften, aufgrund derer dieses Modell auf Kanada, Spanien, Portugal und Norwegen übertragen werden kann. In den Programmen werden Mentorbeziehungen zwischen Flüchtlingsfrauen oder Einwanderinnen und dänischen Frauen geknüpft, die in Führungspositionen auf allen Ebenen der dänischen Gesellschaft tätig sind.

Diese Paarbildung erfolgt jedoch nicht rein oberflächlich. Durch einen sorgfältigen Auswahlprozess werden Interessen und Ziele der Frauen auf beiden Seiten ermittelt. Diese Methode hat sich bereits in erstaunlicher Weise bezahlt gemacht. Frauen, die in ihren Herkunftsländern als Journalistinnen, Ingenieurinnen oder Wissenschaftlerinnen tätig waren – und in Dänemark nicht einmal als Supermarktkassiererin arbeiten konnten  – bekamen eine dänische Mentorin und drücken nun entweder wieder die Schulbank, haben einen Job oder arbeiten in der Wissenschaft.

Aber auch für Frauen ohne höheren Schulabschluss oder Berufsausbildung wird ein  „Aktionsplan“ erstellt. Sie lernen von ihren Mentorinnen, welche Möglichkeiten es gibt, wie man vorgeht und was man tun kann, um seine Ziele zu erreichen.  Wenn sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, verbessern sich ihre Sprachkenntnisse, die Haushaltseinkommen steigen spürbar an und die Kinder sehen ihre Mutter als Frau in einer respektierten und ökonomisch wertvollen Rolle. So wird auch den Kindern vermittelt, wie man im europäischen Umfeld Erfolg hat – gelegentlich nehmen sie an Veranstaltungen des KVINFO teil und profitieren so von dem sich erweiternden Netzwerk an Kontakten ihrer Mütter.  

Statt also ewig mit dem Gefühl ausgebeutet zu werden am Rande einer nordeuropäischen Gesellschaft zu leben – und daher anfällig für die Agitation von Demagogen und Extremisten zu sein – wachsen die Kinder dieser Frauen voll integriert in die dänische Zivilgesellschaft auf, sind hinsichtlich der Bildungs- und Berufschancen wohl informiert und von ihrer Grundstimmung her hoffnungsfroh und nicht zynisch. Durch die Stärkung der Frauen erfährt die gesamte Familie in unterstützender und nicht kolonialisierender Weise eine Aufwertung. Man wird im besten Sinne des Wortes „europäisiert“. 

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Es macht mich betroffen, dass sich viele Europäer wirklichkeitsfremder Euphemismen bedienen, wenn sie über Einwanderer sprechen: Sie möchten, dass sich die Einwanderer „willkommen“ oder „wohl“ fühlen. Ich frage mich immer, ob sie wollen, dass sich Immigranten als Franzosen oder Deutsche oder Norweger fühlen.  

Um vollständig integriert zu werden, müssen Muslime und andere Zuwanderer in europäischen Ländern nicht als – wenn auch im Idealfall wohlgelittene - Dauergäste willkommen geheißen werden, sondern eher als Familienmitglieder wie es das amerikanische Modell vorsieht (oder zumindest anstrebt). Frau Møller Jensen formuliert es so: „Ich möchte, dass sich diese Kinder als Dänen fühlen.“  Sowohl Dänemark selbst als auch die jungen Menschen profitieren davon, weil sie als „KVINFO-Generation“ in der dänischen Zivilgesellschaft aufwachsen und die Welt als Dänen und nicht als Gäste wahrnehmen.