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Warum Frankreich die europäische Verfassung torpedieren wird

Glaubt man den Meinungsumfragen, so werden die Franzosen am 29. Mai den Verfassungsentwurf der Europäischen Union ablehnen – und da sie von allen EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert werden muss, bedeutet ein französisches „Non“ praktisch das Ende der Verfassung.

So erstaunlich diese Entwicklung scheint: Sie hat sich seit langem abgezeichnet. Sie erstaunt, weil Frankreich nicht nur Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft war, sondern auch die wichtigste Triebkraft hinter allen wesentlichen Schritten hin zu einem immer engeren Zusammenschluss der europäischen Staaten. Gleichzeitig jedoch war der Widerstand der Franzosen vorhersehbar. Seit nunmehr einem Jahrzehnt entfernt sich Frankreich von Europa und ist inzwischen zunehmend isoliert. Natürlich hat sich auch Europa aufgrund der sukzessiven Erweiterungen von Frankreich entfernt, doch die wesentlichen Wurzeln der Entfremdung liegen in Frankreich selbst.

Die Franzosen betrachten den Rückgang ihrer Stellung und ihres Ansehens – nicht nur in der Weltpolitik, sondern auch der Kultur, der Wissenschaft und (besonders wichtig) der Sprache mit großer Trauer. Europa war in ihren Augen immer ein Weg, ihren Einfluss in der Welt zurückzuerlangen.

Drei Jahrzehnte lang funktionierte dies. Frankreich und Deutschland hatten ein Bündnis geschmiedet, das in Europa den Ton angab. Deutschland – vor dem Hintergrund seiner Nazivergangenheit nicht an geopolitischer Macht interessiert – war es zufrieden, Frankreichs Ambitionen zu unterstützen, solange der Gemeinsame Markt ihm Gelegenheit gab, Europas wirtschaftliche Machtzentrale zu sein.