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Ist Amerikas Leid Chinas Freud?

NEW YORK – In ihren Bemühungen, einen Rettungsplan für das amerikanische Finanzsystem durch den Kongress zu bringen, erinnerten die Beamten der Regierung Bush an das Schreckgespenst der Großen Depression in den 1930er Jahren. Für die meisten Asiaten liegt die letzte wirtschaftliche Katastrophe eine viel kürzere Zeit zurück.

Die Finanzkrise in Asien vor etwa zehn Jahren zwang Banken, Unternehmen und Regierungen in die Knie. Das Feuer wurde durch den Zusammenbruch des thailändischen Baht im Sommer 1997 entzündet. Bald war ganz Ostasien „angesteckt“, wobei sich die allmählichen Folgeerscheinungen mit regelmäßigen Währungsentwertungen bis nach Russland und Brasilien fortsetzten. Die langjährigen „Wirtschaftswunder“ Südkoreas und Hongkongs kamen zu einem Ende, ebenso das rasche Wachstum in Indonesien und Thailand.

Die zentrale Lektion aus dieser Krise lautete, große Devisenreserven anzusammeln. Dies wurde bei den ostasiatischen Regierungen praktisch zum Glaubensbekenntnis. In den 90er Jahren unterhielten die schnell wachsenden Volkswirtschaften Asiens geringe Reserven, trotz boomender Exporte und ausländischer Investitionen. Als die Wirtschaft 1997 ins Trudeln geriet, hinderte der Mangel an staatlichen Reserven den Staat daran, die bankrotten Banken zu retten, sodass sie gezwungen waren, internationale Institutionen um Hilfe zu bitten.

Doch waren an die Rettung durch den Internationalen Währungsfonds gewisse Bedingungen geknüpft, so z. B. Forderungen nach einer weiteren schnellen Liberalisierung des Kapitalmarkts, die überhaupt erst zu dieser Krise geführt hatte. Was im Westen als „Asienkrise“ bezeichnet wird, nennt man in Asien „IWF-Krise“. Die politische Demütigung und wirtschaftliche Frustration bei der Anwendung der IWF-Gebote bestätigte die zentrale Bedeutung hoher Reserven, nicht nur im Hinblick auf die Währungsstabilität, sondern auch bezüglich der wirtschaftlichen Souveränität.