0

Warum wählen gehen?

Als australischer Staatsbürger gab ich bei den jüngsten australischen Parlamentswahlen meine Stimme ab. Ungefähr 95 % aller registrierten australischen Wähler taten es mir gleich. Dieser Prozentsatz steht in starkem Kontrast zu den Zahlen für die Präsidentenwahlen in den USA im Jahr 2004, wo die Wahlbeteilung bei knapp über 60 % lag. Bei Kongresswahlen, die immer zur Halbzeit der Amtsperiode des Präsidenten stattfinden, bemühen sich üblicherweise weniger als 40 % der wahlberechtigten Amerikaner zu den Urnen.

Es gibt einen Grund, warum sich so viele Australier an den Wahlen beteiligen. In den 1920er Jahren wurde nämlich die Wahlpflicht eingeführt, nachdem die Wahlbeteiligung auf weniger als 60 % gesunken war. Seit damals wurde trotz unterschiedlicher politischer Ausrichtungen der Regierungen kein ernsthafter Versuch unternommen, dieses Gesetz aufzuheben, das laut Umfragen von ungefähr 70 % der australischen Bevölkerung gutgeheißen wird.

Australier, die nicht zur Wahl gehen, bekommen einen Brief, in dem nach den Gründen für ihr Fernbleiben gefragt wird. Diejenigen, die keine plausible Entschuldigung wie Krankheit oder eine Auslandsreise vorbringen können, müssen eine kleine Strafe bezahlen. Allerdings liegt deren Zahl unter 1 % aller Wahlberechtigten.

Verpflichtend ist in der Praxis ja nicht die Abgabe einer gültigen Stimme, sondern der Gang zur Wahlurne, um dort sein Erscheinen bestätigt zu bekommen und seinen Stimmzettel in die Wahlurne einzuwerfen. Aufgrund des Wahlgeheimnisses ist es unmöglich, die Menschen davon abzuhalten, Unsinn auf den Stimmzettel zu schreiben oder diesen gar nicht auszufüllen. Obwohl der Prozentsatz der ungültigen Stimmen bei Wahlpflicht etwas höher liegt, ist er nirgends auch nur annähernd so hoch wie der Unterschied in der Wahlbeteiligung.